Jack-Wolfskin-Chef

Manfred Hell, der Bergsteiger

Von Lisa Nienhaus
 - 21:32

Manfred Hell ist keiner, der einen Raum einfach nur betritt. Er stürmt herein. Den Kopf mit der grauen Mähne vorgereckt, den Oberkörper in Richtung Horizontale geneigt, als besteige er einen Gipfel oder lehne sich gegen einen störrischen Wind, eilt er voran und dröhnt: „Hier entlang, bitte schön!“ Im hellen Büro wirft er sich in einen Stuhl, nur um gleich wieder aufzuspringen und zu kommentieren, was da vor seinem Fenster passiert. Der Jacken- und Rucksackspezialist Jack Wolfskin, dessen Chef Hell ist, baut einen kleinen Sportplatz für seine Mitarbeiter. Die Angestellten sollen schließlich in Bewegung bleiben. So wie Geschäftsführer Hell.

Vergangenes Jahr war er drei Wochen in Patagonien unterwegs. Im Januar ist er in den Schweizer Bergen gewandert, im Februar in Marokko eine hochalpine Tour gelaufen. „Ich mache alles: Schneeschuhwandern, Klettersteige, alpine Touren, Kanufahren.“ Das alles natürlich in Jack Wolfskin. Hell ist erster Träger seiner Marke, der Leitwolf der Firma. Er nimmt das sehr ernst, weshalb er auch zum Interview in einer schwarzen Jack-Wolfskin-Fleece-Jacke erscheint. Mit seinen zwei Kindern ließ er sich für den aktuellen Katalog auf einer Tour durch den Schnee ablichten.

Nur eine Richtung: aufwärts

Manfred Hell steigt am liebsten bergauf. Dafür hat er sich das richtige Unternehmen ausgewählt. Denn Jack Wolfskin ist nicht nur ein Ausrüster, der alles für die Bergtour verkauft: Jacken, Zelte, Ruck- und Schlafsäcke, Skiklamotten, Mützen und Schuhe. Das Unternehmen aus dem hessischen Idstein kennt auch seit Jahren nur eine Richtung: aufwärts. Im Jahr 2007 machte es 156,3 Millionen Euro Umsatz - 21 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Dabei war Jack Wolfskin schon 2006 deutlich gewachsen. Seit vier Jahren sind die Wachstumsraten zweistellig.

Trotz der Expansion sei Jack Wolfskin profitabel, sagt Hell, genauer will er das allerdings nicht beziffern. Auch über den Anteil, den er am Unternehmen erworben hat, schweigt er mit dem Hinweis, das habe er mit den anderen Anteilseignern so vereinbart. Die gehören zu einer äußerst verschwiegenen Branche: Private Equity. An Jack Wolfskin sind Quadriga Capital aus Frankfurt und Barclays Private Equity beteiligt. Und wie in der Welt des privaten Beteiligungskapitals üblich, sind die beiden Investoren noch nicht lange dabei - seit 2005. Zuvor war Bain Capital der Eigner, ein amerikanischer Investor. Er hatte Jack Wolfskin 2001 vom amerikanischen Unternehmen Johnson Outdoors gekauft. Das wiederum hatte Jack Wolfskin dem Inhaber und Gründer Ulrich Dausien zehn Jahre zuvor abgekauft.

Erster Lebenstraum: Professor werden

Manfred Hell war die meiste Zeit dabei. Er erlebte Jack Wolfskin als Miniunternehmen mit Gründergeist, als Teil eines Textil-Konglomerats und als Investitionsobjekt von Private Equity. Die vielen Eigentümerwechsel gefallen ihm nicht besonders. „Ich konzentriere mich lieber aufs Geschäft.“ Aber er hat gelernt, mit den Anzugträgern umzugehen - auch wenn sie nicht aus seiner Welt stammen. Sie sind notwendig, um an Kapital zu kommen, findet er. „Wenn ich zur Bank gehe und sage, das ist mein Konzept, dann rufen die den Notarzt und sagen: ,Holt den mal ab.'“

Ganz anders sei es, wenn er einen Private-Equity-Investor dabeihabe. „Dann streicheln die mir über den Kopf und sagen: ,Super' - beim gleichen Konzept.“ Dass er einmal ein Mann der Wirtschaft sein würde, das hat Hell sich früher nicht vorgestellt. Aufgewachsen ist er in der Eifel „im Wald und auf dem Fußballplatz“, sein Vater war ein einfacher Arbeiter, die Großeltern Bauern. Als Jugendlicher schraubte Hell gern an Mopeds, hörte Rockmusik und las Romane. Nach dem Abitur studierte er Sprach- und Literaturwissenschaften in Bonn, nahm öfter mal eine Auszeit zum Reisen und trug die Haare lang. Sein erster Lebenstraum: Professor werden.

Mitarbeiter Nummer 13

Er hatte schon eine Assistentenstelle in Aussicht und mit seiner Promotion begonnen. Thema: Alfred Döblin. Hell wollte den Schriftsteller mit seiner Arbeit von dem Vorwurf der Imitation von James Joyce freisprechen. „Ich war sehr passioniert.“ Doch dann kam Bildungsminister Jürgen Möllemann, der „damals alles weggeflext hat, was nicht verbeamtet war“, sagt Hell - auch Hells betreuenden Professor. „Ich war plötzlich mittellos und musste sehen, wie ich mich selbst finanziere.“

Das tat er dort, wo der belesene Naturbursche sich ebenso wohl fühlte wie an der Universität: im Bergsportladen Sine in Bonn. Er gehört dem Mann, der auch Jack Wolfskin gegründet hat: Ulrich Dausien. „Damals gab es die Outdoor-Industrie ja eigentlich noch gar nicht“, erzählt Hell. „Die Läden fanden sich alle in verwegenen Lagen.“ Doch er fühlte sich wohl, begeisterte sich für die Produkte und kannte bald die Kataloge auswendig.

Irgendwann sprach er Ulrich Dausien an, ob er nicht mitmachen könne bei Jack Wolfskin, das damals erst umgerechnet rund fünf Millionen Euro Umsatz machte. Dausien war einverstanden und machte Hell im Februar 1988 zum Mitarbeiter Nummer 13 und zum Export-Direktor. „Das war ein toller Titel“, sagt Hell. „Aber es gab gar keinen Export. Ich war also ein König ohne Land.“

„Er war ehrgeizig, klug und konsequent“

Eigentlich sollte Hell mit dem Export nur ein wenig experimentieren, wenn ihm Zeit blieb neben seiner täglichen Arbeit als Großkundenbetreuer. Doch Hell stürmte los. Schon 1989, ein Jahr nach Antritt, schloss er den ersten Lizenzvertrag in Japan ab. Auch nach Großbritannien und in die Schweiz wagte Hell sich vor. Dausien war beeindruckt von seinem neuen „Export Direktor“. „Er war ehrgeizig, klug und konsequent“, sagt Dausien heute. „Viel konsequenter als ich.“

In den folgenden Jahren ging es schnell voran für Jack Wolfskin. Um nicht zu sagen: rasant. Besonders in Deutschland wurde die Marke immer bekannter. Dausien hatte bald nicht mehr genügend Kapital, um zu wachsen. „Und Mittelstandsförderung war nicht gerade das Lieblingsthema der Banken“, sagt Hell. Also verkaufte Dausien 1991 an den amerikanischen Textilkonzern Johnson Outdoors - und übergab die Geschäftsführung peu à peu an Manfred Hell.

„Dausien ist ein Gründertyp“, sagt Hell dazu. „Das sind häufig nicht diejenigen, die ein Unternehmen in eine strukturierte Wachstumsphase bringen.“ Dafür, so lässt er durchblicken, war er selbst der bessere Mann. Obwohl einige Leute damals gelacht hätten. „Ein Literaturwissenschaftler, der ein Unternehmen führt - das erschien ihnen absurd.“

„Das ist mein Unternehmen

Hell hat gezeigt, dass es geht. Er hat zusätzlich zu Jacken, Schlaf- und Rucksäcken auch Schuhe mit dem Markenzeichen Jack Wolfskin eingeführt und eine modische Kollektion für die Stadt. Zudem hat er Partner gesucht, die eigene Jack-Wolfskin-Läden eröffneten. Mittlerweile gibt es davon 144 in Deutschland, weitere 32 in Europa, fünf in China und 28 in Japan. Er hat den Export angeleiert und mehr Geld für Werbung zur Verfügung gestellt. Deutlich über zehn Prozent des Umsatzes investiert Jack Wolfskin seitdem ins Marketing - viel mehr als in der Branche üblich. Und er hat sich an seinem Unternehmen beteiligt. „Ich habe hier viel Kraft und sehr viel von meiner Person reingesteckt“, sagt er. „Das ist mein Unternehmen.“

Vom Arbeiterkind zum Literaturwissenschaftler mit Un-Ambitionen zum Unternehmer - Manfred Hell findet diesen Weg nicht krumm, sondern „persönlichkeitskonform“. „Ich bin ein verspielter Typ.“ Er macht gerne mehrere Sachen gleichzeitig und probiert aus, was er kann. So hat er auch seinen Kumpel BAP-Sänger Wolfgang Niedecken kennengelernt - eine seiner Lieblingsgeschichten.

Alles Private ist ein bisschen Geschäft

Es war ein Zeitungsinterview für die „Rhein-Zeitung“. Der eigentliche Journalist hatte kurzfristig abgesagt, aber der Konzertveranstalter, ein Freund von Hell, wollte unbedingt Presse. „Ich hab gesagt, ich springe nur ein, wenn meine Tochter mitkommen darf“, sagt Hell. Dann saß er mit seiner Tochter Niedecken gegenüber, hatte keine Fragen parat, und „ich musste schnell zugeben, dass ich gar kein Journalist bin“. Sondern Fan. Heraus kam ein langes Interview - „ohne Fragen wie: Was bedeutet eigentlich BAP?“ - und eine Freundschaft.

Das passt zu Hell. Erstens traut er sich fast alles zu, und zweitens schottet er seine Person nicht ab. Jedes Geschäft ist auch immer ein bisschen privat. Und alles Private ist ein bisschen Geschäft. So auch seine Freundschaft mit Niedecken.

Einmal im Jahr auf „Große-Jungs-Urlaub“

Manfred Hell betreibt nebenher eine Galerie, in der er Niedeckens Kunstwerke ausstellt. Eine Zeitlang hat er sogar parallel zur Arbeit bei Jack Wolfskin BAP gemanagt. „Da habe ich mal in eine andere Industrie reingeschaut“, sagt er. „Aber nachher war ich sehr, sehr müde.“

Niedecken hat ihm seinerseits zu einem Werbespot für Jack Wolfskin verholfen. Gedreht hat ihn „der Wim“, gemeint ist Filmemacher Wim Wenders, zum „Freundschaftspreis“. „Nur schöne Bilder, kein Wort wurde gesprochen“, schwärmt Hell. „Der wohl ruhigste Werbespot aller Zeiten.“ Niedecken habe nur „ein bisschen Gitarre druntergespielt“.

Einmal im Jahr gehen die beiden außerdem zusammen auf „Große-Jungs-Urlaub“, wie Hell das nennt. Die Familien bleiben zu Hause, die Handys aus, dafür ist die Gitarre immer dabei. „Wenn wir zurückkommen, hat er ein paar Songs geschrieben, und ich habe ein paar gute Ideen für Jack Wolfskin.“

Quelle: F.A.S.
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