Lieferdienst

Rendezvous mit einer Drohne

Von Johannes Ritter, Zollikon
 - 08:13

Das unbekannte Flugobjekt jagt mit 70 Sachen herbei. Als es sich seinem programmierten Ziel nähert, bremst es geschwind ab und verlässt die Reiseflughöhe, die stets 80 Meter beträgt. Die vier Propeller machen ganz schön Radau. Der 1,20 Meter mal 1,20 Meter große Mini-Helikopter hört sich an wie ein ganzer Schwarm Hornissen, nur ist der Sound dunkler und tiefer. Die Drohne bleibt in der Luft stehen und nimmt Maß. Im Visier hat sie einen parkenden Mercedes-Transporter, der eifrig Infrarotsignale nach oben jagt. Das Gefährt ist in diesem Moment gleichsam das Mutterschiff, das schon sehnlichst auf die Ankunft des emsigen Fliegers wartet. Dieser braucht etwa 30 Sekunden Zeit für die präzise Ortung. Er will sichergehen, dass er sein Ziel nicht verfehlt.

Und tatsächlich: Es klappt. Wie von Geisterhand setzt der Quadrokopter sanft auf der Mitte des Autodachs auf, ohne dass irgendjemand einen Steuerknüppel oder einen Joystick betätigen müsste. Alles läuft automatisch. In ihrem Bauch hat die schlaue Drohne eine Packung Kaffee des Unternehmens „Black & Blaze“, einer Edelrösterei aus einem Vorort von Zürich. Zwischen der Bestellung dieser Ware via Smartphone und deren Luftlandung im acht Kilometer entfernten Zollikon vergingen keine zehn Minuten.

Zollikon liegt vor den Toren von Zürich und beherbergt eine Verkaufsniederlassung von Mercedes-Benz. Dort hat der Stuttgarter Autohersteller dieser Tage gezeigt, wie der Lieferdienst der Zukunft aussehen könnte. Was hat Daimler mit Pakete austragenden Drohnen am Hut? Der Konzern sieht sich in der Transportlogistik nicht mehr nur als Hersteller von Fahrzeugen, sondern als Anbieter ganzheitlicher Systemlösungen im Dienste des Kunden. Wie vor Jahresfrist angekündigt, investieren die Stuttgarter deshalb eine halbe Milliarde Euro in den Transporter der Zukunft. Als Teil dieser Offensive hat sich Daimler inzwischen an dem amerikanischen Drohnenpionier Matternet und dem estnischen Lieferroboterentwickler Starship Technologies beteiligt.

Lieferung noch am selben Tag

Matternet ist auch der Partner in dem Pilotprojekt in Zürich, bei dem erstmals überhaupt autonom fliegende (aber überwachte) Drohnen in einem städtischen Gebiet eingesetzt werden dürfen. In den nächsten zwei Wochen können Kunden des Schweizer Online-Marktplatzes Siroop, einer Tochtergesellschaft des Einzelhändlers Coop und des Telekomkonzerns Swisscom, ausgewählte Produkte bestellen, die ihnen dann mit Hilfe der Drohnen noch am selben Tag zugestellt werden. Die kleinen Transportflieger, die bis zu zwei Kilogramm tragen können, folgen vorbestimmten Routen und laden ihre Ware im Zürcher Stadtgebiet an fest definierten Rendezvous-Punkten auf den Dächern der Mercedes-Fahrzeuge ab. So können die Fahrer eine aktuelle Bestellung noch in ihren Zustellplan einflechten.

Den Endkunden direkt per Drohne zu beliefern ist nicht Teil der Tests, für die Zukunft aber natürlich eine hübsche Option - nur nicht für Mercedes, deren Transporter dann nicht mehr benötigt würden. Andererseits: Längst nicht alle Kunden haben einen Garten oder ein Hausdach, auf dem eine Drohne, beispielsweise mit dem begehrten neuen Mobiltelefon im Gepäck, problem- und gefahrlos landen kann.

Aber selbst wer daheim einen kleinen Airport zu bieten hat, muss wohl noch Jahre auf den praktischen und vor allem schnellen Fluglieferservice warten. Denn autonome Drohnen bewegen sich in einem streng regulierten Rahmen. Sie teilen sich den Luftraum mit Polizei- und Rettungshubschraubern. Entsprechend schwierig und langwierig ist es, überhaupt eine Einsatzgenehmigung zu erhalten. In der Schweiz verging rund ein halbes Jahr, bis alle behördlichen Freigaben für das Pilotprojekt vorlagen. In Deutschland hätte es freilich noch viel länger gedauert. Das Schweizer Bundesamt für Zivilluftfahrt (BAZL) sei sehr innovationsfreundlich und habe sich nicht als Verhinderer, sondern als Möglichmacher geriert, sagt Stefan Maurer, der bei Mercedes-Benz Vans für "Future Transportation" zuständig ist.

Gefahren im Stadtgebiet

Gleichwohl musste das Matternet-Flugsystem zahlreiche Sicherheitstests bestehen. Denn eines darf in einem dichtbesiedelten Stadtgebiet gewiss nicht passieren: dass eines der zehn Kilogramm schweren Flugobjekte unkontrolliert abstürzt. Dies werde nicht geschehen, beteuert Andreas Raptopoulos, der Gründer und Chef von Matternet. Im Fall von technischen Problemen oder wenn die Drohne vom festgelegten Kurs abkomme, öffne sich automatisch ein Fallschirm. „Damit sinkt sie so langsam zu Boden, dass niemand verletzt werden kann.“ Zudem stoße die Drohne während des Falls ein akustisches Warnsignal aus.

Geholfen hat sicherlich auch, dass Matternet seine Flieger in Lugano im Kanton Tessin schon unfallfrei durch die Luft sausen lässt: In Zusammenarbeit mit der Schweizer Post, die in der Drohnenlogistik zu den Vorreitern in der Welt zählt, transportieren die Quadrokopter in Windeseile Blutproben und Medikamente von einem Krankenhaus zum nächsten. Der seit März laufende Testbetrieb soll noch in diesem Jahr auf Dauerbetrieb umgestellt werden. Die Schweiz ist damit das erste Land, in dem das autonome Flugsystem der im Silicon Valley ansässigen Matternet kommerziell zum Einsatz kommt. Als nächste Märkte will sich Raptopoulos Deutschland und Großbritannien vorknöpfen.

Von dem Erfolg seines Geschäfts ist er überzeugt: „Wir glauben, dass drohnengestützte Logistik-Netzwerke die Art, wie wir tagtäglich auf Produkte zugreifen, grundlegend verändern werden.“ Der Mercedes-Manager Maurer erhofft sich von dem Projekt in Zürich wertvolle Erkenntnisse darüber, was mit der Drohnentechnologie möglich ist und welches Geschäftsmodell sich daraus für Mercedes-Benz konkret ableiten könnte. Reicht es, sich in innovativen Logistikkonzepten als Konsortialpartner einzubringen, oder sollte der Autohersteller Gemeinschaftsunternehmen schmieden, um in diesem Zukunftsspiel richtig fest mit an Bord zu sein? Den Online-Marktplatz Siroop treibt jenseits der technischen Machbarkeit und wetterbedingter Hürden vor allem die Frage um, wie die Zürcher während des Testbetriebs auf den revolutionären neuen Liefervogel reagieren. Es ist schließlich nicht nur ungewöhnlich, sondern auch ein wenig unheimlich, wenn eine dicke Drohne mit Autopilot plötzlich laut brummend um die Straßenecke schwirrt. „Deshalb haben wir 12 000 Flyer in den Vierteln verteilt, wo die Drohnen zum Einsatz kommen“, sagt der Siroop-Geschäftsführer Peter Rohn.

Wissen will er auch, wie wichtig den Kunden eine ultraschnelle Lieferung überhaupt ist und wie viel sie dafür bezahlen würden. Für Lieferungen am selben Tag zahlt man in der Schweiz heute im Durchschnitt rund 15 Franken. Mehr sollte langfristig auch die Drohnenzustellung nicht kosten, meint Rohn. Damit sich solch ein Preis für den Anbieter rechnet, braucht es freilich sehr viele zahlende Kunden - und ein ganzes Drohnenvolk am Himmel.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ritter, Johannes (rit.)
Johannes Ritter
Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.
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