Kommentar Pro Sieben Sat 1

Privatsender mit Bildstörung

Von Henning Peitsmeier, München
 - 12:39

Immer wieder gibt es Vorschläge für eine Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mit seinem überbordenden Gebührenaufkommen. Kaum einer ging bisher so weit wie der des Fernsehmanagers Conrad Albert, der nicht nur die acht Milliarden Euro für ARD und ZDF als zu hoch attackierte, sondern in einer „Medienordnung 4.0“ ihre Umverteilung auf alle Medien forderte, die „gesellschaftlich relevante Inhalte“ produzierten.

Die Forderung, im Sommer erhoben, hat wenige Monate später einen Beigeschmack. Denn Albert ist Vorstand der börsennotierten Pro Sieben Sat 1 Medien SE, und die Privatsendergruppe musste wiederholt eingestehen, dass ihre Werbeeinnahmen im Fernsehen stetig schrumpfen – und zwar stärker als bei der privaten Konkurrenz. In diesem Licht wirkt der Vorstoß des Vorstands wie der verzweifelte Versuch, neue Einnahmequellen zu erschließen.

Ebeling ist nun eine „lame duck“

An der Börse befindet sich die Pro-Sieben-Sat-1-Aktie seit Monaten im freien Fall, kein Titel im Deutschen Aktienindex Dax erlitt derartige Kursverluste. Ganz offensichtlich wachsen die Zweifel an der Strategie des Medienkonzerns. Der Vorstandsvorsitzende Thomas Ebeling, seit mehr als acht Jahren im Amt, will eigentlich unabhängiger vom Fernsehwerbegeschäft werden. Pro Sieben Sat 1 soll zu einem „Broadcasting, Digital Entertainment & Commerce Powerhouse“ werden, welches das althergebrachte Fernsehen mit dem jungen Internetgeschäft vereint. Ebeling verkaufte die Auslandssender und den Nachrichtenkanal N24, er verzichtete auf die teuren Rechte der Fußball-Champions-League und kaufte stattdessen Internetreiseportale, Online-Spiele und Shopping-Plattformen. Das kam anfangs bei den Börsianern gut an.

Doch der Versuch, dem klassischen Fernsehen, das jedes Jahr Zuschauer verliert, eine neue Ausrichtung zu geben, hält einer kritischen Überprüfung nicht stand. Wie ARD und ZDF müssen sich auch die Kanäle von Pro Sieben Sat1 mit neuen Konkurrenten um die Zuschauergunst auseinandersetzen. Gerade junge Menschen wenden sich vom Fernsehen ab. Sie lassen sich von den Programmschaffenden keine feste Sendezeit mehr vorschreiben, sondern schauen lieber zeitversetzt im Internet. Bei dieser werberelevanten Zielgruppe stehen die amerikanischen Online-Videotheken von Netflix und Amazon Prime hoch im Kurs. Maxdome, das verlustreiche Pendant von Pro Sieben Sat 1, schafft es nicht, sich gegen die ausländische Dominanz zu behaupten.

Es mag sein, dass das Durchschnittsalter der Pro-Sieben-Sat-1-Zuschauer niedriger ist als im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Doch Konsumgüterkonzerne wie Nestlé oder Procter & Gamble haben aufmerksam registriert, dass das dortige Programm vornehmlich aus einer Aneinanderreihung amerikanischer Comedyserien wie „The Big Bang Theory“ oder Castingshows wie „Germany’s Next Topmodel“ besteht. Unter Ebeling hat Pro Sieben Sat1 zu wenig in neue, kreative Programminhalte investiert. Auch erwiesen sich mehrere Fernsehserien als Flops, allein im dritten Quartal mussten 170 Millionen Euro Filmvermögen abgeschrieben werden. Die Marktanteile der beiden wichtigsten Sender Pro Sieben und Sat1 sinken – und mit ihnen die Werbeeinnahmen.

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Ein Sanierungsfall, wie vor acht Jahren, ist die Privatsendergruppe allerdings nicht. Aber das Vertrauen in die Fähigkeit des Vorstands um Ebeling, eine klare Strategie für das Digitalgeschäft zu finden, schwindet. Bisher weisen die jungen Geschäftsfelder eine niedrigere Profitabilität auf als das angestammte Fernsehgeschäft, das immer noch den Löwenanteil des operativen Konzerngewinns erwirtschaftet. Dutzende Internetunternehmen wurden in den vergangenen zwei Jahren gekauft, darunter auch ein Online-Reisebüro, weil der Markt dem Vorstand als vielversprechend erschien. Die Rechnung ging auf, und zwar so gut, dass Pro Sieben Sat1 das Reiseportal kurzerhand wieder verkaufte – trotz guter Erfolgsaussichten. Wer den kurzfristig zu realisierenden Gewinn über die eigene, langfristige Strategie stellt, der spielt mit dem Vertrauen der Aktionäre.

Zu allem Überfluss hat sich Ebeling an der Vorstandsspitze selbst geschwächt, als er schon vor einem Jahr in einem Interview über seinen Abschied spekulierte. Der Vertrag des Achtundfünfzigjährigen läuft noch bis ins Jahr 2019 hinein, aber Ebeling glaubt, dass man mit 60 Jahren kein Medienunternehmen mehr leiten solle.

Diese Ansicht kann man vertreten, aber möglichst nicht öffentlich. So ist Ebeling nun eine „lame duck“. Weil der Aufsichtsrat einer lahmen Ente die Wende zum Besseren nicht zutraut, hat die Nachfolgesuche begonnen. In den eigenen Reihen wird er nicht fündig werden, weil Ebeling es versäumt hat, einen Nachfolger aufzubauen. Geeignete Manager verließen den Konzern, manche im Streit.

All dies stört das Bild von einem „Powerhouse“ ganz gewaltig. Pro Sieben Sat 1 muss, mit welchem Vorstandsvorsitzenden auch immer, rasch wieder sendefähig werden. Neidvoll auf den Gebührentopf von ARD und ZDF zu schielen ist keine Lösung.

Quelle: F.A.Z.
Henning Peitsmeier - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Henning Peitsmeier
Wirtschaftskorrespondent in München.
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