Russischer Ölkonzern

Warum holt Putin Schröder zu Rosneft?

Von Benjamin Triebe, Moskau
 - 15:12

Neben dem Erdgasriesen Gasprom ist der ebenfalls vom Kreml kontrollierte Erdölkonzern Rosneft das wichtigste Energieunternehmen Russlands. Als Mitglied des Direktoriums, in das er am Freitag gewählt wurde, wird der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder die Aktivitäten eines Konzerns überblicken, der mit rund 4,1 Millionen Fass pro Tag nicht nur den Löwenanteil der russischen Rohölproduktion von knapp 11 Millionen Fass stellt, sondern sich in den vergangenen Jahren auch deutlich internationaler entfaltet hat. Rosneft liefert Erdöl im großen Stil nach China, hat sich am Raffineriegeschäft in Indien beteiligt und enge Bande mit Venezuela geknüpft. Gemessen an der Produktion ist Rosneft der größte börsennotierte Erdölproduzent der Welt.

Das Direktorium von Rosneft entspricht etwa einem angelsächsischen Verwaltungsrat. Anders als ein deutscher Aufsichtsrat ist es nicht paritätisch zwischen der Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite aufgeteilt, sondern wird neben Vertretern der Aktionäre mit sogenannten unabhängigen Mitgliedern besetzt, die nicht mit den Eigentümern des Unternehmens verbandelt sind. Solch eine „unabhängige“ Rolle ist auch für Schröder vorgesehen. Diese Mitglieder sollen Rosnefts Akzeptanz bei internationalen Investoren steigern; vergangenes Jahr erhielten sie je zwischen 550.000 und 580.000 Dollar Entlohnung.

Setschin gilt als zweitmächtigster Mann des Landes

Das Aktionariat ist inzwischen für russische Verhältnisse ziemlich breit: Zwar liegt die Mehrheit der Aktien von etwas über 50 Prozent beim Staat, aber zu den weiteren Großaktionären zählen die britische BP, der katarische Staatsfonds und der Rohstoffhändler Glencore. Das Konsortium aus Glencore und Katar hatte im Dezember 2016 den Einstieg bei Rosneft besiegelt und im Rahmen einer Teilprivatisierung 19,5 Prozent erworben. Wie Anfang September bekannt wurde, geben sie nun 14,2 Prozent an den Energiekonzern CEFC China Energy weiter. Der Kaufpreis beträgt umgerechnet rund 7,6 Milliarden Euro.

Gelenkt wird Rosneft von Igor Setschin, einem engen Vertrauten von Präsident Wladimir Putin. Setschin ist Vorsitzender des Managementkomitees, das die Geschäfte des Konzerns führt. Dieser Mann gilt manchen als der zweitmächtigste des Landes und ist schon für die Kreml-Elite schwer zu kontrollieren – dass Gerhard Schröder ernsthaft versuchen sollte, ihn zu bändigen, darf als unwahrscheinlich gelten. Setschin ist wegen Russlands Aggression im Ukraine-Konflikt persönlich mit amerikanischen Sanktionen belegt, genau wie der Konzern Rosneft. Auch die EU hat Strafmaßnahmen verhängt, allerdings nur gegen das Unternehmen. Als Folge der Sanktionen dürfen westliche Unternehmen sich nicht mehr an besonders schwierigen Förderprojekten Rosnefts beteiligen oder dafür Technologie liefern. Auch Rosnefts Möglichkeiten zur Refinanzierung am internationalen Kapitalmarkt sind stark eingeschränkt.

Schröder als Türöffner nach Deutschland

Im Jahr 2016 erwirtschaftete Rosneft bei einem Umsatz von umgerechnet 77,2 Milliarden Dollar einen Gewinn von 2,8 Milliarden Dollar. Der Riese ist in den vergangenen Jahren nicht nur organisch gewachsen, sondern auch durch zwielichtige Geschäfte. Den wichtigsten Schritt zum Aufstieg stellte die Übernahme von wichtigen Produktionseinheiten des privaten Konkurrenten Yukos da. Der Konzern des politisch ambitionierten Magnaten Michail Chodorkowski wurde Mitte der 2000er Jahre unter zwielichtigen Vorwürfen zerschlagen, als Strippenzieher galt schon damals Setschin. Vergangenes Jahr legte Rosneft durch die Übernahme des mittelgroßen Ölproduzenten Bashneft weiter an Gewicht zu. Eigentlich hätte dieses Unternehmen nach einer konstruierten Verstaatlichung wieder privatisiert werden müssen, aber Setschin setzte sich mit dem Wunsch durch, Bashneft ins Rosneft-Imperium einzugliedern.

Igor Setschin ist für seinen Machthunger bekannt, und es gilt als Konsens, dass er Rosneft vor Gasprom zum absolut wichtigsten russischen Energieunternehmen formen möchte. Dazu zählen auch die Ausweitung der Geschäftszweige: So möchte Rosneft die Produktion und den Handel nicht nur mit Rohöl, sondern auch mit Erdölprodukten stärken, vor allem im Ausland. In Deutschland hat der Konzern in diesem Jahr seine Beteiligungen an Raffinerien neu geordnet und kontrolliert rund 12 Prozent der Verarbeitungskapazität in der Bundesrepublik. Auch der Aufbau eines eigenen Tankstellennetzes gilt als möglich.

Bei diesem Ziel dürfte Gerhard Schröder ebenso als Türöffner dienen wie bei Rosnefts Plänen im Erdgassektor. Rosneft baut die Gasförderung schnell aus, ist für Exporte aber auf das Wohlwollen von Gasprom angewiesen. Gasprom besitzt das Exportmonopol für russisches Pipeline-Erdgas. Eine Lockerung wird seit Jahren diskutiert, ist aber noch nicht Realität geworden. Mit seinen Verbindungen als Vorsitzender des Gesellschafterausschusses der Ostseegaspipeline Nord Stream sowie als Präsident des Verwaltungsrats des umstrittenen Projekts Nord Stream 2 könnte Schröder als Vermittler dienen.

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Quelle: FAZ.NET
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