Janina Kugel

Der neue Star bei Siemens

Von Georg Meck
 - 17:25
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Offiziell lautet ihr Titel „Chief Human Resources Officer“, in Wahrheit ist Janina Kugel mehr; die Vorzeigefrau von Siemens, mit Jahrgang 1970 das junge Gesicht für den 170 Jahre alten Konzern, stets zur Stelle, wenn es zu demonstrieren gilt: Siemens ist gar nicht so altbacken, so bürokratisch, so miesepetrig und lehmschichtig, wie es der Volksmund und davongejagte Vorstandsvorsitzende behaupten.

Janina Kugel, im Vorstand für das Personal zuständig, erledigt dies mit mehrsprachiger Lässigkeit, charmant, den Menschen zugewandt. Schaut her, so sympathisch kann ein Weltkonzern sein, das ist ihre Botschaft. Und überhaupt: Ihr glaubt ja gar nicht, wie hipp wir bei Siemens unterwegs sind. Das Silicon Valley ist nichts dagegen.

Kugel arbeitet auf allen Kanälen

Es wird viel geduzt neuerdings im Siemens-Hauptquartier. Einzelbüros, fester Schreibtisch und Festnetztelefon hat sie abgeschafft, das Foto auf dem Bewerbungsbogen ebenso (um unbewusste Vorurteile auszuschalten). Und wer weiß, was sonst noch kommt im Kampf gegen Hierarchiehörigkeit, Sexismus und Statusdenken. An Fleiß wie Ehrgeiz mangelt es der Frau nicht.

Unermüdlich bespielt Janina Kugel die einschlägigen Bühnen, südlich wie nördlich der Alpen. Disruption, Diversity, Digitalisierung – die drei großen D – schafft sie weg wie nichts. Agility, Influencing, Co-Determination und einen Sack voller weiterer Modewörter des Personalergewerbes sowieso. Fix wie sie ist, erledigt sie das auf allen Kanälen. 1452 Twitter-Nachrichten standen bis Samstag zu Buche.

Der Job geht ihr mit so viel Leichtigkeit von der Hand, dass allenfalls zu erahnen ist, wie viel Kraft und Energie ihr dies alles abverlangt, wie schwer der Weg dorthin war, wo sie jetzt ist: In den Vorstand von Siemens, immerhin Deutschlands industrieller Vorzeigekonzern, wertvoller als alle anderen börsennotierten Unternehmen im Land (mit Ausnahme von SAP).

„Du musst dich reinhängen, kämpfen, auch wenn es weh tut“, sagt Janina Kugel selbst. Für Businessleute sei es nicht anders als für Sportler, die an die Weltspitze streben. Der Aufstieg ist begleitet von „Schmerz, Zweifel, Enttäuschungen“. Nur zeigt der erfolgshungrige Manager solche Gefühle lieber nicht.

Selbstdisziplin ist Pflicht. Am vorigen Donnerstag war dies im Fall von Janina Kugel auf offener Bühne zu studieren, zu erleben war einer der seltenen Momente, als ihre Anspannung sich zeigte. Janina Kugel saß als Vorstand auf dem Podium in der Konzernzentrale, die Bilanzpressekonferenz stand auf dem Programm. Alles ist hergerichtet für ein Rekordergebnis, mit dem ein stolzer Vorstandschef Joe Kaeser zu glänzen gedenkt, Kugel ist für den unerfreulichen Part vorgesehen; den Stellenabbau im schwächelnden Energiebereich des Konzerns, schließlich ist sie die Frau fürs Personal, die Frau, die mit Betriebsräten und Gewerkschaftern den Strauß auszufechten hat. Eine unangenehme Sache.

Als die Rede darauf kommt, reicht Kaeser die Fragen freilich nicht an sie weiter (wie es üblich wäre), sondern hebt zu einem Vortrag an, der ihm zunehmend schulmeisterlich gerät – und Kugels Gesichtszüge mit jeder Sekunde mehr gefrieren lässt. Wie ein Lehrer vor ungehörigen Pennälern referiert Kaeser, was er von ihr erwartet, grob zusammengefasst: Reißt euch zusammen, regelt das endlich, und denkt nicht immer nur ans eigene Ego!

Den Namen Janina Kugel erwähnt der Konzernchef nicht, doch jeder Siemensianer, der den Auftritt im Intranet sieht, versteht: „Das war ein Schuss vor den Bug.“ Klar ist: Inner- und außerhalb des Konzern gibt es viele, denen ein kleiner Dämpfer für die Star-Frau recht wäre, da Lästermäuler bereits von einer „K+K-Herrschaft“ sprechen, weil diese beiden, Kaeser und Kugel, das öffentliche Bild von Siemens so dominieren.

Ein Dämpfer für die Spitze

Janina Kugel ist also gewarnt. Die kommende Woche wird zum Härtetest. „Wir stehen vor intensiven Tagen“, sagt sie, in schwerer Untertreibung. Intensiv heißt zunächst: Auch am heutigen Sonntag wird gearbeitet, und der Stress wird sich steigern, bis sie am Donnerstag bekennen wird: Wie viele Stellen im Konzern werden gestrichen? Welche Fabriken werden dicht gemacht?

Tausende Stellen bedroht
Turbinen und Windräder machen Siemens zu schaffen
© dpa, reuters

Mehrere tausend Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel, mal wieder, so zumindest behaupten es die kursierenden Horrornachrichten. Die Wut der Betroffenen ist absehbar, der Kampf mit den Gewerkschaften schon im Gange, die Rhetorik gegen „eiskalte Renditejäger“ eingeübt, Pfiffe aus dem Publikum sind der Managerin sicher. Alles nicht schön, und doch traurige Routine im Hause Siemens, wie Kugel zugibt: „Umbau und Restrukturierung begleiten uns leider schon eine Weile.“

Im Grunde strukturiert sich Siemens um, so lange wie die Menschen denken können. Irgendwo in dem Konglomerat ist immer Krise, irgendwo läuft immer ein Abfindungsprogramm. Janina Kugel ist seit Jahren damit beschäftigt. Die Kommunikation-Sparte, wo sie Anfang des Jahrtausends ihre Siemens-Karriere begonnen hat, ist längst nicht mehr da. Die dort produzierten Handys gerieten zum Desaster. Die Telefonnetze, so was wie die Wurzel des Traditionskonzerns, sind längst abgeschnitten. Die Züge werden jetzt nach Frankreich fusioniert, die profitträchtige Gesundheitssparte 2018 in die Freiheit der Börse entlassen.

Wenn dafür an anderer Stelle durch Übernahmen neues Geschäft zum Siemens-Reich dazustößt, hat der Vorstand regelmäßig erstaunliches Talent bewiesen, den Höhepunkt für den Kaufpreis zu erwischen. Die Solarenergie war so ein Beispiel, da hat das damalige Management grausam danebengehauen. Auch die Milliarden für einen Zulieferer der Erdölindustrie hätte man besser angelegt, wenn man den Absturz des Ölpreises geahnt hätte. Und die neu geformte Windfirma „Siemens Gamesa“, gefeiert als „Weltmarktführer für regenerative Energien“, ist schon wieder ein Fall für die Sanierung. Führendes Personal wurde ruckzuck ausgewechselt, 6000 Arbeitsplätze stehen hier auf der Kippe.

Ehrlicherweise ist anzufügen, dass es die ganze Energiebranche erwischt hat. Mit Windrädern ist gerade wenig zu holen, mit Gasturbinen aber auch nicht. In Deutschland hat die Energiewende der hocheffizienten Technologie fürs Erste den Garaus gemacht, weil sich auf der ganzen Welt die Nachfrage verflüchtigt hat. In guten Zeiten wurden 400 der gigantischen Turbinen im Jahr gebaut, jetzt nur noch etwas mehr als 100. Es genügt, die gute alte Dreisatzrechnung, um zu sehen: Drei von vier Fabriken in der Branche sind überflüssig. Es muss etwas passieren. An dieser Erkenntnis kommt Siemens nicht vorbei. „Defizitäre Geschäfte dauerhaft zu subventionieren wäre verantwortungslos“, sagt Kugel.

Betriebsbedingte Kündigungen nicht ausgeschlossen

Die grobe Linie hat der Vorstand beschlossen, jetzt kümmert sie sich um ein Konzept, das im Konzern auf der ganzen Welt anzuwenden ist. Am Donnerstag wird sie den Plan den Vertretern der Arbeitnehmer vorlegen. „Wirtschaftsausschuss“ heißt das zuständige Gremium. Damit sind die Einsparziele des Konzerns festgeklopft, die Maßnahmen, wie diese zu erreichen sind, muss Kugel von da an erst mit dem Betriebsrat aushandeln: Sozialplan mit Abfindungen, Auffanggesellschaften und was sonst noch alles in der Wundertüte steckt, die unter dem Label „sozialverträglicher Stellenabbau“ firmiert.

Das Dumme ist nur: Die Krise in dem Konzernbereich währt schon eine Weile, auf die sanfte Art wurden schon viele Mitarbeiter verabschiedet, irgendwann ist kein potentieller Vorruheständler mehr greifbar, dann bleiben nur betriebsbedingte Kündigungen. Diese Möglichkeit schließt Janina Kugel ausdrücklich nicht aus, auch wenn sie verspricht, alles zu tun, um sie zu vermeiden.

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Die Nervosität in den Betrieben ist jedenfalls groß, möglichst schnell sollen dort gegen Ende der Woche die Belegschaften aufgeklärt werden, dazu müssen die Manager vor Ort ran. Kugel selbst wird rasch eine Pressekonferenz anberaumen, irgendwann zwischen Auftritten vor Nürnberger Studenten am Donnerstag und ihrer Rede auf einem Managerkongress im Berliner Hotel Adlon am Freitag. Diese Termine abzusagen käme ihr nicht in den Sinn, das wäre das falsche Signal: Kaum brechen schwere Zeiten an, kneift die Kugel, dieser Sonnenschein. Solche Reaktionen sind das Letzte, was sie braucht. „Ich bin nicht zart besaitet, auf solchen Positionen braucht es Nehmerqualitäten“, sagt die Managerin.

Nein, eine wie Janina Kugel kneift nicht. So wenig wie sie sich auf die weichen Themen beschränken mag. Ein Ton nur von ihr zur Sexismus-Debatte, und alle Talkshows stünden ihr offen. Gerade deswegen spart sie sich Aussagen dazu. Auch ihr Privatleben schirmt sie nach Kräften ab. Was ihr Mann, der Vater ihrer elfjährigen Zwillinge, so macht, verrät sie nicht, außer dass er ambitioniert in Vollzeit arbeitet und sie darauf achtet, zum Abendessen zu Hause bei den Kindern zu sein. „Auch beim Sportfest und dem Sommerfest der Musikschule will ich dabei sein.“

Die Frage nach der Herkunft

Ihre eigene Herkunft erklärt Janina Kugel gar zum Tabu. Am 12. Januar 1970 in Stuttgart geboren, vermerkt der Lebenslauf, beide Eltern waren Akademiker, das erzählt sie selbst, woher Mutter und Vater kamen, dazu sagt sie kein Wort, auch wenn jeder sieht, dass ihr Stammbaum sich nicht aufs Schwäbische beschränkt. „Ich bin nicht wirklich weiß“, ironisiert sie die Frage nach der Hautfarbe.

Zum ersten Mal hat sie als kleines Mädchen den Unterschied bemerkt, als sie auf dem Weg nach Hause vom Kindergarten am Sportplatz vorbeikam, wo freche Schwabenkinder sie geärgert haben. „Negerlein“, rief der Erste. Dann der Zweite. Dann alle im Chor. Sie lief weinend nach Hause.

Heute besteht Kugel darauf, dass aus dem Anderssein Kraft erwächst. Mit der Erfahrung des Nicht-dazu-Gehörens begründet sie ihren Einsatz für das Diversity-Thema, die Frauenfrage inklusive. Als sie, damals als junge Volkswirtin und Berater-Anfängerin, in das erste wichtige Meeting ging, war sie früh dran. Die wichtigen Männer, die nach und nach in den Raum strömten, ignorierten sie oder behandelten sie als Servicekraft: „Ich trinke meinen Kaffee ohne Milch.“

Heute passiert ihr das nicht mehr. Heute ist sie der Star, eine Managerin, wie Deutschland sie nur selten vorzuweisen hat: Janina Kugel hat Charme, sie hat Witz, sie hat Biss. Und sie ist bestens vernetzt. Es laufen bereits Wetten, dass sie, eines Tages, die erste Vorstandschefin eines Dax-Konzerns wird. Es muss ja nicht bei Siemens sein.

Janina Kugel und Siemens

Der Mensch

Janina Kugel wird 1970 geboren. Sie studiert Volkswirtschaftslehre in Mainz und Verona. Danach arbeitet sie als Unternehmensberaterin. Im Jahr 2001 wechselt sie von Accenture zu Siemens, in die Nähe des heutigen Vorstandsvorsitzenden Joe Kaeser. Im Jahr 2012 geht sie für ein Jahr zu Osram, der von Siemens abgespaltenen Lichtfirma. Nach der Rückkehr ins Siemens-Hauptquartier steigt sie im Februar 2015 auf in den Vorstand, zuständig für das Personal. Kugel lebt mit Mann und zwei Kindern in München.

Das Unternehmen

Mit der Konstruktion des Zeigertelegraphen legt Werner von Siemens 1847 den Grundstein für die heutige Siemens AG. Die „Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske“, damals eine Zehn-Mann-Werkstatt, nimmt am 12. Oktober 1847 in einem Berliner Hinterhof den Betrieb auf. Heute beschäftigt der Konzern in der ganzen Welt 372.000 Mitarbeiter (115.000 davon in Deutschland). Im Geschäftsjahr 2017 erreichte Siemens ein Rekordergebnis: Der Umsatz betrug 83 Milliarden Euro, der Gewinn (nach Steuern) erhöhte sich auf 6,2 Milliarden Euro. Unter Deutschlands Dax-Konzernen ist nur SAP wertvoller.

Quelle: F.A.S.
Georg Meck - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Georg Meck
Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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