Kandidatin für Grube-Nachfolge

Frau Nikutta ist schon am Zug

Von Manfred Schäfers
 - 22:15

Das Regal in ihrem Büro schmückt eine Galerie aus Bussen und Bahnen bis hin zu Lokomotiven. Die Modelle der schweren Antriebseinheiten habe sie von ihren ehemaligen Kollegen bekommen, als sie noch bei der Deutschen Bahn gearbeitet habe, erläutert Sigrid Nikutta. Seit 2010 ist sie Vorstandsvorsitzende der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), daher finden sich auf dem Bord auch Figuren mit entsprechendem Logo. Aber auch der Karl-Marx-Orden aus dem Jahr 1973 steht dort - aus fernen DDR-Zeiten für das Kombinat im Osten Berlins. Nach der Vereinigung von Stadt, Land und Verkehrsgesellschaft hatte der fusionierte Betrieb zunächst 30.000 Mitarbeiter. Ohne Entlassungen, wie Nikutta hervorhebt, ging es über die Jahre runter bis auf 12.000.

Nun wächst Berlin wieder kräftig um 50.000 Menschen im Jahr, und damit wachsen auch Angebot sowie Mitarbeiterzahl der BVG. Heute ist die energische Managerin mit mehreren Frauen-in-Führungspositionen-Auszeichnungen für 14.000 Beschäftige verantwortlich. „Wir haben an einem Werktag 3 Millionen Fahrgäste“, berichtet sie sichtlich stolz. Einschließlich S-Bahn komme man sogar auf 4,4 Millionen Menschen, die täglich in Berlin den öffentlichen Nahverkehr nutzten.

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Sigrid Nikutta wird als künftige Bahnchefin gehandelt - dabei hat sie in Berlin alle Hände voll zu tun

Die Autoindustrie diskutiert derzeit heftig über Elektrifizierung, Digitalisierung und autonomes Fahren. Darauf angesprochen, verweist Nikutta darauf, dass ihr Betrieb mit den U-Bahnen und Straßenbahnen schon zu 70 Prozent elektrisch unterwegs sei. „Wir haben aber auch in Berlin als erste Hauptstadt eine Buslinie, die mit kabelloser Ladung elektrisch betrieben wird. Auf unserer Innenstadtlinie 204 werden die Busse induktiv geladen.“ So wie eine moderne elektrische Zahnbürste. „Man bekommt nichts mit.“

Geräuschlos führen die Busse durch die Stadt. Fünf bis 7 Minuten dauere ein Ladevorgang. Warum nicht gleich überall so? „Die Busse sind Prototypen und noch nicht serienmäßig zu erwerben. Ein normaler Bus ist für 250.000 Euro zu haben, ein Elektrobus kostet rund das Dreifache.“ Bei einer Flotte von 1400 Bussen seien solche Mehrkosten nicht zu stemmen. Hinzu komme eine deutlich geringere Verfügbarkeit, sie habe beim Elektrobus im Testbetrieb bei 70 Prozent gelegen, üblich sei ein Wert von deutlich mehr als 90 Prozent.

Pläne für den Verkehr der Zukunft in Berlin

Obwohl Ex-Bahn-Chef Rüdiger Grube Ende vergangenen Jahres einen kleinen selbstfahrenden Bus in Berlin vorgestellt hat, der nun auf dem Gelände eines Innovationszentrums in Berlin-Schöneberg seine Runden dreht, ist nach Nikuttas Worten kaum vorstellbar, dass in absehbarer Zeit Busse voll autonom durch die Straßen Berlins kurven. „Der Verkehr in der Innenstadt ist so komplex, dass ihn führerlose Systeme extrem schwer bewältigen können.“ Autonome Shuttle-Systeme seien denkbar. „Wir werden zu den Ersten gehören, die das testen werden.“

Dabei werde es jedoch nur um kurze, klar definierte Strecken gehen: „Hin und zurück, ohne großes Störpotential, keine Fußgänger oder parkende Autos.“ Man denke beispielsweise an Krankenhausgelände. Solche autonomen Systeme funktionierten nur auf „gelernten“ Wegen. „Jeder dieser Busse hat ein tierisches Problem, wenn ein Hindernis kommt. Dann steht er nämlich, weil das Umfahren schwierig beizubringen ist.“ Im Vordergrund stünden daher zur Zeit Fahrer-Assistenzsysteme, um die Sicherheit für alle zu erhöhen.

Auch zerstört die Managerin die Erwartung, dass bald U-Bahnen fahrerlos durch die Erde der Hauptstadt rauschen werden: „Wir würden intensiv darüber nachdenken, wenn wir eine komplette Neubaustrecke anpacken würden. In einem historischen System mit 173 Bahnhöfen geht das nicht.“ Dafür brauche man ein ganz neues Verkehrssicherheitskonzept. „Ich kann die Züge nicht einfach autonom hin und her fahren lassen. Ich muss doch sicherstellen, dass im Falle eines Falles immer jemand für die Sicherheit unserer Fahrgäste da ist.“ Ohne Zugführer brauche man dafür einen anderen Mitarbeiter. „In dem bestehenden System hat das für uns überhaupt keine Vorteile.“

Nikutta hat lange im Bahnkonzern gearbeitet

Der Name Nikutta fällt derzeit recht oft, wenn über die politisch brisante Bahn-Personalie spekuliert wird, dass der Vorstandsvorsitzende Rüdiger Grube zu ersetzen ist. Die promovierte Psychologin hat in ihrem Berufsleben lange für den Konzern gearbeitet, zuletzt als Vorstand in der polnischen Schenker-Tochtergesellschaft. Das war sozusagen eine Art Heimspiel, ist sie doch dort geboren, allerdings wuchs sie in Westfalen auf.

Jetzt sucht der Bahn-Aufsichtsrat händeringend nach einem Nachfolger für Grube oder noch besser einer Nachfolgerin. Die Managerin ist professionell genug, sich auf solche Spekulationen nicht einzulassen. Natürlich sei es ehrenvoll, wenn der eigene Name in dem Zusammenhang genannt werde, antwortet sie auf die Frage, ob die offene Stelle nichts für sie wäre.

Überzeugend berichtet sie, wie spannend sie ihre aktuelle Aufgabe in der Hauptstadt findet. Wenn sie die Bilder von der aktuellen Werbekampagne auf dem Besprechungstisch durchgeht, will man ihr gern glauben, dass es ihr großen Spaß macht, verrückte Dinge in einer verrückten Stadt zu machen. Ein Foto zeigt zwei Transvestiten mit dem Spruch: „Wer schwarz fährt, muss Eier haben.“ Der BVG-Song „Ist mir egal“ ist ein Hit im Netz geworden.

Nikutta ist die Frau, die sich traut, unkonventionell zu leben, und damit für Schlagzeilen sorgt: fünf Kinder, wenige Tage nach der Geburt des letzten mit 47 Jahren ist sie wieder im Büro, der Mann schmeißt den Haushalt. Klar, dass es kaum einen Bericht über die Frau an der BVG-Spitze gibt, in dem das ungewöhnliche Privatleben nicht ausführlich gewürdigt wird. Ob sie diese Fokussierung nervt? „Das ist schon eine Art von Diskriminierung. Einen Mann würde man niemals fragen: Wie machst du das eigentlich? Steht deine Frau am Herd? Ist deine Frau zu Hause glücklich? Wie verkraftet sie das?“, sagt sie. „Daran merke ich, dass so ein Leben noch weit weg ist von Normalität. Ich finde es total normal.“ Und sie fände es bestimmt auch nicht unnormal, als Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn zu arbeiten.

Quelle: F.A.Z.
Manfred Schäfers - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Manfred Schäfers
Wirtschaftskorrespondent in Berlin.
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