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So will TUI zur führenden Plattform für Ausflüge werden

Von Timo Kotowski
 - 12:06

Es gibt sie noch, die Urlauber, die stundenlang in die Ferne fliegen, um eine Woche auf einem Liegestuhl am Rand des Hotel-Swimmingpools zu ruhen. Doch das Tages-Sonnenbad vor dem Abendbuffet gilt immer weniger als Krönung einer Pauschalreise – weder für Urlauber, noch für den Reisekonzern TUI. Vorstandschef Fritz Joussen hat deshalb dem Konzern den nächsten Wandlungsschritt verordnet. „Ausflüge und Erlebnisse sind neben dem Hotelgeschäft und den Kreuzfahrten unser drittes großes Wachstumsfeld für die nächsten Jahre“, sagt er im Gespräch mit der F.A.Z.

Höhlenerkundung auf Mallorca statt Höllenlärm auf der Partymeile von El Arenal, Wanderungen zu antiken Ausgrabungen statt Animationstanz, heißt es fortan. In Mailand hat Joussen gerade den Vertrag unterschrieben, um das Start-up Musement zu kaufen. Innerhalb von vier Jahren haben die Italiener Software und einen Online-Marktplatz für Ausflüge und Erlebnistouren aller Art entwickelt. Den holt Joussen unter das Dach der TUI.

Weil sich noch kein Portal für Rundgänge durch unterirdische Gewölbe, Ölverkostungen im Olivenhain und Quad-Fahrten durch Wüstensand endgültig durchgesetzt hat, wittert TUI für sich eine Chance. „Wir wollen zum führenden volldigitalisierten Anbieter für Ausflüge und Aktivitäten werden“, gibt Joussen das Ziel vor. Zum Kaufpreis macht er keine Angaben. Die Akquisition des Start-ups dürfte zu den kleineren in der Konzerngeschichte zählen, die Auswirkungen sollen größer sein.

Offene Plattform für Anbieter und Kunden

„Der Markt hat heute global eine Größe von 150 Milliarden Euro und wächst weiter sehr dynamisch“, sagt Joussen. „Das Geschäft ist sehr fragmentiert, es gibt mehr als 300.000 Anbieter, vom Museumsticket bis zur Segwaytour. Die Digitalisierung steht noch am Anfang.“ Die Anbieter will TUI auf die nun eigene Plattform holen. Urlaubern soll das mehr Auswahl als die TUI-eigenen Ausflüge bringen, Reiseführern und Bootsverleihern mehr Kunden.

Der Markt sei im Umbruch. „Wir leisten Pionierarbeit“, sagt Joussen. „Wir schaffen eine offene Plattform für alle. Sie ist offen für alle Anbieter von Ausflügen und Veranstaltungen, und sie ist offen für alle Nutzer. Die 20 Millionen Kunden der TUI liefern nur den Grundstock.“ Und wenn Reisende, die den Urlaub bei Konkurrenten wie Thomas Cook oder FTI buchen, ihr Vor-Ort-Programm mit TUI planen, dürfte das auch nach dem Geschmack des Konzerns aus Hannover sein.

TUI verkauft schon jetzt 4,5 Millionen Ausflüge im Jahr

Im Onlineverkauf haben sich Reisekonzerne lange schwer getan. Urlauber wählen zwar deren Produkte, buchen sie aber oft anderswo. Für Hotelzimmer ist Booking.com zum führenden Marktplatz avanciert, für Pauschalreisen sind Seiten wie Holidaycheck, Expedia oder Ab-in-den-Urlaub beliebte Anlaufstellen. Für Ausflüge will TUI offenbar verhindern, dass sich diese Entwicklung wiederholt.

Dabei ist die Kombination von Flugreisen und Ausfahrten vor Ort für keinen Reisekonzern neu, die Anfänge sind so alt wie die Pauschalreise. Das Geschäft mit Ausflügen und Aktivitäten gehöre seit langem „zur Kernkompetenz der TUI“, sagt Joussen. Allerdings ist ihm nicht entgangen, dass der Konzern viele seiner 20 Millionen Urlauber damit nicht erreicht hat. „Wir verkaufen schon jetzt 4,5 Millionen Ausflüge im Jahr an unsere Kunden. Und dennoch gibt es kein Segment im Tourismus, in dem wir noch so stark zulegen können wie bei Ausflügen, Veranstaltungen und Aktivitäten.“

Musement-Technik unter dem Namen TUI

Das dürfte auch damit zusammenhängen, wie TUI und Co. Ausflüge vermarktet haben. Es gab Aushänge an schwarzen Brettern in Hotels, an einigen Tagen schaute ein Mitarbeiter zum Ticketverkauf in der Lobby vorbei. Künftig soll auf einer Webseite oder über eine Smartphone-App gebucht werden – vom Hotelzimmer aus oder vor der Anreise aus dem heimischen Wohnzimmer. „Von unseren Kunden wissen wir meist mehrere Monate im Voraus exklusiv, wo sie hinreisen und wann sie ankommen“, sagt Joussen. Er sieht sich im Vorteil, ihnen als erster Exkursionen und Besichtigungen anzudienen. Dennoch: Überzeugungsarbeit wird nötig sein. „Aktuell erfolgen nur 5 Prozent der Buchungen für Ausflüge und Erlebnisse, bevor ein Urlauber aufbricht. Diesen Wert wollen wir erheblich steigern“, lautet sein Plan.

Helfen soll, dass die vergrößerte Ausflugsauswahl gefiltert wird. Familien mit Kindern werden weniger Museumsführungen gezeigt, älteren Paaren keine Spielparadiese. „Musement bringt genau die technisch komplexen Lösungen mit, die uns für den Ausbau des Ausflugsgeschäfts noch fehlten. Es ist ein Technologie-Start-up mit einer technisch reifen und im Markt eingeführten Plattform mit 150.000 Aktivitäten. Daher haben wir uns entscheiden, das Unternehmen zu kaufen“, sagt Joussen. Dafür lockert er die Bande mit einem bisherigen Kooperationspartner, dem Berliner Start-up Get Your Guide. Die sind ein direkter Konkurrent von Musement und hatten zuletzt stark investiert, um die eigene Marke bekannter zu machen. Musement-Technik wird im Gegensatz zu Get Your Guide bislang unter dem Namen TUI laufen. Dass Buchung und Bezahlung unter der Konzernmarke erfolgen, soll Urlaubern die Sorge nehmen, ob sie einem unbekannten ausländischen Anbieter vertrauen können. „Urlauber überweisen ungern einem fremden Kleinunternehmer im Ausland Geld“, sagt Joussen.

Quelle: FAZ.NET
Timo Kotowski
Redakteur in der Wirtschaft.
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