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Künstliche Intelligenz

Besser als Google

Von Stephan Finsterbusch
 - 13:07
Übersetzen bald künstliche Gehirne unsere Lieblingsbücher? Bild: dpa, F.A.Z.

Gereon Frahling stand mitten in New York. Er hatte in Köln Mathematik studiert und in Paderborn in Informatik promoviert. Der Internetkonzern Google holte ihn nach Amerika. Frahling wusste viel über Computer und Software. Algorithmen für Big-Data-Analysen waren seine Spezialität. Nun aber hatte er ein Problem: Er verstand die New Yorker kaum. Sein Englisch war gut, doch der Slang im Big Apple schwierig. Breite Vokale und verschluckte Konsonanten, Wörter und Phrasen, die nur ein New Yorker versteht – Frahling suchte nach guten Wörterbüchern. Erst auf Papier, dann im Netz. Alles, was er fand, half nicht weiter.

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Die Bücher waren schwer, das Netz nicht sehr ergiebig. Die Erklärungen waren zwar detailliert, doch oft kaum hilfreich. Nichts übersetzte die Worte im Kontext. „Ich dachte mir: Das kann doch nicht sein“, sagt Frahling heute. Er machte sich einen Plan, warf nach einem Jahr den Job bei Google hin und machte sich an die Arbeit. Zehn Jahre später ist er wieder in Köln. Mit DeepL hat er hier seine eigene Firma. Die hat 22 feste und 400 freie Mitarbeiter und ein paar langfristig orientierte Anteilseigner. Auch hat er eine Suchmaschine und eigene Algorithmen. Sein Übersetzungsdienst Linguee machte sich vor Jahren schon bei Millionen Nutzern einen Namen.

„Google ist natürlich der Riese“

Mit seinem neuenDeepL-Dienst legt er nun noch einmal nach. Übersetzung in vielen Sprachen und in alle Richtungen. Ein Leitfaden durch das Sprachgewirr der Welt. Das DeepL-System erkennt die Quellsprache von selbst. Kein Wunder: Das System arbeitet wie ein Gehirn. Künstliche Intelligenz. So kann es nicht nur rechnen und riesige Mengen Daten verarbeiten. Es kann seine Fehler auch korrigieren und sich selbst optimieren. DeepL übersetzt ein Stück Shakespeare oder ein Gedicht von Goethe, Börsenberichte, wissenschaftliche Aufsätze, Zeitungsartikel von einer Sprache in die andere. Mit seinem Dienst fordert Frahling seinen einstigen Arbeitgeber heraus – auf dessen eigenem Feldern: Künstlicher Intelligenz (KI) und Sprachübersetzung (SÜ).

Sunda Pichai, Vorstandsvorsitzender des Google-Mutterkonzerns Alphabet, hatte Ende vergangenen Jahres KI zur Schlüsseltechnologie erklärt. Internetsuche, Datenanalyse, Prognosen – alles wird mit KI gesteuert. Allein der Übersetzungsdienst Google Translate ist mit einer halben Milliarde Nutzern im Monat und 140 Milliarden nachgeschlagenen Wörtern am Tag einer der ganz großen Dienste des Konzerns. Die Übersetzungen sind gut, doch die von DeepL sind nach einigen Testversuchen, die diese Zeitung vor der Markteinführung von DeepL machen konnte, besser.

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Der Markt für Übersetzungsdienstleistungen und Wörterbücher aller Art ist allein in Deutschland rund eine Milliarde Euro groß. In aller Welt werden nach Angaben des Beratungshauses Comon Sense Advisory damit rund 35 Milliarden Euro erlöst. Geschätzte 80 Prozent aller deutschen Industrieunternehmen haben Bedarf an Dolmetsch- und Übersetzungsleistungen. In Deutschland gibt es nach Angaben des Bundesverbandes der Dolmetscher und Übersetzer rund 40.000 Dolmetscher und Übersetzer. Die technischen Möglichkeiten rund um Computer und Software haben die Branche kräftig durcheinandergewirbelt.

„Google ist natürlich der Riese“, sagt Frahling. „Und wir sind der Zwerg. Doch mit dem Aufkommen der KI stehen alle wieder an der gleichen Startlinie.“ Mit neuronalen Netzen sind in den letzten zwei, drei Jahren gewaltige Fortschritte in der KI-Forschung gemacht worden. Erkennung von Bildern, von Wörtern oder ganzen Texten. Als Dzmitry Bahdanau von der Universität Bremen, Kyung Hyun Cho und Yoshua Bengio von der Universität in Montreal vor zwei Jahren ihren Aufsatz „Neural Machine Translation“ vorlegten, war das für die Großen der Branche ein Weckruf. Anders als Google, Microsoft oder Facebook setzt Frahling seit langem auf KI.

Mit Hilfe von Musterkennung

Linguee steht seit acht Jahren als Dienst auf einer Website im Internet. Derzeit verbucht sie im Jahr rund zwei Milliarden Anfragen. „Damit haben wir einen riesigen Datenschatz aufgebaut“, sagt Frahling. Ein Schatz, der nun gehoben wird. „Wir haben unser System mit Milliarden von Übersetzungen gefüttert, die kein Mensch während einer Lebenszeit auch nur anzusehen vermag.“ Die Suchmaschine hat alles mit einem Klick parat. Dafür ist sie mit einem speziellen Programm ausgestattet – einem sogenannten Webcrawler. Der durchsucht das Internet nach zweisprachigen Texten, analysiert und zerlegt sie in ihre Bestandteile, Absätze, Satzpaare und Worte. Er bewertet sie nach der Qualität der jeweiligen Übersetzung. Er lernt mit ihnen.

Das System arbeitet mit Hilfe von Musterkennung. Die dazu notwendigen Algorithmen sind wie in einem Hochhaus auf mehreren Etagen plaziert. Wie die Neuronen in einem Gehirn sind sie vielfach miteinander verbunden. So können sie aufeinander einwirken, mehr oder weniger Beziehungen eingehen, eigene Muster herausbilden, diese selbst analysieren und für die Lösungen weiterer Aufgaben in ihre Arbeit blitzschnell einfließen lassen. Der Nutzer gibt nur noch seine Aufgabe ein. Wörter, Sätze, ganze Texte. Die Antwort kommt blitzschnell.

Quelle: F.A.Z.
Stephan Finsterbusch
Redakteur in der Wirtschaft.
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