Unternehmen
300 Start-ups befragt

Gründer wollen weniger Bürokratie und mehr Kapital

Von Henrike Roßbach, Berlin
© dpa, F.A.Z.

Berlin rühmt sich gerne, zu den wichtigsten Start-up-Städten der Welt zu gehören, und auch insgesamt werden die deutsche Gründerszene und die existierenden Förderprogramme regelmäßig von der Politik gelobt. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) gießt jedoch Wasser in den Wein: „Bei den Unternehmensgründungen verschenkt Deutschland enormes Potential“, sagte DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben der F.A.Z.

Er beruft sich mit seiner Kritik auf eine aktuelle, noch unveröffentlichte Studie seines Hauses, die der F.A.Z. vorliegt. 295 Start-ups wurden von den Industrie- und Handelskammern befragt, was sie sich wünschen und was sie brauchen – fürs Gründen und fürs Wachsen. Der wichtigste Punkt auf der Liste: eine Vereinfachung der Fördermöglichkeiten. Mehr als 200 Zuschüsse, vergünstigte Darlehen, Coaching-Programme von Kommunen, Ländern, Bund und EU gibt es derzeit – den Überblick zu behalten ist schwierig. Viele Gründer halten auch die Anträge für kompliziert und die Nachweise, wie sie die Mittel zu verwenden gedenken, für aufwendig. Fast jedes zweite Start-Up plädiert der Umfrage nach für einfachere Antragsverfahren.

Jedes dritte Start-up wünscht sich bessere Anschubfinanzierung

Schwierigkeiten bereitet den Betriebsgründern auch das deutsche Steuerrecht. 47 Prozent der befragten Firmen fordern Vereinfachungen. Darunter fallen auch kleinere Änderungen, etwa die Möglichkeit, die Umsatzsteuervoranmeldung nicht mehr monatlich, sondern vierteljährlich erledigen zu dürfen. Zudem wünschen sich die Start-ups, dass auch Einzel- und Personenunternehmen mit mehr als 17.500 Euro Jahresumsatz ihren Gewinn formlos statt mit dem komplizierten Pflichtformular ermitteln dürfen – wie vor 2003 üblich.

Wunsch Nummer drei nach der steuerlichen Vereinfachungen ist mit 37 Prozent der Bürokratieabbau. Zielführend wären aus Sicht des DIHK sogenannte One-Stop-Shops. Es sollen also möglichst viele Schritte im Zuge einer Gründung bei einer einzigen Anlaufstelle erledigt werden können – am besten digital. In Berlin beispielsweise gibt es solche One-Stop-Shops schon. Länger als einen Monat, so der Spitzenverband, solle ohnehin keine Gründung dauern dürfen.

Ein Dauerbrenner in der Gründerszene ist der Zugang zu Kapital. Ein Drittel der befragten Unternehmen plädierten für einen besseren Zugang zu Wachstumskapital in der Vorgründungsphase, 30 Prozent für einen besseren Zugang in der Wachstumsphase. Das ist insofern interessant, weil sich die Politik zuletzt zunehmend auf die Finanzierung von wachsenden Start-ups fokussiert hat. Die Anschubfinanzierung wurde etwa im Wirtschaftsministerium nicht mehr als vordringliches Problem gesehen – eher schon die Versorgung mit Kapital, wenn die jungen Unternehmen expandieren wollen. Der DIHK lobt hier eine Neuregelung des vergangenen Jahres: Verluste können auch dann steuerlich weiter geltend gemacht werden können, wenn der Anteilseigener wechselt. Allerdings seien die Voraussetzungen dafür nach wie vor zu restriktiv.

Dringenden Handlungsbedarf in puncto Beteiligungskapital zeige der internationale Vergleich, sagte Wansleben. Derzeit würden in Deutschland gut 900 Millionen Euro Risikokapital investiert. 600 Millionen aber müssten es zusätzlich sein, „um mindestens den Durchschnitt der OECD-Länder zu erreichen“.

Weiter unten auf dem Wunschzettel der Gründer steht offenbar die digitale Infrastruktur: So sieht nur ein gutes Fünftel eine bessere IT-Infrastruktur als wichtige Herausforderung zur Unternehmensgründung. Obwohl Start-ups in der Regel zumindest am Anfang eher klein seien, sieht schon jedes vierte dieser Unternehmen beim Thema Fachkräftesicherung einen hohen Handlungsbedarf.

„Viele Menschen wollen ihre guten Ideen unternehmerisch umsetzen“, sagte Wansleben. Auf die Gründertage der Kammern seien im vergangenen Jahr 30 Prozent mehr Besucher gekommen. Gut 62.000 Teilnehmer haben sich bei solchen Veranstaltungen informiert. „Allerdings gehen viele Interessenten nach dem ersten Hereinschnuppern dann doch nicht den weiteren Weg.“ Um die Lücke zu schließen, sei auch die Politik gefordert.

Quelle: F.A.Z.
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