Kommentar

Schlussrunde im Stahlpoker

Von Helmut Bünder
 - 09:25

Im Tauziehen um die Zukunft von Thyssen-Krupp werden im Ruhrgebiet unwillkürlich Erinnerungen an Rheinhausen wach. Ein halbes Jahr dauerte der Arbeitskampf um die Hochöfen im Duisburger Westen. Am Ende waren mehr als 3000 Stahl-Arbeitsplätze verloren, ein schwerer Schlag für die Stadt. Ein Vierteljahrhundert später ist es noch immer der Stahl, der wesentlich über Duisburgs Wohl und Wehe entscheidet. Rund 18.000 Stellen hängen dort direkt am Stahl, die meisten davon in den Anlagen von Thyssen-Krupp. Am Niederrhein betreibt der Ruhrkonzern eines der größten Stahlwerke in ganz Europa, ist an den Hüttenwerken Krupp-Mannesmann beteiligt und lässt Stahl zu Grobblechen weiterverarbeiten.

So dramatisch wie vor 25 Jahren ist die Lage aber bei weitem nicht. Der größte deutsche Stahlkonzern verbrennt kein Geld. Trotz aller Sparprogramme, die auch der Belegschaft große Opfer abverlangen, gelingt es ihm aber nicht, die Kapitalkosten zu erwirtschaften. Riesige Überkapazitäten belasten den Markt, vor allem die Flut von Billigstahl aus China drückt die Preise. Eine Marktbereinigung lässt auf sich warten. Aus Sorge um die Arbeitsplätze im eigenen Land hält nicht nur Peking marode Anlagen mit staatlichen Hilfen am Leben. Neue Sorgen bereitet der amerikanische Stahl-Protektionismus, zudem droht eine Kostenlawine durch schärfere EU-Klimaschutzauflagen und steigende Stromrechnungen. Es ist eine Gemengelage, die für den Vorstandsvorsitzenden Heinrich Hiesinger nur einen Schluss zulässt: Weg vom Stahl und seinen Risiken, damit sich der Konzern ganz auf seine ertragsstärkeren und konjunkturstabileren Technologiesparten konzentrieren kann, darunter Aufzüge und Fahrtreppen, Bauteile für die Autoindustrie, Industrieanlagen und Marineschiffe.

Die eine oder andere Milliarde Ausgleichszahlung

Die ersten Schritte sind getan durch den Verkauf der riesigen Stahlwerke in Amerika und Brasilien, deren Bau den Konzern beinahe in den Abgrund gestürzt hatte. Jetzt geht es um das Stahlgeschäft auf dem Heimatmarkt, die Keimzelle des Konzerns. Unter den insgesamt 27.000 Stahlkochern macht sich Unruhe breit. In dieser Woche könnte eine wichtige Vorentscheidung fallen. In Indien will Hiesinger persönlich mit dem Vorstandschef von Tata über eine europäische Stahl-Allianz sprechen. Seit mehr als einem Jahr wird sondiert und verhandelt. Die Produktpaletten passen gut zueinander, und die räumliche Nähe des hochmodernen Tata-Hüttenwerks in den Niederlanden würde dabei helfen, hohe Verbundvorteile zu erzielen. Analysten kalkulieren mit Einsparungen in der Spanne von 400 bis 500 Millionen Euro. Davon wird die Hälfte auf den Abbau von Personal veranschlagt. Bis zu 7000 der gemeinsamen 37.000 Arbeitsplätze könnten nach ersten Überschlagsrechnungen wegfallen.

Nun hat Tata aber auch noch ein großes Stahlwerk im walisischen Port Talbot, und die Thyssen-Krupp-Mitarbeiter befürchten, dass der Druck auf ihre Arbeitsplätze weiter wächst, wenn dieses ebenfalls in das Jointventure einginge. Denn im Gegensatz zu ihren deutschen Werken gibt es für die defizitäre Hütte eine Bestandsgarantie, vorläufig bis 2021. Mit den Zusagen versucht Tata gegenüber der britischen Regierung zu punkten, um sich aus seinen milliardenschweren Pensionsverpflichtungen zu befreien. Die sind einer der großen Knackpunkte in den weiteren Fusionsgesprächen. Ohne eine saubere Abtrennung der britischen Altlasten ist eine Einigung undenkbar. Die andere Frage dreht sich um die Bewertung der beiden Unternehmen. Sinnvoll ist die Fusion für Hiesinger nur dann, wenn er die Stahlsparte mitsamt ihren Pensionsverpflichtungen und Finanzverbindlichkeiten aus der angespannten Bilanz herauslösen und so die extreme dünne Eigenkapitaldecke stärken kann. Obwohl kleiner und ertragsschwächer, müsste die europäische Tata-Tochtergesellschaft dafür die Mehrheit übernehmen – was die eine oder andere Milliarde Ausgleichszahlung kosten könnte.

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Hiesinger steht unter Zugzwang. Wirklich attraktive Alternativen sind nicht in Sicht. Bei einer Fusion mit Weltmarktführer Arcelor-Mittal spielten die Wettbewerbshüter kaum mit, eine deutsche Lösung zusammen mit der Salzgitter AG scheitert bisher am Widerstand des Managements und des Landes Niedersachsen als größtem Aktionär. Andere Namen machen ebenfalls die Runde, doch Synergien wie mit Tata wären mit ihnen wohl kaum zu heben. Als Notlösung wird der ungewisse Gang an die Börse durchgespielt, um den Stahl scheibchenweise zu verkaufen.

Die Hängepartie muss ein Ende haben. In seinen sieben Jahren an der Spitze hat Hiesinger den Konzern stabilisiert und auf neue Geschäftsfelder ausgerichtet. Der Abschied vom Stahl wäre ein Befreiungsschlag. Darauf warten nicht nur die Anleger, sondern auch die 130.000 Beschäftigten der Industriesparten, die mehr Spielraum für Forschung, Entwicklung und Wachstum bekämen. So weiterzumachen wie bisher, Sparrunde nach Sparrunde über sich ergehen zu lassen, ist auch für die Stahlkocher keine Alternative. Auf sich allein gestellt, sind sie für die nächste Stahlkrise wahrscheinlich sogar schlechter gewappnet als in einem sozialverträglich ausgestalteten Bündnis mit einem starken Partner.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bünder, Helmut (bü.)
Helmut Bünder
Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.
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