Fidget Spinner

Die Spielzeug-Blase

Von Timo Kotowski, Nürnberg
 - 09:41

Es dreht sich – aber wofür sollte das Ding sonst noch nützlich sein? Spielwarenhändler, die sich zu lange mit dieser Frage aufhielten, hatten im Fidget-Spinner-Boom des Frühsommers das Nachsehen. Die Kreisel, zwischen Daumen und Zeigefinger zu halten, sorgten in diesem Jahr für eine so schnell emporschnellende Nachfrage, wie es die Branche selten erlebt hat. Mittlerweile sind die Fidget Spinner beinahe Ladenhüter, Händler, die zu spät und dann zu viele orderten, haben noch Vorräte. Der Trend verschwand so schnell wie ein Sommerhit aus den Musikprogrammen.

„Schnelldreher“ werden im Handel Produkte genannt, die schon verkauft werden, kurz nachdem sie ins Regal gestellt wurden. Die Fidget-Spinner waren regelrechte Turbo-Dreher – allerdings nur für kurze Zeit. Zum zweiten Mal innerhalb weniger Jahre wurde die Spielwarenbranche von einem Trend überrascht. Zuvor hatten die „Loom Bands“ – grell bunte Kunststoffbändchen – unerwartet eine vorübergehende Renaissance der Handarbeit und des Flechtens in Kinderzimmern ausgelöst. Doch es gibt einen Unterschied zwischen den bunten Bändern und den Drehdingern: „Während der Loom-Trend neun Monate brauchte, um die Welt zu erobern, waren es bei den Fidget-Spinnern nur vier Wochen“, berichtet Eurotoys-Marktforscher Joachim Stempfle.

So viel Tempo ist selten in der Spielwarenbranche, in der das Marktgeschehen sonst einigermaßen überschaubar ist. Zwar wird nicht alles, was zu Jahresbeginn prominent auf der Nürnberger Spielwarenmesse zu sehen ist, zum Verkaufsschlager. Aber alles, was Monate später Kinderherzen höher schlagen lässt, ist in der Regel auf der Messe ausführlich von Fachleuten zu bestaunen. Die Fidget Spinner lagen im Messegewusel hingegen in einer Nische – geschadet hat es ihnen nicht. Bis Ende Oktober wurden in Deutschland 9,5 Millionen Euro für die Drehdinger ausgegeben. Stückpreis: selten mehr als 5 Euro. Nur Premium-Varianten mit LED-Licht oder Strass-Steinchenbesatz kosteten bis zu 30 Euro. 1,9 Millionen Spinner gingen über die Ladentheken.

Schneller Aufstieg und Fall

Aus Stempfles Zahlen lässt sich ablesen, wie schnell die Spinner zum großen Dreher wurden. Ihre Popularität begann Anfang April in den Vereinigten Staaten, vier Wochen später zeigte sich in deutschen Statistiken die erste Nachfrage. Zu Pfingsten wurden dann im deutschen Handel bereits 1,6 Millionen Euro für Fidget Spinner ausgegeben – nicht insgesamt, sondern innerhalb einer Woche. Ende Juli war der Wochenumsatz wieder auf ein Viertel des Spitzenwerts zusammengeschnurrt. „So schnell der Trend groß geworden ist, so schnell ist er auch wieder vorbei“, fasst Stempfle zusammen.

Trend-Spielzeug
Der Meister des Fidget Spinners
© DW, Deutsche Welle

Dabei waren die Kreisel nicht neu: Erfunden hat sie eine Amerikanerin in den neunziger Jahren. 2005 lief ihr Patent aus, 2017 wurden die Drehdinger zum Verkaufshit. Um die Kreisel rankte sich die Geschichte, dass sie hyperaktive Kinder beruhigen, Rauchern den Abschied von der Zigarette erleichtern, kurzum für Entspannung sorgen. Lehrer berichteten eher von Kindern, die mehr mit Kreiseln als mit dem Unterricht beschäftigt waren.

Auch Spielwarenhändlern bereiteten die drehenden Dinger eher Stress. Diejenigen, die den Trend nicht rechtzeitig erkannten, hatten Schwierigkeiten, auf die Schnelle Ware zu bekommen. Die Nachbestellwelle führte zu eigentümlichen Auswüchsen. Am Frankfurter Flughafen beschlagnahmte der Zoll Kartons mit einem Gewicht von 35 Tonnen – voll mit Fidget Spinnern. Es dürften Hunderttausende aus asiatischer Billigfertigung gewesen sein. Allen fehlte das für einen Verkauf in der EU vorgeschriebene Siegel. Schnelltests ergaben, dass die Lieferung Sicherheitsstandards nicht genügte. Als reguläre Kreisel nachgeliefert wurden, war es für manchen Verkäufer zu spät, um mit dem Trendartikel noch ein Geschäft zu machen. Da hatte sich das Marktgeschehen schon weiter gedreht.

Quelle: F.A.Z.
Timo Kotowski  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Timo Kotowski
Redakteur in der Wirtschaft.
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