Möglicher Verkauf von Opel

„America First“ für GM

Von Roland Lindner, New York
 - 08:45
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Warum ausgerechnet jetzt? Diese Frage wirft der amerikanische Autohersteller General Motors mit seiner Entscheidung auf, sein Europa-Geschäft mit den Marken Opel und Vauxhall zum Verkauf freizugeben. Es wäre eine historische Scheidung, denn Opel ist seit fast 90 Jahren ein Teil von GM. Zudem schien die europäische Tochtergesellschaft auf dem Weg der Besserung.

Sicher, der Brexit hat vorerst den Plan vereitelt, nach einer quälend langen Verlustserie wieder profitabel in der Region zu werden, und es lässt GM nicht gerade gut aussehen, dass der Rivale Ford Gewinne ausweist. Aber es dürften kaum Zweifel daran bestehen, dass es für Opel in die richtige Richtung ging. Und hatte GM-Vorstandschefin Mary Barra nicht nach ihrem Antritt vor drei Jahren ein glaubwürdiges Bekenntnis zu der deutschen Traditionsmarke abgegeben?

Die Zeiten haben sich geändert, und es ist womöglich kein Zufall, dass die Gespräche über einen Verkauf von Opel nur wenige Wochen nach dem Regierungswechsel in Amerika bekanntwerden. Der neue Präsident Donald Trump predigt unter dem Schlagwort „America First“ eine Philosophie der Abschottung. Er verlangt Vaterlandstreue von amerikanischen Unternehmen. Es wäre gewiss in seinem Sinn, wenn sich GM vom Ballast seiner chronisch defizitären europäischen Tochtergesellschaft befreit. Die bisher von ihr verschlungenen Ressourcen könnten dem Geschäft auf dem amerikanischen Heimatmarkt zugute kommen.

In der Heimat sprudeln die Gewinne

Tatsächlich kann es, unabhängig von Trump, nichts Wichtigeres für GM-Chefin Barra geben, als die Gewinnmaschine in Nordamerika am Laufen zu halten. Nach drastischen Einschnitten und einer schmerzhaften Insolvenz im vergangenen Jahrzehnt ist die Region heute die tragende Konzernstütze. Sie brachte dem Autohersteller im abgelaufenen Jahr einen zweistelligen Milliardengewinn, während von den Auslandsregionen nur China profitabel war. GM kann sich aber nicht darauf verlassen, dass die Gewinne in der Heimat weiter sprudeln, zuletzt gab es Anzeichen für eine Abkühlung.

Rüsselsheim
Peugeot erwägt den Kauf von Opel
© dpa, reuters

Trump ist ein zusätzliches Risiko. Der neue Präsident hat mit Strafzöllen auf Autos gedroht, die aus Mexiko und anderen Ländern nach Amerika importiert werden. Das dürfte für kaum ein anderes Unternehmen so gefährlich sein wie für GM, denn anders als etwa Ford stellt GM einen großen Teil seiner Pick-up-Transporter in Mexiko her. Diese Pick-ups zählen nicht nur zu den meistverkauften Fahrzeugen in Amerika, sie bringen auch überdurchschnittlich hohe Gewinnmargen. Es würde GM daher besonders hart treffen, machte Trump seine Drohung wahr.

Wie eine Reihe anderer Unternehmen versucht daher auch GM derzeit, sich mit Ankündigungen von Investitionen in Amerika bei Trump einzuschmeicheln. Barra dürfte sich außerdem bemühen, ihren Sitz in einem Beratungsgremium für den Präsidenten zu nutzen, um dessen Politik zu beeinflussen. Sie war in den vergangenen Wochen schon zwei Mal im Weißen Haus.

Angesichts der neuen Herausforderungen in Amerika wird das Europa-Geschäft aus Sicht von GM zunehmend zu einer Ablenkung. Nüchtern betrachtet, würde nun eine Verbindung gelöst, die zwar lange hielt, aber immer kompliziert war. Mal verkaufte GM Autos der Marke Opel in der amerikanischen Heimat, dann wieder nicht. Mal hatte Opel in Europa hauseigene Konkurrenz durch die GM-Marke Chevrolet, dann wieder nicht. Und Opel musste sich immer damit abfinden, dass der Aktionsradius der Marke aufgrund der Vorgaben der Konzernspitze in Detroit begrenzt war.

Mit einem Verkauf von Opel würde sich GM vorerst vom Anspruch verabschieden, „Global Motors“ sein zu wollen. Das kommt nicht ganz aus dem Nirgendwo, denn die Amerikaner haben in jüngster Zeit schon mehrfach Aktivitäten im Ausland aufgegeben, die ihnen nicht mehr lukrativ genug erschienen. Sie zogen sich zum Beispiel aus Russland zurück und beendeten die Produktion von Autos in Australien. Selbst in der Heimat werden Marktanteile nicht mehr um jeden Preis verteidigt, wie an der gesunkenen Zahl wenig profitabler Flottenverkäufe an Autovermieter abzulesen ist. Trotzdem wäre es für GM kein leichter Abschied von Opel. Die Arbeit der Opel-Ingenieure im Entwicklungszentrum in Rüsselsheim kommt gerade im Kompaktwagensegment dem gesamten Konzern zugute, und mit einem Rückzug aus Europa würden die Amerikaner einen riesigen Markt aufgeben.

Opel-Überraschung
Nahles: Die Freude hielt sich sehr in Grenzen
© reuters, reuters

Aber offenbar ist GM bereit, diesen Preis zu bezahlen. Es sei denn, ein Verkauf von Opel wäre nur das erste Element in einem viel weiterreichenden Plan. Der italienisch-amerikanische Wettbewerber Fiat Chrysler (FCA) dient sich GM schon seit einiger Zeit als Fusionspartner an. Bislang ist er mit seinem Werben abgeblitzt, aber ein Verkauf von Opel könnte die Ausgangslage ändern. Ein solches Fusionsvorhaben ist derzeit noch pure Spekulation, aber immerhin stieg der Aktienkurs von FCA nach Bekanntwerden der Verkaufsverhandlungen über Opel fast so stark an wie der Kurs von GM. Mit FCA könnten die Amerikaner eine Präsenz in Europa erhalten, gleichzeitig aber auch ihre Position in der Heimat stärken. Auch das ließe sich mit einer „America First“-Philosophie vereinbaren.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Lindner, Roland (lid.)
Roland Lindner
Wirtschaftskorrespondent in New York.
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