Abpfiff!

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12.05.2018 · Die Bundesliga ist ein Spielfeld für die Wirtschaftselite. Milliardäre, Top-Juristen und Spitzenwinzer bestimmen über das Schicksal von Klubs. Zum Ende der Saison haben wir uns umgehört: Wie ist es gelaufen? Was haben sie bewegt?

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Aufstieg mit Campino

Reinhold Ernst, Fortuna Düsseldorf

Fortuna Düsseldorf ist wieder da. Nächste Saison spielen sie endlich wieder erste Liga. Die Sensation wäre kaum geglückt, wenn nicht zwei Fans den Verein zuvor vor dem Ruin bewahrt hätten. Zuerst waren es die Toten Hosen: Frontmann Campino und seine Band haben 2001 eine Million Mark lockergemacht, um den Klub, damals in die vierte Liga abgesackt, vor der Insolvenz zu bewahren. Das grundlegende Übel, schlechtes Management, aber blieb, so dass bald ein neuer Retter her musste. Der hieß Reinhold Ernst, ist weniger bekannt und ein ganz anderer Typ als der Punk-Sänger, aber ebenso glühender Fortuna-Fan. Ernst, heute Vorsitzender des Aufsichtsrats der Fortuna, ist von Haus aus ein Spitzenjurist aus der Top-Kanzlei Hengeler Mueller; zweifellos seriös, zweifellos erste Liga. 2007 ließ er sich von Aufsichtsratsmitglied Reiner Calmund und dem seinerzeitigen Finanzvorstand überreden, den Verein auf solide Füße zu stellen. Das ist ihm in zwei Etappen gelungen. 2007 vereinbarte er als Aufsichtsratschef einen Schuldenschnitt und holte alle Markenrechte zurück. Die hatte der Verein zuvor komplett an die „Sportwelt“ verkauft, um dann festzustellen, dass ohne die Rechte keine müde Mark zu machen ist. „Das war ein ganz wichtiger Deal in der Geschichte des Vereins“, erklärt Ernst heute. Nach diesem „bahnbrechenden Schritt“ trat er zurück und widmete sich wieder ganz der Anwaltstätigkeit.

Doch dabei blieb es nicht. Vor dreieinhalb Jahren trat er zum zweiten Mal an – diesmal, um zu bleiben. Er wollte den Klub zusammen mit seinen Aufsichtsratskollegen und neuen Köpfen wieder auf Erfolgskurs bringen, holte neue Leute nach Düsseldorf, darunter Robert Schäfer als neuen Vorstandsvorsitzenden und Erich Rutemöller als neuen Sportvorstand. Das neue Team führte den Klub zurück in die erste Liga. „Und das, ohne Anteile zu verkaufen, ohne sich einem Groß-Mäzen auszuliefern, aus eigener Kraft als Verein und in Rechenschaft gegenüber den Mitgliedern“, wie Ernst betont.

Den 28. April 2018 wird er deshalb nicht vergessen. Mit Tränen in den Augen saß er in Dresden im Stadion, zwei seiner Söhne neben sich, und verfolgte, wie die Fortuna den Aufstieg in die erste Liga klarmachte. Ein Sieg für die Mannschaft, ein heimlicher Erfolgsmoment für den Wirtschaftsjuristen. „Das war ein hartes Stück gemeinsamer Arbeit.“

Fragt sich nur, warum sich ein Staranwalt wie Ernst, seit vielen Jahren Partner von Hengeler Mueller, so etwas antut in der eng bemessenen Freizeit, zwischen den großen Börsengängen, bei denen er die Mandanten berät. Den Eifer verstehen wohl nur echte Fußballfans. Reinhold Ernst, heute 55 Jahre alt, ist der Fortuna treu von Kindesbeinen an. Als Kind radelte er zu jedem Heimspiel ins Stadion. Auch die „ganz bitteren Zeiten“, als die Düsseldorfer in der vierten Liga kickten, schreckten Ernst nicht ab. „Wir tourten immer mit über die Dörfer.“

Später studierte er Jura, eher aus Verlegenheit. „Ich wollte eigentlich Geschichte studieren, das ging aber nicht, weil mein älterer Bruder das schon machte.“ Schnell fand er Spaß am Wirtschaftsrecht. Einer seiner ersten Kunden bei Hengeler Mueller war Ralph Dommermuth, als der Westerwälder seinen Internet-Anbieter 1&1 Ende der 90er Jahre an die Börse brachte. Es folgten die Privatisierung und der Börsengang der Deutschen Post und etliche andere Groß-Transaktionen, bis heute werkelt Ernst an Börsengängen. Trotzdem fehlt er bei keinem Spiel der Fortuna, zu Hause wie auswärts: „Die schönsten Spiele sind solche auswärts wie in Aue. An solchen Tagen weiß ich, warum ich das alles tue.“ Für den Rummel jedenfalls nicht, das Rampenlicht überlässt er anderen. Leuten wie Campino.

Bettina Weiguny

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Mehr Aufregung war nie

Fritz Keller, SC Freiburg

Fritz Keller ist kein Mäzen, der sich mit vielen Millionen ein Ensemble aus Fußballstars zusammenkauft. Er ist auch kein Selbstdarsteller, der den Fußball als Marketinginstrument benutzt. Fritz Keller, 61 Jahre alt, im Hauptberuf Winzer und Gastronom, ist seit acht Jahren Präsident des SC Freiburg – und im deutschen Profifußball so etwas wie der letzte Mohikaner, der sich der allgegenwärtigen Kommerzialisierung, dem Drang zu immer höheren Gehältern, Ablösesummen und finanziellen Risiken zumindest nicht widerstandslos ergeben will. Keller hat mit dem Sportclub ungeahnte Höhenflüge wie den Einzug in die Europa League im Sommer 2013 erlebt, aber auch Tiefschläge wie den Abstieg in die zweite Liga nur zwei Spielzeiten später. Trotzdem habe die Saison, die nun zu Ende geht, außergewöhnlich stark an seinen Nerven gezehrt, sagt Keller. Und zwar nicht so sehr wegen des Abstiegskampfs bis zum letzten Spieltag, sondern wegen des großen Verletzungspechs der Mannschaft und wegen der vielen Entscheidungen, mit denen die Schiedsrichter nach Kellers Ansicht die Freiburger auf dem Platz benachteiligt haben. Nur ein einziges Heimspiel habe er verpasst, krankheitsbedingt. Oft genug habe er dagegen auf der Tribüne im Schwarzwaldstadion gesessen und gelitten. „Dass man den Videobeweis, den es vorher überhaupt nicht gab im Fußball, dann ausgerechnet in der höchsten Spielklasse als Experiment und mit zu wenig Orientierung und Klarheit einführt, das hat uns einige Opfer abverlangt“, formuliert Keller seine Kritik an der neuesten technischen Entwicklung in der Bundesliga.

Der Fußball sei unberechenbar, glaubt Keller, dessen Familie ein Weingut im Kaiserstuhl gehört. „Im Vergleich dazu ist sogar die Landwirtschaft, wo fast alles vom Wetter abhängt, ein vorhersehbares Geschäft.“ Ein kleiner Verein wie der SC Freiburg, der unter den 18 deutschen Erstligisten traditionell am wenigsten Geld für seine Profimannschaft ausgibt, müsse gerade deshalb langfristig planen. „Wir können nicht alles auf eine Karte setzen, uns auf Teufel komm raus verschulden und darauf hoffen, dass dann irgendjemand kommt und uns raushaut, wenn es schiefläuft“, sagt Keller. „Wir können absteigen, das ist ein Teil der Wahrheit – und das muss sich auch in unseren betriebswirtschaftlichen Überlegungen wiederfinden.“ Deshalb investiere der Verein sein Geld lieber in ein neues Nachwuchsleistungszentrum und in ein neues Stadion, als Unsummen auf dem Transfermarkt auszugeben.

Und was hält Keller, der als Winzer mit einem noblen Hotel, einem Restaurant mit Michelin-Stern und einer schicken Vinothek durchaus zu den Schnittigen der Zunft gehört, von der Idee, den Spitzenfußball noch mehr als bisher für Finanzinvestoren zu öffnen? Die Regel, die das in Deutschland bisher verhindert, heißt verkürzt „50 + 1“ – weil die Vereine stets die Mehrheit an den Kapitalgesellschaften halten müssen, in die sie ihre Profiabteilungen ausgliedern dürfen. Fritz Keller hat dazu eine klare Meinung. Auf die Einnahmen aus Sponsoren- und Fernsehverträgen könne niemand verzichten, auch in Freiburg nicht. „Wir müssen schließlich auch die Gehälter unserer Angestellten bezahlen.“ Aber dass Investoren die Mehrheit im Fußball übernehmen, das komme für ihn nicht in Frage. Im Gegenteil, beim Sportclub werde die Profiabteilung erst gar nicht ausgegliedert. „Wir in Freiburg sind nicht nur für 50 + 1“, sagt Keller. „Wir haben uns für 100 + 0 entschieden.“

Sebastian Balzter

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Buhmann der Nation

Martin Kind, Hannover 96

Es gibt Bundesligaspielzeiten, die sind aus sportlichen Gründen unvergesslich: weil die Mannschaft einen schönen Fußball gespielt hat oder weil sie sensationelle Erfolge feiern konnte. Im Fall von Hannover 96 trifft das beides zwar eher nicht zu, dennoch wird die nun zu Ende gegangene Saison auf jeden Fall in Erinnerung bleiben. Und zwar als das Jahr, in dem bei den Niedersachsen die Fetzen flogen wie nie zuvor.

Viele Fans, vor allem die hartgesottenen aus der Ultraszene, verweigerten der eigenen Mannschaft die Unterstützung, blieben im Stadion selbst dann still, wenn es Grund zur Freude gab, weil Hannover ein Tor erzielte. Dieser Stimmungsboykott traf Spieler und Trainer, doch gerichtet war er gegen die Vereinsbosse, die den Fußball angeblich kaputtmachen. Im Prinzip haben die 96-Fans also den Sack geprügelt und den Esel gemeint. „Es geht letztlich um die Macht“, sagt Martin Kind, „um die Frage, wem der Fußball gehört.“

Faktisch ist die Sache längst entschieden: Die Großmacht bei Hannover 96, die verkörpert Kind, also der Mann, gegen den sich der Volkszorn richtet. Der 74-Jährige ist Präsident des Muttervereins und zugleich Chef der ausgegliederten Kapitalgesellschaft, die für den Profifußball zuständig ist. Dass die Gesellschaft vor Jahren mehr oder weniger heimlich sämtliche Profi-Anteile vom Stammverein übernahm, bringt viele Fans und Mitglieder noch heute in Rage. Der Schlachtruf „Kind muss weg“ wurde in der Fankurve zum Evergreen. Auch auf der Mitgliederversammlung neulich ging es höllisch heiß her, Kind und seinen Mitstreitern wurde letztlich die Entlastung verweigert. Kind bleibt trotzdem cool. „Stressfrei“ nennt sich der Unternehmer, der aus dem elterlichen Hörgeräteladen einen deutschen Marktführer mit 270 Millionen Euro Jahresumsatz gemacht hat: „Wer in der Öffentlichkeit steht, muss mit Lob und Kritik umgehen können.“

Und das gilt nicht nur in Hannover. Kind ist auch ein Buhmann der Fußballnation. Er kämpft dafür, dass sich die Bundesliga Investoren öffnet. Was in anderen Ländern normal ist, verhindert hierzulande die „50 + 1“-Regel. Das heißt, ein Verein muss mindestens eine Stimme Mehrheit über die ausgegliederte Profifußballgesellschaft besitzen. Diese Abschottung schreckt Geldgeber ab.

Kind will für Hannover 96 eine Ausnahme von 50 plus 1 erstreiten, weil er den Verein seit 20 Jahren finanziell unterstützt. Doch der Bundesliga-Verband DFL stellt sich quer, weil Kind angeblich nicht genug Millionen Euro investiert hat. Er habe das „Hannover-Modell“ mit regionalen Gesellschaftern entwickelt – „und ich werde es zu Ende führen“, sagt Kind. Notfalls gehe er vors Schiedsgericht.

Immerhin: Sportlich lief die Saison für den Aufsteiger ordentlich, Hannover 96 sicherte sich recht bequem den Klassenverbleib. „Deutlich akzeptabel“, so Kinds Resümee. Der ganze Rest bleibt unvergesslich.

Thomas Klemm

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Die schlechteste Investition des Lebens

Klaus Michael Kühne, Hamburger SV

Klaus Michael Kühne, 80, Milliardär von eigenen Gnaden, hat in seinem reichhaltigen Leben als Unternehmer so manche Schlacht geschlagen. Die meisten hat er gewonnen, sonst hätte er aus der Spedition des Großvaters keinen Weltkonzern geformt: Aus 3000 Mitarbeitern wurden 75000. Natürlich gab es dabei auch mal Rückschläge, wie jüngst beim Bau seines Luxushotels „The Fontaney“ in Hamburg, eines seiner Hobbys: Die Planungsphase war schrecklich, der Bau wurde viel teurer als geplant, die Eröffnung verzögerte sich ein ums andere Mal. Immerhin, nun ist das Luxushaus mit integrierter Medizinstation, direkt am Wasser gelegen, eröffnet. Die teuerste Suite kostet 9000 Euro die Nacht, das internationale Publikum kann kommen. Der Patron ist zuversichtlich: Das wird was. „Das Fontaney ist ein Beitrag, um Hamburg modernder und attraktiver zu machen.“

Nur die Sache mit dem Fußball in der Hansestadt, die erweist sich als hartnäckig tückisch, „ein ganz trauriges Kapitel“, wie er sagt: „Unglückliche Liebe.“ Kühne, vor Jahrzehnten ins Schweizer Steuerexil gewechselt, hat dem einstmals stolzen Fußballklub in seiner Heimatstadt Hamburg Millionen spendiert, um die Qualität der Mannschaft zu verbessern, hat sich mit 20 Prozent am HSV beteiligt, um den darniederliegenden Klub zurück an die Spitze zu führen. „Hat nicht funktioniert“, so sein bitteres Fazit nach Jahren des Abstiegskampfs.

Ins Stadion geht er schon lange nicht mehr: „Da werde ich erkannt und oft auch beschimpft.“ Kühne schaut die Spiele im Fernsehen und leidet mit – sofern nach so vielen Fehlschlägen sich die Leidensbereitschaft nicht erschöpft hat. Der Logistik-Unternehmer wollte gestalten, hatte aber keinen rechten Durchgriff. So hadert er mit dem Management, der Personalpolitik, der Entwicklung insgesamt: „Es ist eine Schande. Ein großes Ärgernis. Furchtbar für Hamburg.“ Und für ihn ist es obendrein ein ökonomisches Ärgernis: „Rein wirtschaftlich betrachtet, ist der HSV die schlechteste Investitionsentscheidung meines Lebens.“

Georg Meck

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Endlich wieder Europa

Dietmar Hopp, TSG Hoffenheim

Dietmar Hopp und die TSG Hoffenheim haben ein eigenes Kapitel in der Geschichte des Profifußballs in Deutschland geschrieben. Hopp, einer der Gründer des Software-Konzerns SAP und als dessen Großaktionär einer der reichsten Deutschen überhaupt, hat den Verein aus seinem Heimatdorf seit 1989 aus der Kreisliga bis in die Bundesliga geführt. Das Projekt ist einzigartig – und sportlich erfolgreich. Die Qualifikation fürs internationale Geschäft war den Hoffenheimern unter Trainer-Youngster Julian Nagelsmann schon vor dem letzten Spieltag kaum mehr zu nehmen.

Seit zehn Jahren spielt der Verein nun schon ununterbrochen in der Bundesliga. Wer nach dem Aufstieg 2008 vermutete, es handele sich um eine Ein-Saison-Fliege, hat sich getäuscht. Und wer als Fußball-Traditionalist den Emporkömmling aus dem Kraichgau wegen der Hoppschen Millionen für das größte vorstellbare Unglück hielt, das die Bundesliga heimsuchen konnte, der hat sich vermutlich längst andere Feindbilder gesucht. Hopp gehört die Profi-Abteilung des Vereins zwar fast komplett allein, durch sein jahrzehntelanges Engagement erfüllt der Achtundsiebzigjährige neben den „Werksklubs“ aus Leverkusen und Wolfsburg als einziger Mäzen in der Bundesliga die Bedingung für eine Ausnahme vom Verbot solcher Verhältnisse (Stichwort „50 + 1“). Aber der Mann, der als Amateurkicker einst selbst in Hoffenheim die Fußballstiefel geschnürt hat, hält sich inzwischen dezent im Hintergrund. Er werde melancholisch, wenn sein Verein verliere, sagt er. Und er behauptet, nach den Anfangsinvestitionen kein weiteres Geld mehr in sein Fußball-Projekt zu stecken: Es soll sich aus eigener Kraft tragen.

Sebastian Balzter

Quelle: F.A.S.