Illustration: Carsten Feig

Ein neues Geldsystem für die Welt

Von CHRISTIAN SIEDENBIEDEL

06.06.2018 · „Vollgeld“ nennt sich eine ungewöhnliche Idee für ein neues Finanzsystem ohne übermäßige Schulden. Die Schweizer stimmen am 10. Juni darüber ab. Sollen wir uns daran ein Beispiel nehmen?

W enn die Etablierten aufschreien, wird es immer interessant. In der Schweiz sorgt gerade eine Volksabstimmung zu einem Thema für einige Aufregung bei Banken und Notenbank, über das sich bislang sonst höchstens ein paar unorthodoxe Wissenschaftler in ihren Gelehrten-Kämmerchen Gedanken gemacht hatten. „Gefährlich“ nennen die Gegner das Vorhaben, einen „Fehler“ und „vollkommen unrealistisch“ , während die Befürworter mit einem riesigen Sparschwein mit der Aufschrift „Nur echte Franken für mein Konto“ über die Schweizer Marktplätze tingeln - und mit so viel Leidenschaft Unterstützer sammeln, als stünde das Seelenheil der Eidgenossen höchstselbst auf dem Spiel.

Worum geht es?

Am 10. Juni gibt es in der Schweiz eine Volksabstimmung über ein neues Geldsystem, das sich „Vollgeld“ nennt. Es soll sicherer sein als das bestehende, behaupten zumindest die Befürworter. Vor allem soll es besser vor Finanzkrisen schützen. Da fragt man sich schon: Ist da etwas dran? Könnte ein solches System die Welt vor der nächsten Katastrophe bewahren?

Das Wort jedenfalls hört sich herrlich nach Sicherheit an. „Vollgeld“ , das klingt mindestens so solide wie „Vollkornbrot“ , „Volljurist“ oder „Vollgummireifen“ . Vielleicht ruft der Begriff im Kopf auch das Bild einer alten Münze hervor, die vollständig nur aus Edelmetall besteht - und nicht bloß aus einem dünnen Mantel mit einem unedlen Kern. Diese gedankliche Verbindung ist von den Erfindern sicher nicht ganz unbeabsichtigt gewesen - aber es geht um etwas anderes. Nicht das Bargeld soll verändert werden - sondern das Giralgeld, das elektronische Geld der Sparer auf den Konten der Banken, soll auf eine ganz neue Basis gestellt werden.

Am 10. Juni gibt es in der Schweiz eine Volksabstimmung über ein neues Geldsystem, das sich „Vollgeld“ nennt. Reinhold Harringer, Sprecher des Vollgeld-Initiativ-Komitees, erklärt die Grundidee. Video: vollgeld-initiative.ch

Schweizer Franken alleine von der Nationalbank!

„Mit Vollgeld wird das Geld auf unseren Konten sicher, auch wenn die Bank pleite geht! Es wird weniger Spekulationsblasen und weniger Finanzkrisen geben und die Geldschöpfungsgewinne gehen an die Allgemeinheit. Banken werden wieder zu Geldvermittlern, erzeugen aber kein eigenes Geld mehr“.
www.vollgeld-initiative.ch/

Der Grund, warum man sich überhaupt mit so einer abgedrehten Frage wie der nach einem völlig neuen Geldsystem beschäftigen soll, ist nach Ansicht der Vollgeld-Befürworter die Drei-Krisen-Theorie. Die geht ungefähr so: Zuerst sind die Banken wegen der übermäßigen Verschuldung in eine Krise gekommen und mussten von den Staaten gerettet werden. Dann kamen die Staaten ihrerseits in die Krise und bedurften der Rettung, das war die Euro-Krise. Und, so wird gefolgert, die nächste Krise muss unweigerlich noch eine Ebene höher stattfinden - dann kommt die Krise des Geldes selbst.

Vor dieser nächste Krise soll Vollgeld schützen. Um tiefer in die Diskussion einzusteigen, muss man sich zunächst mit der Frage beschäftigen, wie das Geld überhaupt in die Welt kommt: Wie geschieht die Geldschöpfung denn überhaupt im gegenwärtigen System? Anders, als viele Laien glauben, ist es nicht so, dass nur die Notenbank das Geld in die Welt bringen kann. Zunächst ist die Vorstellung vielleicht verblüffend, dass auch Geschäftsbanken Geld schöpfen können. Zumindest nach der vorherrschenden Auffassung der Geldtheorie ist für die Banken eine solche „Giralgeldschöpfung“ aber durchaus möglich - und passiert auch, im Prozess der Kreditgewährung.

Das funktioniert so:

Z war können die Banken weder Geldscheine drucken noch Münzen prägen. Das dürfen nur die Notenbanken. Die Geldschöpfung der Banken ist von anderer Natur. Geld, das sind schließlich nicht nur Scheine und Münzen. Auch, was irgendwo auf Konten schlummert, ist echtes Geld. Wenn Zahlen von einem Konto auf ein anderes wandern, fließt Geld. Man kann dafür Dinge kaufen und es sich auszahlen lassen. Zwar ist unter Ökonomen umstritten, ob dieses sogenannte Giralgeld oder Buchgeld nur „wie Geld“ ist, eine „Forderung auf die Zahlung von Geld“ oder sogar „wesensgleich“ zum Geld - auf jeden Fall übernimmt es Geldfunktionen.

Dieser elektronische Teil des Geldes macht sogar den größeren Teil aus: In Europa gibt es eine sogenannte zahlungsfähige Geldmenge (Fachleute nennen sie „M1“ ) von 7,8 Billionen Euro. Darin enthalten sind 1,1 Billionen Euro Bargeld in Scheinen und Münzen. Der unvorstellbar große Rest ist nur auf Konten existent, die „Sichteinlagen“ . Dieses Geld wird überwiegend von den Banken geschaffen. Das passiert, indem sie Kredite vergeben. Aristoteles und Platon philosophierten zu ihrer Zeit noch darüber, ob der Wert des Geldes durch den Metallwert der Münzen („physis“ ) entstehe oder durch den Nennwert, den der Staat qua Erlass festlegt („nomos“ ). Heute entsteht das meiste Geld durch Verschuldung.

In Europa besteht eine zahlungsfähige Geldmenge (Fachleute nennen sie „M1“ ) von 7,8 Billionen Euro. Darin enthalten sind 1,1 Billionen Euro Bargeld in Scheinen und Münzen. Der unvorstellbar große Rest ist nur auf Konten existent, die „Sichteinlagen“ (virtuelles Geld) . Illustration: Carsten Feig

Die Vollgeld-Debatte ist immer auch noch eine Krisendeutung, mit „negativen Gefühlen gegenüber den Geschäftsbanken“
Ökonom Philippe Bacchetta

Solches Geld entsteht, wenn eine Bank einem Kunden einen Kredit gewährt und den Betrag auf dessen Konto gutschreibt. Der Kunde kann den Betrag wie Geld weiterverwenden. Allerdings: Die Bank muss im Gegenzug für die Einlage, die sie dem Kunden gutschreibt, Geld bei der Zentralbank deponieren: die Mindestreserve. Diese ist viel kleiner als Einlage und Kredit. In der Schweiz beträgt der Mindestreservesatz 2,5 Prozent. Eine Bank, die einem Kunden einen Kredit über 10.000 Euro gewähren und als Einlage gutschreiben will, braucht also 250 Euro Mindestreserve. Wenn das geborgte Geld früher oder später als Einlage bei einer anderen Bank landet, kann diese noch mehr Kredit vergeben: Das Bankensystem als Ganzes schafft so ein Vielfaches von dem Geld, das am Anfang stand. Ökonomen nennen das „multiple Geldschöpfung“ . Das Geldsystem, bei dem die Banken einen Teil ihrer Einlagen als Mindest- und Barreserven halten müssen, nennt man „fraktionales“ (unvollständiges) Reservesystem. Und an diesem System nun entzündet sich die Kritik.

Anlass sind die Erfahrungen aus der Finanzkrise. Die Vollgeld-Debatte ist immer auch noch eine Krisendeutung, mit „negativen Gefühlen gegenüber den Geschäftsbanken“ , wie es der Ökonom Philippe Bacchetta aus Lausanne formuliert. Dabei gilt: Liberale, Keynesianer, Neokonservative und Altlinke - Kritik am bestehenden Geld- und Bankensystem gibt es aus allen Lagern. Schließlich sorgen Katastrophenszenarien immer für Aufmerksamkeit - und Bankenschelte ist seit der Finanzkrise beliebt.

War es nicht die übermäßige Verschuldung der Privaten, der amerikanischen Hausbesitzer, vor allem aber der Banken, die uns in die Finanzkrise geführt hat? Wie stabil kann da ein Geldsystem sein, das auf einer Geldschöpfung der privaten Banken beruht und ihnen einen Einfluss auf die Geldmenge gewährt? Das Gegenstück zum bestehenden, angeblich fragilen System nun ist das Vollgeld: Um das Finanzsystem stabil und sicher zu machen, soll der Staat den Banken verbieten, im Zuge ihrer Kreditvergabe neues Geld in Umlauf zu bringen. Dazu könnte der Staat die Banken zwingen, für alle kurzfristigen Einlagen eine Mindestreserve von 100 Prozent zu halten - oder überhaupt nur der Zentralbank erlauben, Geld zu schöpfen.

D ie Vollgeld-Initiative in der Schweiz wählte den zweiten Ansatz - und hat diese Grundidee für die Volksabstimmung in vielem Details verfeinert und konkretisiert. Das Buchgeld auf dem Girokonto soll künftig offiziell gesetzliches Zahlungsmittel wie das Bargeld werden. Nur die Schweizerische Nationalbank soll es schöpfen dürfen - nicht die Geschäftsbanken wie die UBS oder die Credit Suisse. Deren Krisen haben die Vollgeld-Initiatoren noch genau in Erinnerung. In Umlauf gebracht werden soll das Geld entweder in sogenannter „schuldfreier“ Form, als Zuteilung, gleichsam als kleines Geschenk an Bund, Kantone oder Bürger. Oder aber als Kredite an Banken, die diese an ihre Kreditnehmer weiterreichen können - eins zu eins, ohne multiple Geldschöpfung der privaten Institute. Banken können dann zwar weiter Kredite vergeben. Das passiert auch beim Vollgeld nicht alles in den Büros der Zentralbank. Aber sie sind im Volumen der Kreditvergabe begrenzt durch die Menge an Zentralbankgeld, das ihnen von der Zentralbank oder ihren Kunden zur Verfügung gestellt wird. Damit würde die Notenbank die komplette Kontrolle über die Entwicklung der Geldmenge bekommen. „Das Vollgeld auf Zahlungskonten ist so sicher wie Bargeld im Tresor, denn es ist echtes Geld der Nationalbank“ , schwärmt die Vollgeld-Initiative. Bankenpleiten könnten ihm nichts anhaben. Finanzblasen könnten verhindert werden, weil die Banken kein eigenes Geld mehr schaffen könnten. Erhoffte Folge: „Die Finanzbranche steht wieder im Dienst der Menschen - nicht umgekehrt.“ Funktioniert das so? Oder sind das nur Gedankenspiele einiger Verrückter? Immerhin gibt es eine ganze Reihe kluger Ökonomen, die sich sehr ernsthaft mit dem Thema beschäftigt haben. Hans Christoph Binswanger, der unlängst verstorbene Doktorvater des früheren Deutsche-Bank-Chefs Josef Ackermann, gehörte zu den prominentesten Unterstützern in der Schweiz. Joseph Huber, ein Professor aus Halle, ist einer der engagiertesten Befürworter in Deutschland. Aber auch der renommierte Verein für Socialpolitik befasste sich im Herbst auf einem Symposion mit dem Vollgeld. Und auf der letzten Bargeldtagung der Deutschen Bundesbank referierte der international sehr anerkannte Bankenökonom Martin Hellwig zu diesem Thema - wenn auch mit einer durchaus kritischen Einschätzung.

Kritisieren kann man das Vollgeld auf verschiedenen Ebenen. Die Kritik der geldpolitischen Praktiker aus der Schweizerischen Nationalbank setzt unter anderem auf einer sehr pragmatischen Ebene an. Das bestehende Geldsystem habe sich bewährt und sei durch die strengere Regulierung der Banken noch sicherer geworden - die Einführung eines völlig neuen Geldsystems sei „nicht ratsam“ und berge „gewaltige Risiken“ . Nach dem Motto: Es läuft doch - warum soll man etwas ändern? Auch auf Übergangsschwierigkeiten wird verwiesen, wenn ein relativ kleines, aber international stark vernetztes Land wie die Schweiz allein auf ein völlig neues Geldsystem umsteigen sollte.

Erklärvideo der Vollgeld-Initiative

Video: vollgeld-initiative.ch


Ö konomen wie Hellwig dagegen setzen grundsätzlicher an. Wenn man ein System wie das Vollgeld einführt, verschiebt sich schließlich die Macht über das Geld vom privaten Sektor (den Banken) hin zum öffentlichen Sektor (Notenbanken und Staat). Und zwar im Glauben, dass diese damit besser umgingen. Als Begründung werde ein Marktversagen bei den Banken angenommen, sagte Hellwig auf der Bundesbank-Tagung: „Es fragt sich aber, ob wirklich ein Marktversagen vorliegt, das einen derart radikalen regulatorischen Eingriff rechtfertigt.“ Denkbar wäre schließlich auch das Gegenteil: dass es schon jetzt zu viele Staatseingriffe gibt, von denen die spontane Ordnung im Geldwesen gestört wird, wie der Ökonom Friedrich August von Hayek einst meinte. Dass die Notenbank schon jetzt zu viel Macht hat. Hayek hatte deshalb vorgeschlagen, jede Bank solle ihr eigenes Geld ausgeben, auch Scheine und Münzen. Die Bürger könnten dann über Angebot und Nachfrage entscheiden, welchem Geld sie ihr Vertrauen schenken. Das wäre also das Gegenteil von Vollgeld, ein reines Bankengeld. Diese Idee hat auch ihre Nachteile. So wäre die ständige Geld-Umtauscherei zweifellos nervig und kostenträchtig. Der Vorschlag zeigt aber, wie sehr im Gegenzug in derVollgeld-Idee auch eine Gläubigkeit an Notenbanken und Staat steckt.

Das „dezentrale System“ der Geldschöpfung durch die Banken, die „Koppelung von Kreditvergabe und Zahlungsverkehr“ , habe sich dabei als durchaus effizient erwiesen, meint jedenfalls der Makroökonom Hans Gersbach von der ETH Zürich. Wenn man alles Geld von der Zentralbank schaffen lasse, brauche man eine gewaltige zentrale Planwirtschaft der Geldversorgung: „Die Informations-Erfordernisse wären enorm hoch.“ Die Notenbank würde zum Moloch. Während eine Rückkehr zur Goldbindung des Franken, über die in der Schweiz auch schon mal abgestimmt wurde, den geldpolitischen Spielraum der Notenbank stark einengen würde, könnte das Vollgeld ihr übermäßig viel Verantwortung zukommen lassen. Zudem wäre es sehr wahrscheinlich, dass sich rasch zu dem staatlich administrierten Geld private Geld-Substitute entwickeln würden, meint Gersbach: „Beinahe-Geld“ wie die heutigen Geldmarktfonds - das dann seinerseits Stabilitätsrisiken mit sich bringe.


„Banken machen kein Geld, sondern verleihen es nur.“

„Das Geld auf meinem Bankkonto gehört nur mir.“

„Das Geld kommt von der Nationalbank.“
Forderungen der Vollgeld-Initiative

In diesem Risiko, dass mit der Monopolisierung der Geldschöpfung durch die Notenbank eine Menge Geldersatz außerhalb des offiziellen Systems entstünde, sieht auch der Princeton-Ökonom Markus Brunnermeier das gewichtigste Argument gegen die Einführung eines Vollgeld-Systems. „Ich finde die Vollgeld-Initiative eine interessante theoretische Idee, betrachte aber eine mögliche Einführung eher skeptisch“ , sagt Brunnermeier. Wenn die Geldversorgung über das regulierte System restriktiver würde, dürfte der unregulierte Geld-Ersatz an Bedeutung gewinnen. Der Aufstieg unkontrollierter Schattensysteme aber könnte das Finanzsystem sogar noch anfälliger für Störungen und Finanzkrisen machen als das heutige: Die Medizin würde den Patienten erst richtig krank machen.

Besonders gut sollen die Aussichten für das Vollgeld in der Schweiz allerdings ohnehin nicht stehen. Das berichtete jedenfalls die Schweizer Tagesschau. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts GFS sagten nur 35 Prozent der Befragten, sie würden in der Abstimmung mit „Ja“ votieren, dagegen 49 Prozent mit „Nein“ . Immerhin 16 Prozent sagten, sie seien unentschlossen. Eine Ablehnung sei zu erwarten, meinte Martina Mousson von der GFS: „Einzig ein außergewöhnliches Ereignis könnte die Stimmung noch herumreißen.“ Eines aber haben die Vollgeld-Initiatoren aus der Schweiz fraglos erreicht: dass in aller Welt wieder über das richtige Geldsystem diskutiert wird.

Quelle: F.A.Z.