VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh

„Vielleicht erweist sich unsere Prognose als zu hoch“

 - 15:37

Herr Osterloh, Ihr Vorstandsvorsitzender Martin Winterkorn hat in der jüngsten Betriebsversammlung von mehreren Optionen gesprochen, mit denen der Konzern auf eine sich eintrübende Weltkonjunktur reagieren könnte. Wie war das gemeint?

Wir müssen schauen, wie sich VW im Vergleich mit den Wettbewerbern entwickelt und wie die Staatsschuldenkrise auf die einzelnen Absatzmärkte wirkt. Es ist die Frage, ob es sich unsere Konkurrenten auf Dauer gefallen lassen, dass wir Marktanteile dazu gewinnen. Der eine oder andere drückt jetzt schon die Preise. Daran werden wir uns aber nicht beteiligen. Unsere Produkte sind so gut, dass wir sie auch zu Preisen verkaufen, mit denen wir gute Gewinne einfahren.

Viele Hersteller drehen also schon jetzt kräftig an der Preisschraube?

Aber sicher. Das merkt man deutlich an der Anzahl der Tageszulassungen. Die ermöglichen es den Herstellern, ihre Autos billiger zu verkaufen, ohne offiziell vom Listenpreis abzurücken. Am Anfang eines Monats hat VW in Deutschland einen Marktanteil von 40 Prozent, und dann wird er durch Tageszulassungen der Konkurrenten sukzessive nach unten gedrückt.

Wird der VW-Konzern wegen der Staatsschuldenkrise und deren Folgen im kommenden Jahr weniger Autos produzieren und verkaufen?

Davon gehen wir als Betriebsrat nicht aus. Wir erwarten weder einen Rückgang noch Stagnation. Vielleicht wird sich aber unsere bisherige interne Wachstumsprognose für 2012 als zu hoch erweisen. Der Grund dafür wäre dann die Schwäche des Marktes in Südeuropa. Im Gegenzug dafür haben wir allerdings gute Chancen, in Südamerika, Nordamerika und Russland noch mehr Autos als bisher zu verkaufen.

Was ist das schlimmste denkbare Szenario für den Absatz?

Dass wir etwa auf dem Niveau dieses Jahres landen. Und in diesem Jahr haben wir es nur durch den verstärkten Einsatz von Zeitarbeitern und durch Sonderschichten geschafft, 150.000 Autos mehr als in der ursprünglichen Planung vorgesehen in Wolfsburg zu produzieren.

Werden Sie Kurzarbeit beantragen oder Leiharbeiter entlassen?

Nein. Im Gegenteil: Wir haben von konzernweit rund 10.000 Zeitarbeitern in diesem Jahr 2650 in eine feste Anstellung übernommen. Das waren 450 mehr als geplant. Und wir haben etwa am Standort Wolfsburg gerade alle Leiharbeiterverträge bis Ende Januar 2013 verlängert.

Deutlich mehr als die Hälfte der VW-Beschäftigten arbeitet im Ausland. Aber auf der Arbeitnehmerbank im Aufsichtsrat sitzen nur Deutsche. Wann wird dort der erste Vertreter aus dem Ausland Platz nehmen?

Wenn es nach mir geht, dann sehr bald. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass wir wegen der wachsenden Bedeutung des Nutzfahrzeug-Segments in unserem Konzern einen schwedischen Gewerkschaftskollegen von Scania mit in den Aufsichtsrat nehmen. So wie auch ein Kollege von MAN dort einziehen soll. Hierzu werden wir sicherlich im ersten Quartal weitere Gespräche führen.

Es gab den Plan, die Lastwagenhersteller MAN und Scania unter Führung der Schweden zusammenzubringen. Gilt das noch?

Wie Sie sehen, gibt es eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe und unter Gleichen. MAN und Scania sind genauso unter Volkswagen aufgehängt wie alle anderen Konzernmarken. Etwas anderes könnten wir als Betriebsrat auch weder unseren Kollegen von Scania noch unseren Kollegen von MAN zumuten. Die sind als Belegschaften nämlich genauso stolz auf ihre Unternehmen, wie wir auf Volkswagen. Uns geht es um eine vernünftige Zusammenarbeit, die die Unternehmen und die Arbeitsplätze noch robuster machen. Und da ziehen die Gewerkschafter von Scania, MAN und VW mit den Unternehmen an einem Strang.

Sie wollen, dass die Arbeitnehmer künftig mit insgesamt bis zu drei Prozent an Volkswagen beteiligt werden. Bis zum Ende diesen Jahres sollte es dazu eine Entscheidung geben. Wie sieht es denn damit aus?

Gut. Wir sind entscheidende Schritte bei der Suche nach einem tragfähigen Modell vorangekommen, aber noch nicht ganz am Ziel. Insofern brauchen wir noch einige Monate.

Welchen Wert hat eine solche Beteiligung eigentlich für Sie?

Natürlich können wir mit einem solch kleinen Anteil keine direkte Macht ausüben. Aber es hat für uns einen hohen Symbolwert.

Das VW-Gesetz sichert dem Land Niedersachsen mit einem VW-Anteil von nur 20 Prozent eine Sperrminorität. Warum wehren Sie sich so sehr gegen die von der EU-Kommission gewünschte Abschaffung dieses Gesetzes? VW hat drei große Ankeraktionäre, die Gefahr einer feindlichen Übernahme ist also längst gebannt.

Erstens: Die Kommission greift nur eine Regelung des VW-Gesetzes an, nicht das Gesetz an sich. Zweitens: Die angegriffene Klausel besagt lediglich, dass jeder Aktionär, der auf der Hauptversammlung von VW besonders wichtige Entscheidungen treffen will, eine Mehrheit von 80 Prozent braucht. Das gilt für alle Aktionäre und ist nach dem deutschen Aktienrecht erlaubt. Drittens: Wer sagt uns denn, dass die Aktionärsstruktur für immer so bleibt? In 20 Jahren kann die auch wieder anders aussehen. Außerdem ist im VW-Gesetz auch geregelt, dass die Errichtung und Verlegung von Produktionsstätten nur mit Zweidrittelmehrheit im Aufsichtsrat beschlossen werden darf. Das ist für uns Arbeitnehmervertreter natürlich besonders wichtig.

Warum nehmen Sie dieses Vetorecht nicht in die Satzung auf? Dort ist ja auch schon die niedrigere Sperrminorität verankert.

Das geht aus juristischen Gründen nicht. Deshalb brauchen wir das VW-Gesetz auch weiterhin.

Aber Sie haben doch mit dem Land Niedersachsen einen starken Aktionär, der Ihre Interessen teilt.

Das stimmt. Niedersachsen gehört zu Volkswagen wie das VW-Gesetz. Und dabei soll es bleiben.

Das Gespräch führten Johannes Ritter und Christoph Ruhkamp.

Quelle: F.A.Z.
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