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Waffenland Vereinigte Staaten

Das Sturmgewehr läuft bestens

Von Melanie Amann und Hendrik Ankenbrand
 - 15:27
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Gouverneur John Kasich aus Ohio hatte viel zu erledigen vor Weihnachten. Drei Dutzend Gesetze galt es vor den Feiertagen auszufertigen. Ein strengeres Prüfungsrecht für Schulen unterschrieb der Republikaner, ein neues Scheidungsrecht und die Regel, dass Football-Spieler vom Platz müssen, wenn sie sich am Kopf verletzen. Und natürlich das neue Waffenrecht. Künftig müssen die Bürger in Ohio ihre Lizenz, eine Waffe verdeckt bei sich zu tragen, nicht mehr regelmäßig verlängern. Einmal erteilt, ist sie ewig gültig.

Dass der Gouverneur diesen Beitrag zum Bürokratieabbau nur eine Woche nach dem Amoklauf in der Grundschule von Sandy Hook leistete, zeigt, dass Amerikas Waffenindustrie sich um ihren Markt und ihre Kunden nicht allzu große Sorgen machen muss. Mögen die Aktienkurse der großen Hersteller auch gelitten haben in den vergangenen Tagen, mag Präsident Barack Obama jetzt planen, den Verkauf von Sturmgewehren zu verbieten oder den Waffenhandel unter Privatleuten strenger zu kontrollieren - wirklich weh wird es Herstellern und Händlern nicht tun.

Die Waffenbranche folgt ihrem eigenen Konjunkturzyklus

Im Gegenteil, die Branche folgt ihrem eigenen Konjunkturzyklus. Die Faustregel lautet: Je heftiger die Waffenindustrie unter Beschuss gerät, desto prächtiger geht es ihr. „Eine goldene Ära ist angebrochen“, frohlockte das Blatt „Shooting Industry Magazine“ im Juli. Ein guter Konjunkturindikator ist die Zahl der „Background Checks“: Bei manchen Waffenkäufen müssen Händler bei der Bundespolizei Informationen über eventuelle Vorstrafen des Kunden einholen. Die Zahl der Abfragen zeugt von florierenden Umsätzen der Branche und verrät die neuesten Umsatztreiber: Amokläufe und - Obama.

Nach der Wiederwahl des Waffengegners im November stieg die Zahl der Vorstrafenabfragen auf ein Rekordhoch von zwei Millionen. Am vergangenen Samstag, dem Tag nach dem Massaker von Connecticut, gingen geschätzte 130.000 Handfeuerwaffen über Amerikas Ladentische. Je mehr Waffen, desto mehr Amokläufe, beweist eine Recherche des Internetportals „Mother Jones“. Seit 1982 habe Amerika 62 Massaker dieser Art durchlitten - aber fast die Hälfte ereignete sich in den vergangenen sechs Jahren, in denen die Waffenindustrie Verkaufsrekorde feierte. Zyniker könnten sagen: Massaker sind der beste Moment, um in die Waffenindustrie zu investieren.

Im Horten von Waffen sind die Amerikaner Weltspitze

Die F.A.S. hat die Kurse der größten Hersteller in den vergangenen zehn Jahren geprüft: Kein Amoklauf hat sie nennenswert gedrückt - das Massaker in Connecticut ist die erste Ausnahme. Ob sie dauerhaft wirkt, ist fraglich. Vielmehr hat die Waffenlobby NRA am vergangenen Freitag gleich ein Konjunkturprogramm für Waffenhersteller gefordert: Bewaffnete Polizisten an jeder Schule.

Die Rechnung „Mehr Waffen = mehr Sicherheit“ mag Europäer verblüffen, für viele Amerikaner ist sie plausibel. Im Horten von Waffen sind die Amerikaner Weltspitze, auf 100 Einwohner kommen 89 Schusswaffen. Mehr haben nicht mal die Menschen im Bürgerkriegslands Jemen, oder die Schweizer, die ihre Dienstwaffen nach dem Armeedienst behalten dürfen.

Für den modernen amerikanischen Soldaten oder Veteranen gehörten Waffen eben zum Berufsalltag, schreibt die Branchen-Postille „Shooting Industry“, wieso also nicht auch zum Freizeitvergnügen? „Der amerikanische Bürger hat es kapiert: Waffen sind Okay!“

Der Freiheitsanspruch der Waffennarren

Wie groß das Geschäft wirklich ist, darüber gibt es unterschiedliche Aussagen. Auf nur knapp fünf Milliarden Dollar taxiert der Branchenverband National Shooting Sports Foundation die Umsätze, dagegen sieht der Marktforscher IBIS den Markt zwölf Milliarden Dollar schwer, bei einem jährlichen Wachstum von 6 Prozent. 12 Prozent bleiben danach als Gewinn bei den Herstellern hängen.

Ein Riese unter ihnen ist die „Freedom Group“, ein Konglomerat, hinter dem ein Private-Equity-Fonds namens Cerberus steht. Cerberus verleibte sich im Jahr 2007 nicht nur mit großem PR-Getöse den maroden Autohersteller Chrysler ein, sondern sammelte zugleich still und heimlich eine Traditionswaffenschmiede nach der anderen.

Der Name der Freedom Group spielt auf den Freiheitsanspruch der Waffennarren an. Erstes Mitglied der Gruppe war der Gewehrhersteller Bushmaster, spezialisiert auf halbautomatische Schnellfeuergewehre im Militärlook. Sein Bestseller ist die Bushmaster 223, eine Angriffswaffe des Modells AR-15. Einst entwickelt für das amerikanische Militär, wurde das Tötungsgerät bekannt unter dem Namen M 16. Im Film „Full Metal Jacket“ müssen die Marine-Soldaten das tödliche Gerät sogar mit ins Bett nehmen. Am Tag nach dem Grundschulmassaker stieg die Nachfrage nach dem Sturmgewehr sprunghaft an. Seit dem Kauf von Bushmaster hat Cerberus den amerikanischen Waffenmarkt aufgerollt. Längst sind die New Yorker Investoren der größte Produzent von Schießgerät im Land. Auch Remington, Hersteller von Gewehren für Scharfschützen und Amerikas ältestes Unternehmen, gehört zur Freedom Group, die im vergangenen Geschäftsjahr 1,1 Millionen Gewehre verkaufte, nebst zwei Milliarden Patronen Munition.

Wal-Mart bleibt der wichtigste Vertriebskanal der Branche

Auf Dauer könnte die Freedom Group der einzige Akteur der Branche sein, für das der Amoklauf von Sandy Hook Folgen zeigt - in der Eigentümerstruktur: Vor wenigen Tagen drohte ein kalifornischer Pensionsfonds indirekt damit, seine Millionen aus Cerberus abzuziehen. Prompt erkaltete die Waffenliebe der Wall-Street-Investoren: Sie lassen die Freedom Group fallen. Das Gebilde soll verkauft werden, wohl per Auktionsverfahren.

Unverändert wird der wichtigste Vertriebskanal der Branche bleiben: der Supermarktriese Wal-Mart. Wo Schießgerät zwischen Cornflakes und T-Shirts im Regal liegt, sinkt die Schwellenangst der Kundschaft. Noch vor ein paar Jahren führte Wal-Mart Waffen nur in ländlichen Gebieten, doch im Jahr 2011 änderte man den Kurs. Seither führt jede zweite der fast 4000 Filialen bis zu 400 Waffen.

300 teils widersprüchliche Waffengesetze

Das Rechtssystem macht es der Branche leicht: Ein Flickenteppich aus gut 300 teils widersprüchlichen Waffengesetzen überzieht Amerika. Oft sind die Regeln der Staaten laxer als das Bundesrecht. „Kongress und Senat könnten zwar strengere Waffengesetze beschließen“, sagt der amerikanische Verfassungsrechtler Thomas Lundmark, der an der Universität Münster lehrt. „Aber die Staaten müssen die Regeln nicht zwangsläufig von ihren Beamten ausführen lassen.“

1997 urteilte der Supreme Court, dass Beamte der Staaten nicht gezwungen sind, Bundesgesetze auszuführen. Anlass: ein Waffengesetz. Lobbygruppen hätten es in Amerika auch deshalb leicht, sagt Lundmark, weil Kongressabgeordnete alle zwei Jahre zur Wahl stehen und viele Wähler „one issue voters“ seien - sie wählten nach einem Thema wie dem Waffenrecht. „Lobbyisten müssen nicht eine ganze Partei beeinflussen“, sagt Lundmark, „sondern können gezielt einzelne Volksvertreter angehen.“

Das tut die National Rifle Association (NRA) fleißig, die sich vom Bürgerklub zur Verbesserung der Schießkunst zum Industrie-Sprachrohr mit 200 Millionen Dollar Jahreseinnahmen entwickelte. 7,1 Millionen Dollar pumpte die NRA in die Kongresswahl 2010. Gern bedient sie sich des American Legislative Exchange Council (ALEC), einer Plattform, die vordergründig die Qualität von Gesetzen verbessern will, deren Tagungen für Politiker aber längst unterwandert sind von Lobbyisten. Über ALEC entstand ein Gesetz, das Bürgern erlaubt, zur Selbstverteidigung gegen vermeintliche Angreifer „als Erste“ zu schießen („shoot first law“). In Florida gilt es schon. Jüngstes Opfer: Der schwarze Teenager Trayvon Martin, der auf dem Heimweg vom Einkaufen niedergestreckt wurde. Der Schütze hat die Waffe bis heute.

Quelle: F.A.S.
Hendrik Ankenbrand
Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.
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