Seidenstraßen-Kommentar

In Chinas Schatten

Von Christoph Hein, Singapur
 - 10:00

Der Name klingt nach Orient, nach Karawanen, nach Marco Polo: Die neue Seidenstraße, wie China sein Großprojekt nennt, weckt Fernweh. In Wahrheit verbirgt sich dahinter eine Strategie, die zahlreiche Länder in Abhängigkeit Pekings treibt und vor allem den Einfluss seines Konkurrenten Indien eindämmen soll.

Nachdem sich China die Vormachtstellung im Südchinesischen Meer widerrechtlich gesichert hat, dringt es nun in den Südpazifik und den Indischen Ozean vor. Das bekommt vor allem der Subkontinent zu spüren. Für Indiens Anrainerstaaten ist Chinas Strategie auf den ersten Blick ein Segen. Denn sie alle können mit Geld und Aufbauhilfe aus Peking rechnen. Indien selbst aber ist inzwischen eingekesselt von jenen, die an Chinas Tropf hängen und sich ihm weitgehend ausgeliefert haben.

Als die Chinesen Insel für Insel im Südchinesischen Meer besetzten, befestigten und aufrüsteten, stellte sich ihnen niemand entgegen. Lediglich amerikanische Kriegsschiffe praktizieren dann und wann ihr Recht auf freie Navigation und fahren dicht an den Inseln vorbei. Die Anrainerstaaten protestierten, klagten, bekamen recht – inzwischen aber verhandeln sie über chinesische Ablasszahlungen durch hohe Infrastrukturinvestitionen, die China freilich aus der Portokasse bestreitet und die ihm sogar noch zunehmenden Einfluss in einem Land wie den Philippinen sichert.

Indien schaut tatenlos zu

Der nächste Schritt führte China in den Indischen Ozean. Tasten sie sich im Pazifik erst vor, sind die Chinesen hier schon wesentlich weiter. Über Jahre kaum bemerkt, haben sie den Ring von See aus geschlossen, der ihren großen Widersacher Indien einschließt und ihre wichtigsten Transportrouten absichert: Dank der Besetzung Tibets kontrolliert China die Quellen aller für den Subkontinent wichtigen Ströme. Dass ein kommender Krieg Indiens um Wasser geführt würde, ist nicht nur die Sicht indischer Intellektueller. Mit dem kommunistischen Nepal arbeitet Peking seit Jahren eng zusammen. Im Osten Indiens hat China sich Burma (Myanmar) seit vielen Jahren gefügig gemacht und bemüht sich, bis hin zur Beteiligung an der dortigen Börse, um wachsenden Einfluss in Bangladesch. Der Militärjunta in Thailand hilft Peking nun mit vielen Milliarden Dollar beim Bau ihres „östlichen Wirtschaftskorridors“. Er ist für das politische Überleben der Generäle wichtig.

Auf der anderen Seite, im Westen Indiens, hat Peking Pakistan an die Geldnadel gehängt: 50, vielleicht 60 Milliarden Dollar sollen helfen, das Land zu entwickeln. Dafür baut und betreibt China den Seehafen Gwadar. Von dort aus werden, wie durch Burma im Osten, Pipelines Öl nach China leiten. Damit wird sein Risiko der Abhängigkeit vom Schiffsverkehr gemindert. Auf Seeseite hat China Sri Lanka mit teuren Krediten in die Schuldenfalle getrieben – und in der Folge die Rechte am strategisch wichtigen Hafen Hambantota übernommen. Die Malediven sind aus Sicht Pekings nicht Urlaubsparadies, sondern ein strategisch wichtiger Standort vor Indiens Haustür, wo sie ihren Einfluss stark ausbauen. Der bislang einzige ausländische Stützpunkt der chinesischen Marine, in Djibouti am Horn von Afrika, bildet das andere Ende der Achse zu den Marinehäfen der chinesischen Ostküste. Von hier aus lassen sich Transportrouten für Öl und Gas in die eine Richtung, für Computer, Möbel oder Kleidung in die andere sichern.

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Die größte Demokratie der Erde hat dem nichts entgegenzusetzen. Wieder einmal scheint es zu spät, China aufzuhalten. Denn Indien dreht sich seit vielen Jahren um sich selbst. Ministerpräsident Narendra Modi ist mit seinem Machterhalt beschäftigt. Auch fehlen ihm die Mittel, Chinas Vorpreschen zu kontern. Militärisch, wie schon die sich über Jahrzehnte hinziehenden Auftragsvergaben für dringend benötigte Kampfflugzeuge oder Unterseeboote zeigen. Strategisch, weil Indien es als Führungsnation der Region verpasst hat, eine funktionierende Gemeinschaft mit seinen Nachbarländern zu schmieden, wie sie Ostasien prägt. Gwadar wollen die Inder mit einem kleinen Hafen in Iran kontern, dessen Bau kaum vorankommt.

Wie Peking seine Vormachtstellung auf den wichtigsten Handelsrouten festklopft, hat rein gar nichts mit Karawanen- oder Seefahrerromantik zu tun. Es geht um Machtpolitik, im besten Fall zur Sicherung der eigenen Versorgung. Im schlechteren Fall hat China damit in jedem militärischen Konflikt einen unschätzbaren Vorteil.

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Inzwischen ist dies bei den Geostrategen in Tokio, Washington, Canberra und Delhi angekommen. Während die Chinesen seit längerem ein Leitsystem im Indischen Ozean installiert haben sollen, das ihre U-Boote dirigiert, schmieden diese vier vorsichtig an der Wiedergeburt eines Quartetts, kurz „Quad“ genannt. Noch aber ist Quad nicht mehr als eine Folge von Treffen der Spitzenbeamten. Quad fehlen Wille und Geld, Peking etwas entgegenzusetzen. Das ist auch schwer, denn für die unterentwickelten Länder der Region ist es äußerst attraktiv, ihre Tore dem chinesischen Geld zu öffnen. Vor allem aber fehlt es an einer Stimme aus Europa. Denn auch die Europäer haben ein berechtigtes Interesse an Handelsrouten, die der internationalen Gemeinschaft offen stehen und nicht von einem Weltpolizisten China kontrolliert werden.

Quelle: F.A.Z.
Christoph Hein
Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
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