Nach „Charlottesville“

Konzernchefs wenden sich von Trump ab

Von Roland Lindner, New York
 - 07:50

Aufgrund der zurückhaltenden Reaktion Donald Trumps auf die rassistischen Ausschreitungen in der Stadt Charlottesville haben offenbar immer mehr amerikanische Unternehmenslenker die Nase voll von ihrem Präsidenten. Nun hat auch der Vorstandsvorsitzende des Chipkonzerns Intel, Brian Krzanich, angekündigt, sich aus einem prominent besetzten Beratergremiums Trumps zurückzuziehen, des Industrierats.

Er ist damit schon der dritte Manager innerhalb von 24 Stunden - zuvor dies der Chef des Pharmakonzerns Merck Ken Frazier und der Chef des Sportartikelherstellers Under Armour Kevin Plank. „Ich trete zurück und will damit Aufmerksamkeit auf die ernsthafte Gefahr lenken, die die politische Spaltung für wichtige Themen darstellt", schrieb Intel-Boss Krzanich auf seinem Blog. Der Gewerkschaftsverband AFI-CIO erklärte, er prüfe einen Rückzug.

Die diversen Beratungsgremien von Top-Managern, die der amerikanische Präsident Donald Trump ins Leben gerufen hat, werden von weißen Männern dominiert. Frauen oder ethnische Minderheiten wie Afro-Amerikaner sind unterrepräsentiert, ebenso wie dies in Chefetagen amerikanischer Unternehmen der Fall ist. Wenn Trump sich mit seinen Beratern aus der Wirtschaft trifft, lässt er aber Vertreter dieser unterrepräsentierten Gruppen oft direkt neben sich sitzen.

Trumps Probleme mit Frauen und Nicht-Weißen

Das hat den Effekt, dass die Gremien auf den Bildern, die hinterher in Medien zu sehen sind, weniger uniform erscheinen als sie es in Wirklichkeit sind. Mary Barra, die Vorstandsvorsitzende des Autoherstellers General Motors, hatte bei Sitzungen im Weißen Haus schon mindestens zweimal den Platz direkt neben Trump. Gleiches gilt für Kenneth „Ken“ Frazier, den Afro-Amerikaner an der Spitze des Pharmakonzerns Merck & Co.

Sich auf eine solche Beraterrolle einzulassen, ist für weibliche und schwarze Manager womöglich ein besonderer Balanceakt. Trump ist schließlich schon oft mit sexistischen Äußerungen aufgefallen, und ihm ist vorgeworfen worden, die Sympathien rechtsextremer „White Supremacy“-Gruppen zu kultivieren, die Überlegenheit von Weißen gegenüber anderen Rassen propagieren.

Amerika
Trump verurteilt nun doch Gewalt von Rassisten
© AP, reuters

Der Merck-Chef hat trotzdem zunächst beherzt die Chance ergriffen, einen direkten Dialog mit Trump führen zu können. „Danke, Mister President, es ist gut, hier zu sein,“ sagte er im Februar bei einer Sitzung im Weißen Haus. Hinterher hatte er vor laufenden Fernsehkameras nur Gutes zu berichten und lobte das große Interesse an Steuersenkungen, das Trump signalisiert habe.

Bei einem anderen Treffen sagte Frazier zur Freude des Präsidenten, dass Merck & Co. die Produktion für ein Krebsmedikament zurück in die Vereinigten Staaten bringe. „Das ist sehr gut“, sagte Trump und schüttelte Frazier die Hand.

Scheidepunkt Charlottesville

Mit der Harmonie ist es nun freilich vorbei. Zu Wochenbeginn legte der 62 Jahre alte Pharmamanager abrupt seinen Sitz im „American Manufacturing Council“ nieder, von dem sich Trump Hilfe bei der Stärkung der verarbeitenden Industrie im Land verspricht. Frazier reagierte damit auf Trumps zögerliche Distanzierung von rechtsextremen Gruppen nach gewalttätigen Ausschreitungen am Wochenende im amerikanischen Charlottesville.

Der Präsident hatte Neonazis und andere Gruppierungen weißer Nationalisten, die den Aufmarsch in der Stadt organisierten, zunächst im Gegensatz zu vielen anderen Politikern nicht ausdrücklich verurteilt, sondern nur vage von „Gewalt auf vielen Seiten“ gesprochen. Erst im Laufe des Montags ließ er sich zu einer direkten Kritik der Extremisten hinreißen.

Für Frazier kam das zu spät. Ohne Trump direkt beim Namen zu nennen, sagte er in einer Stellungnahme, Amerikas Führung müsse jeglichen Ausdruck des Hasses und der Überlegenheit einzelner Gruppen „klar zurückweisen“.

Tobsuchtsanfall des Präsidenten

Es war ein riskantes Manöver, schließlich ist die amerikanische Regierung ein wichtiger Kunde von Merck & Co. Trump nahm es alles andere als gelassen hin. Noch bevor sich er sich am Montag dazu durchrang, sich ausdrücklich von Neonazis zu distanzieren, griff er Frazier mit einem sarkastischen Twitter-Eintrag an.

Nun, da Frazier das Gremium verlassen habe, werde er ja mehr Zeit haben, die „Abzockerpreise“ für Medikamente zu senken, sagte Trump. Und am Montag Abend legte er noch einmal nach und sagte, Merck & Co. sei ein Spitzenreiter in punkto „höheren und höheren Arzneimittelpreisen“ und ziehe gleichzeitig Arbeitsplätze aus Amerika ab.

Es ist nicht ganz klar, warum die Reaktion des Präsidenten so zornig ausfiel. Vor Frazier haben schon einige andere prominente Manager wie Elon Musk vom Elektroautohersteller Tesla und Bob Iger vom Unterhaltungskonzern Walt Disney Beratungsgremien aus Protest verlassen, ohne ähnlich scharf attackiert zu werden.

Karriere durch Vioxx-Krisenmanagement

Ken Frazier ist einer von nur rund einer Handvoll schwarzen Vorstandsvorsitzenden unter den 500 größten amerikanischen Unternehmen. Er kommt aus bescheidenen Verhältnissen und wuchs in einem rauen Viertel der Stadt Philadelphia auf. Sein Vater war Hausmeister ohne viel Schulbindung, aber er spornte seine Kinder an, etwas aus sich zu machen.

Mit Hilfe von Stipendien studierte Frazier zunächst Politikwissenschaften an der Pennsylvania State University, bevor er einen Juraabschluss an der Eliteuniversität Harvard machte. Er heuerte danach bei einer Anwaltskanzlei in Philadelphia an, wo er schon mit Merck & Co. zu tun hatte. 1992 wechselte in die Rechtsabteilung des Pharmakonzerns und arbeitete sich innerhalb weniger Jahre zum Chefjuristen nach oben.

Hier hatte er sich mit der Affäre um das Schmerzmittel Vioxx auseinanderzusetzen, das 2004 wegen Nebenwirkungen vom Markt genommen wurde. Der amerikanische Konzern, der außer gemeinsamen Wurzeln heute keine Verbindung mehr zur deutschen Merck KGaA hat, musste sich mit einer Flut von Klagen auseinandersetzen und erklärte sich schließlich zu einem Vergleich in Höhe von 4,8 Milliarden Dollar bereit.

Damit kam er viel glimpflicher davon als zunächst befürchtet, und das wurde Frazier als Verdienst angerechnet und half ihm, im Unternehmen weiter aufzusteigen. Anfang 2011 übernahm er den Vorstandsvorsitz.

Einsatz für Gerechtigkeit

Unter seiner Führung hatte der Pharmakonzern zunächst keine leichten Zeiten. Ebenso wie manche andere Wettbewerber machten auch Merck & Co. Patentabläufe wichtiger Medikamente zu schaffen. Mehrere Jahre in Folge schrumpften die Umsätze.

Mittlerweile hat sich das Blatt aber wieder gewendet, und 2016 kehrte Merck & Co. wieder auf Wachstumskurs zurück. Dabei halfen neue Produkte wie ein Krebsmedikament, das mittlerweile einen Umsatz in Milliarden-Dollar-Höhe einbringt.

Frazier hat sich nicht nur mit seiner Arbeit für Unternehmen einen Namen gemacht. Kurz vor seinem Einstieg bei Merck & Co. überzeugte ihn eine Freundin, sich des Falles eines Afro-Amerikaners anzunehmen, der seit mehr als einem Jahrzehnt in einem Gefängnis in Alabama saß und dort auf seine Hinrichtung wartete. Er war für schuldig befunden worden, 1976 einen Mitarbeiter eines Supermarktes umgebracht zu haben.

Dabei hätten Beweise existiert, dass das Opfer unbeabsichtigt von Polizeikugeln getroffen worden sei und es eine Vertuschung gegeben habe, sagte Frazier später. Es gelang ihm, das ursprüngliche Urteil zu revidieren und einen neuen Prozess anzustrengen, in dem der Mann für unschuldig befunden wurde. Seither hat sich der Manager öffentlich gegen die Todesstrafe ausgesprochen. „Ich habe aus erster Hand gesehen, warum es keine faire und konsistente Anwendung der Todesstrafe unter dem gegenwärtigen System geben kann,“ schrieb er einmal.

Mit seinem Austritt aus Trumps Gremium hat Frazier nun einmal mehr deutlich Position bezogen. Ob sich den nun zurückgetretenen Entscheidern noch viele weitere anschließen werden, wird sich zeigen. Mancher Spitzenmanager ließ verlauten, er wolle an seiner Beraterrolle für den amerikanischen Präsidenten festhalten, darunter Michael Dell, der Vorstandschef des nach ihm benannten Technologiekonzerns, und Jeffrey Immelt, der bis vor kurzem den Mischkonzern General Electric geführt hat.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Lindner, Roland (lid.)
Roland Lindner
Wirtschaftskorrespondent in New York.
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