Kosten für die Kassen

Die Kalorienbomber sind da

Von Lisa Nienhaus
 - 16:42
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Manche der Jugendlichen, die zu Wolfgang Siegfried kommen, können nicht einmal zwei Stockwerke hochsteigen. Sie passen nicht auf den Ergometer, einen Leistungsmesser in Fahrradform, weil ihre Oberschenkel aneinander reiben. Sie können keine halbe Stunde am Stück spazierengehen, weil sie sich sofort die Beine wund laufen. Sie tragen Hosen in zehnfach XL.

Wolfgang Siegfried leitet das Reha-Zentrum Insula in Bischofswiesen im Berchtesgadener Land. Hierher kommen Jugendliche, die die Kontrolle über ihr Gewicht vollständig verloren haben. Sie sind süchtig nach Essen, stopfen wahllos Süßes und Salziges in sich rein. Ihr Body Mass Index (BMI) liegt durchschnittlich bei 42, das ist bei 1,70 Meter Körpergröße ein Gewicht von 121 Kilo, die Hälfte wäre normal. Sie haben Diabetes, Gicht, Gallensteine, Gefäßverkalkungen. „Das sind 16jährige, die von den Zivilisationskrankheiten her älter sind als ein gesunder 60jähriger“, sagt Siegfried.

Deutschland ist in die Spitzengruppe gerückt

Die Jugendlichen leiden an Adipositas, einem Zustand, der durch übermäßige Ansammlung von Fettgewebe im Körper gekennzeichnet ist. Adipös ist, wer einen BMI von mindestens 30 hat. Der BMI berechnet sich aus dem Gewicht in Kilogramm geteilt durch die quadrierte Körpergröße in Metern (siehe Tabelle). Um als adipös zu gelten, muß ein 1,80 Meter großer Mensch also mindestens 97,2 Kilo wiegen.

Das schaffen immer mehr Deutsche. Zwischen 1986 und 2003 stieg der Anteil der adipösen Männer in Deutschland von 16,2 auf 18,6 Prozent. Bei den Frauen litten 1986 16,2 Prozent unter Adipositas, 2003 waren es schon 20,2 Prozent. Die Amerikaner sind zwar noch weitaus dicker, doch in Europa ist Deutschland mit diesen Zahlen längst in die Spitzengruppe gerückt.

Übergewicht ist keine Privatangelegenheit mehr

Das Problem ist beileibe keine Privatangelegenheit mehr. Dicke verteuern das Gesundheitssystem. Für die Reduktion von Übergewicht zahlen die Krankenkassen zwar nur in Ausnahmefällen, doch adipöse Menschen leiden häufig unter Begleit- und Folgeerkrankungen, deren Behandlung Kosten verursacht. Probleme mit dem Rücken, der Hüfte, den Kniegelenken sind ein direkter Effekt des Übergewichts. Oft geht hohes Gewicht auch einher mit Bluthochdruck, gesteigertem Risiko für einen Herzinfarkt, Typ-2-Diabetes, Gicht oder Gallensteinen. Das Risiko für Krebserkrankungen steigt ebenfalls mit steigendem Gewicht.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO sieht in Adipositas deshalb eines der stärksten Risiken für Tod und Krankheit weltweit. Jedes Jahr stürben mindestens 2,6 Millionen Menschen an den Folgen ihrer Kilos. „Die Entwicklung ist dramatisch - bei Kindern und Erwachsenen“, warnt Michael Lentze, Adipositasforscher und Kinderarzt. „Die Folgekosten für das Gesundheitssystem gehen in die Hunderte Millionen.“

Dickerwerden der Deutschen ist keine Naturgewalt

Eine Studie schätzt die direkten Kosten von Adipositas für die Krankenkassen in Deutschland schon heute auf 216 Millionen Euro im Jahr. Für die Ausfälle an Produktivität und Arbeitskraft kommen auf die Volkswirtschaft noch einmal 214 Millionen Euro zu. Bezieht man dann noch mit ein, was Folge- und Begleiterkrankungen kosten, so kommt man schnell auf Beträge in Milliardenhöhe. Manche Forscher errechnen Gesamtkosten von bis zu 13 Milliarden Euro pro Jahr. Besonders teuer wird es, wenn ein Mensch einen BMI größer als 35 hat. In einer Langzeituntersuchung in Augsburg verursachte er Kosten für das Gesundheitssystem von knapp 2600 Euro pro Jahr. Ein Normalgewichtiger dagegen kostete seine Kasse nur 850 Euro.

Das Dickerwerden der Deutschen ist also teuer, aber es ist keine Naturgewalt. Zwar spielen Gene eine große Rolle. Dazu kommen aber falsches Eßverhalten und zu wenig Bewegung - Faktoren, die beeinflußbar sind. Bei Kindern beispielsweise nimmt die Fitness von Jahr zu Jahr erschreckend ab. Konnten zehnjährige Jungen 1985 in sechs Minuten noch 990 Meter laufen, so schafften sie 1995 nur noch 890 Meter. „Es gibt nicht mehr genügend Spielmöglichkeiten in den Städten“, erklärt Adipositasforscher Lentze. „Also bleiben die Kinder zu Hause und sitzen stundenlang vorm Fernseher oder vorm Computer.“ Siegfried vom Insula-Zentrum kennt die Extremfälle. „Die kommen zu mir und sagen: ,Ich schaue nicht so sehr viel fern, bloß sieben Stunden am Tag.'“ Hinzu kommt: Ständig und überall ist heutzutage irgend etwas Eßbares verfügbar.

Fast-Food-Unternehmen reagieren

Geregelte Mahlzeiten kommen ziemlich aus der Mode. Doch ist deshalb die Nahrungsmittelindustrie schuld an der Inflation der Schwergewichte? Besonders Amerikaner glauben das. Dort haben Übergewichtige schon fast alle namhaften Fast-food-Unternehmen verklagt (siehe Kasten: Dicke ziehen vor Gericht). Der Erfolg war bisher bescheiden, doch Burgerbrater und Nahrungsmittelkonzerne haben inzwischen Angst um ihr Ansehen. So versucht McDonald's seit zwei Jahren, sein Image mit dem Angebot von Salaten und Joghurt aufzubessern. Besonders beliebt sind die Produkte nicht. Intersnack, Produzent der Kartoffelchipsmarken Chio Chips und Funny Frisch, setzt auf Light-Chips und fördert den Schulsport. Nestlé bietet Ernährungsberatung im Internet.

Auch Politik und Krankenkassen wollen zu vernünftigem Essen und mehr Sport motivieren. Zahlen wollen die Krankenkassen allerdings selten für Kurse oder Medikamente zur Gewichtsreduktion. Sie sehen Übergewicht meist als Folge individuellen Fehlverhaltens an, das jeder selbst ändern müsse.

Rückfallgefahr zu groß

Zudem ist die Gefahr eines Rückfalls nach einer Diät einfach zu groß. Das haben die Krankenkassen gelernt. Jahrelang hatten sie Übergewichtigen eine Nulldiät unter Aufsicht im Krankenhaus bezahlt. So nahmen die Patienten zwar schnell ab. Kaum waren sie wieder zu Hause, hatten sie das Fett aber in kürzester Zeit wieder auf den Hüften.

Dicke ziehen vor Gericht

Brinkmann gegen Mars und Cola

Schokoriegel und Limonade haben seine Gesundheit ruiniert, glaubte Hans-Josef Brinkmann und verklagte 2001 die Hersteller von Mars, Snickers und Coca-Cola. Brinkmann, damals 46 und bei einer Körpergröße von 187 cm zwischen 103 und 111 Kilo schwer, verlangte vom Mars-Hersteller Masterfoods 11.000 Euro Schmerzensgeld, Zahlung aller Folgeschäden seiner Diabetes-Erkrankung und der Rechnungen seines Zahnarztes. Die Schokoriegel wiesen einen unvertretbar hohen Zuckergehalt auf und enthielten suchtauslösende Komponenten. Die Hersteller hätten auf die Gesundheitsgefahr hinweisen müssen. Das sahen die Gerichte anders und lehnten die Klage ab. Auch gegen Coca-Cola scheiterte Brinkmann.

Teenager gegen McDonald's

Sieben Teenager, darunter Jazlyn Bradley, klagten 2002 vor dem Bezirksgericht der Stadt New York gegen die Hamburgerkette McDonald's. Sie warfen der Schnellrestaurantkette vor, sie habe ihnen durch Werbung vorgegaukelt, das Essen sei nahrhaft und könne Teil einer gesunden Ernährung sein.

Das Gericht lehnte die Klage 2003 ab. Daraufhin klagten die Teenager 2004 mit neuen Beweisen. Das Verfahren ist noch nicht abgeschlossen.

Cohen gegen Eiskremhersteller

Die Amerikanerin Mardi Cohen klagte 2001 gegen den Eiskremhersteller DeConna. Sie hatte regelmäßig das Eis der Marke „Big Daddy“ gekauft, das laut Etikett nur zwei Gramm Fett und 100 Kalorien pro Portion hat; tatsächlich enthält die Eiskrem jedoch das Dreifache. 2003 entschädigte DeConna die Kläger mit einer Million Dollar in Form von Gutscheinen für „Big Daddy“-Eis.

Caesar Barber gegen alle

Ein Hausmeister aus dem New Yorker Stadtteil Bronx verklagte 2002 alle, die in der Fast-food-Branche einen Namen haben: Burger King, Kentucky Fried Chicken, Wendy's und McDonald's seien schuld an seiner Fettleibigkeit, behauptete Caesar Barber, der bei 1,80 m Körpergröße 136 Kilo wiegt. Die Klage wurde vom Gericht der Bronx abgelehnt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.09.2006
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