Krebsmediziner Ludwig

„Milliarden für nutzlose Arzneimittel“

Von Sebastian Balzter
 - 16:18

Professor Ludwig, sind Medikamente in Deutschland zu teuer?

Für viele der neu zugelassenen Arzneimittel lautet die Antwort: definitiv ja. Die gesetzlichen Krankenkassen haben 2015 allein in der ambulanten Versorgung rund 40 Milliarden Euro für Arzneimittel ausgegeben. Darin sind die Kosten für Arzneimittel im Krankenhaus, die weitgehend intransparent sind, noch nicht einmal enthalten.

40 Milliarden Euro im Jahr, das sind umgerechnet rund 500 Euro je Person. Dafür leben wir aber auch immer länger. Ist es das nicht wert?

Die Verlängerung unserer Lebenszeit ist auf viele unterschiedliche Faktoren zurückzuführen, neue Arzneimittel leisten hierfür einen eher kleinen Beitrag. Und das Geld, das wir für Arzneimittel mit ungewisser Wirksamkeit oder Sicherheit ausgeben, fehlt an anderer Stelle in unserem Gesundheitssystem, zum Beispiel für Pflegekräfte und für die Hospizversorgung am Lebensende. In der Krebsmedizin sind Therapiekosten je Patient von 40 000 bis 100 000 Euro im Jahr heute die Regel. Der Nutzen rechtfertigt diese exorbitanten Preise nur selten.

FRAGE: Manche früher unheilbare Krebsarten gelten heute dafür als bezwungen.

Dass heute deutlich weniger Männer an Lungenkrebs sterben als vor vierzig Jahren, liegt nicht in erster Linie an besseren Arzneimitteln, sondern daran, dass es nicht mehr so viele Raucher gibt. Dazu kommt, dass heute mehr Menschen zur Krebsvorsorge gehen und dadurch zum Beispiel beim Darmkrebs frühe Stadien rechtzeitig erkannt werden. Außerdem sind die Fortschritte in der Krebstherapie auch Verbesserungen in der Diagnostik sowie Weiterentwicklungen von operativen Eingriffen und Strahlentherapie zu verdanken.

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Viele Arzneimittel sind nutzlos, sagt der Krebsmediziner Wolf-Dieter Ludwig

Und die Pharmaindustrie kommt gar nicht voran?

Natürlich gibt es auch hier wichtige Fortschritte. Der Wirkstoff Imatinib brachte zum Beispiel einen echten Durchbruch für die Behandlung von Patienten mit einer bestimmten Art von Blutkrebs. Das Mittel, Anfang des Jahrtausends von Novartis unter dem Namen Glivec auf den Markt gebracht, kann diese Krebsart heute wahrscheinlich heilen. Es ist aber auch ein Beispiel für das Profitstreben einiger Firmen. Obwohl inzwischen fünf ähnlich wirksame Mittel zur Verfügung stehen und auch die Zahl der zu behandelnden Patienten zugenommen hat, sind die Preise stetig gestiegen. Die Jahreskosten für Imatinib liegen inzwischen bei rund 40 000 Euro je Patient, für die anderen Wirkstoffe sind es bis zu 70 000 Euro. Das zeigt: Das klassische Marktgesetz - Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis - funktioniert nicht.

Doch: Apple nimmt für ein neues iPhone ja auch nicht automatisch weniger, sondern möglichst immer genau so viel, wie die Kunden zu zahlen bereit sind. Das sind Marktpreise.

Unser Gesundheitssystem eignet sich für diesen Vergleich denkbar schlecht, weil es indirekt und solidarisch finanziert wird, nämlich über die Beiträge aller Versicherten. Es ist außerdem etwas ganz anderes, ob ich an einer schweren Krankheit leide und dringend ein sehr teures Medikament benötige - oder ob ich mir ein iPhone wünsche und aus meinem eigenen Geldbeutel bezahle.

Deshalb wird ja auch kräftig reguliert: Die Hersteller dürfen die Preise für ältere Arzneimittel seit sechs Jahren nicht mehr erhöhen, in anderen Branchen wäre das undenkbar. Und neue Medikamente werden auf ihren Nutzen überprüft. Was denn noch?

Es ist ein Schritt in die richtige Richtung, dass Krankenkassen und Hersteller jetzt auf der Grundlage einer Nutzenbewertung über den Preis für neue Arzneimittel verhandeln. Aber dieser Erstattungsbetrag tritt erst ein Jahr nach der Markteinführung in Kraft, vorher dürfen die Hersteller wie früher verlangen, was sie wollen - und die Kassen müssen zahlen. Dabei weiß man schon nach einem halben Jahr, ob es einen Zusatznutzen für das neue Mittel gibt oder nicht. Als dieses Verfahren 2011 eingeführt wurde, war die Erwartung, dass die Arzneimittelkosten um mindestens 2,2 Milliarden Euro im Jahr sinken würden; tatsächlich wurde bisher jährlich weniger als die Hälfte davon eingespart. Im Vergleich mit anderen Ländern kosten Arzneimittel in Deutschland im ersten Jahr nach der Zulassung immer noch unverhältnismäßig viel.

Klar, weil die meisten anderen Länder nicht so wohlhabend sind. Deshalb sind die Preise dort niedriger. Finden Sie das ungerecht?

Natürlich sollen Bruttosozialprodukt und Kaufkraft in die Preisfindung einfließen. Wir können mehr für unser Gesundheitssystem ausgeben als Griechenland. Aber das ist doch kein Grund dafür, viel Geld für nutzlose Arzneimittel auszugeben. Zumal nirgendwo auf der Welt der Marktzugang für die Pharmabranche so leicht ist wie in Deutschland.

Schaut man sich die Liste der Nutzenbewertungen an, also die offiziellen Vergleiche von neuen mit alten Medikamenten, schneiden die Pharmafirmen gar nicht so schlecht ab. Gerade in der Krebsmedizin gibt es viele positive Einschätzungen.

Ja, in der Onkologie haben rund 40 Prozent der Bewertungen einen beträchtlichen oder selten sogar erheblichen Zusatznutzen ergeben. Das liegt vermutlich daran, dass die neuen Krebsmittel vergleichsweise milde beurteilt wurden, weil sie fast alle für Krankheitsformen zugelassen wurden, für die es wenige Behandlungsalternativen gibt. Auf anderen Gebieten sieht die Bilanz der Pharmaindustrie aber ziemlich mau aus: Für mehr als die Hälfte der zwischen 2011 und heute vom Gemeinsamen Bundesausschuss bewerteten Arzneimittel war der Zusatznutzen, also der Fortschritt im Vergleich mit älteren Mitteln, nicht vorhanden oder nicht nachweisbar. Wenn die Firmen von einer „Innovation“ reden, steckt dahinter also längst nicht immer ein besseres Arzneimittel.

Brauchen wir eine strikte Obergrenze wie in Großbritannien, wo ein zusätzliches Lebensjahr höchstens 30.000 Pfund kosten darf?

Nein, das halte ich nicht für richtig. Auch deshalb, weil dieses Verfahren auf die verschiedenen Krankheiten keine Rücksicht nimmt. Es könnte zum Beispiel dazu führen, dass es nicht mehr genug Geld gibt, um einen Krebspatienten in der letzten Lebensphase zu behandeln - nur weil er wahrscheinlich nicht mehr lange leben wird.

Auf dem größten Krebskongress der Welt in Amerika hat die Pharmabranche gerade versprochen, mit Immuntherapien, Impfungen und personalisierter Medizin vielen Krebsarten beizukommen. Wie glaubhaft ist das?

Eine wirksame Impfung gibt es bisher nur gegen die Erreger von Leber- und Gebärmutterhalskrebs. Alle neuen Formen befinden sich noch im Stadium der Erprobung. Die zunehmend populären Immuntherapien gegen Krebs, häufig in Kombination mit anderen neuen Medikamenten, verursachen schon heute Kosten von weit mehr als 100 000 Euro je Patient im Jahr. Ihr langfristiger Nutzen und die Nebenwirkungen können jedoch noch nicht sicher beurteilt werden. Und von personalisierten oder individualisierten Medikamenten sind wir in den meisten Fällen noch sehr weit entfernt. Schon deshalb, weil uns überhaupt nur bei etwa einem Drittel der Krebserkrankungen die dafür nötigen biologischen Messgrößen zur Verfügung stehen.

Und das, obwohl die Pharmabranche viele Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung steckt?

Das Argument der hohen Kosten für Forschung und Entwicklung neuer Arzneimittel hört man häufig von den Herstellern, es trifft jedoch nicht zu. Nach Einschätzung unabhängiger Wissenschaftler liegen die Kosten hierfür bei 100 bis 300 Millionen Euro je Wirkstoff und nicht, wie häufig von den Firmen behauptet, bei mehr als einer Milliarde Euro je Medikament. Fakt ist, dass die Marketingausgaben weit höher liegen als die Kosten für Forschung und Entwicklung. Meine einfache Faustregel nach 35 Berufsjahren lautet: Je mehr für ein neues Medikament in Gratiszeitschriften und auf Kongressen von der Industrie geworben wird, desto weniger überzeugt sein Nutzen.

Und die Ärzte fallen darauf herein? Die Mediziner könnten doch ganz einfach dafür sorgen, dass die Kosten sinken, indem sie nutzlose Medikamente nicht mehr verschreiben.

Es ist auch für Ärzte nicht einfach, sich ganz frei vom Einfluss der Industrie zu machen. Ein Problem ist, dass wir die Wirksamkeit und Sicherheit eines neuen Medikaments zum Zeitpunkt der Zulassung noch nicht abschließend beurteilen können. Die meisten Gratiszeitschriften, die schwerpunktmäßig über neue Arzneimittel berichten, werden von der Industrie finanziert. Das gilt auch für die Mehrzahl der Weiterbildungsveranstaltungen: Für einen jungen Arzt in Deutschland gibt es nicht einmal genug von der Industrie unabhängige Veranstaltungen, um die Fortbildungspunkte zu sammeln, die für die Kassenzulassung nötig sind. Und das hat unweigerlich einen Einfluss darauf, was die Ärzte nachher verschreiben.

Sind das echte Fachveranstaltungen? Oder getarnte Vergnügungsreisen?

Diese Vergnügungsreisen gab es früher oft, heute nur noch sehr selten. Ich war selbst ein einziges Mal dabei, Ende der achtziger Jahre. Rund um einen Kongress in Amerika hat eine Firma mir ein teures Hotel und ein Bespaßungsprogramm spendiert, das war entsetzlich.

Sie behandeln jeden Tag Krebspatienten. Sprechen Sie mit Ihnen auch über die Kosten der Arzneimittel?

Nein, grundsätzlich nicht. Ich rede aber mit jedem Patienten offen darüber, welche Ergebnisse aus klinischen Studien zu den neuen Medikamenten vorliegen und wie ich diese einschätze. Mitunter unterscheidet sich das von dem, was in Selbsthilfegruppen oder in Internetforen berichtet wird. Und Privatpatienten rate ich stets, eine Kreditkarte in die Apotheke mitzunehmen, wenn sie ihre Medikamente dort abholen wollen und erst einmal vorstrecken müssen. 8000 Euro für eine Monatspackung sind da keine Seltenheit. So viel hat schließlich kaum einer bar in der Tasche.

Das Gespräch führte Sebastian Balzter.

Quelle: F.A.S.
Sebastian Balzter - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Sebastian Balzter
Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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