Zukunft der Europäischen Union

Warum kleine Staaten einfach besser sind

Von Philipp Bagus
 - 20:38

Jean-Claude Juncker behauptete vor kurzem, Europa ginge mit „militärischer Kleinstaaterei“ unter. Die Europäische Union steht nach dem Brexit-Entscheid am Scheideweg. Soll es mehr Zentralisierung geben, oder liegt die Zukunft im Wettbewerb kleiner Staaten? Der Harvard-Ökonom Alberto Alesina argumentiert in seiner Theorie über die optimale Staatengröße, dass ein großer Staat sowohl Vor- als auch Nachteile mit sich bringe. Er nennt fünf Hauptvorteile von Größe. Erstens sänken mit der Anzahl der Steuerzahler auch die Kosten pro Kopf vieler öffentlicher Güter.

Zweitens verfügten größere Staaten über größere Märkte, wodurch Produktivitätsvorteile entstünden. Drittens könnten größere Staaten ihre Bürger besser schützen. Viertens würden große Länder ihren Regionen eine „Versicherung“ bieten. Käme es in Katalonien zu einer Naturkatastrophe, so würde es vom übrigen Spanien mehr Hilfen bekommen, als es als unabhängiger Staat aufbringen könnte. Fünftens könnten externe Effekte in großen Staaten besser internalisiert werden.

Die Hanse als Vorbild

Aber größer ist nach Alesina nicht automatisch besser. Schließlich stiegen die Kosten für Verwaltung und Überfüllung mit der Staatsgröße. Noch wichtiger sei eine wachsende Unzufriedenheit mit der Politik. Je kleiner die Staaten, desto homogener sind tendenziell die Präferenzen der Bevölkerung. Ein Kleinstaat kann den Präferenzen besser gerecht werden, womit es weniger Konfliktpotential in der Bevölkerung gibt im Vergleich zu heterogeneren Großstaaten. Nach Alesina ist die Frage der optimalen Staatsgröße daher eine Abwägung. Eine weitere Zentralisierung in der EU wäre nicht automatisch besser. Zunächst müsste festgestellt werden, ob die Vorteile die Nachteile überwögen.

Obwohl Alesina zuzustimmen ist, dass groß nicht automatisch besser ist, muss man seiner Argumentation noch einiges hinzufügen. Die angeführten Vorteile von Großstaaten überzeugen uns nicht, und viele Nachteile von Großstaaten werden unterschlagen. Öffentliche Güter können nicht nur innerhalb eines Staates, sondern auch in einer Kooperation unabhängiger Staaten bereitgestellt werden. Nichts hindert ein unabhängiges Friesland und die Niederlande daran, eine durchgängige Deichlinie zum Schutz der Küste zu bauen. Auch Verteidigungsbündnisse sind möglich, wie die Hanse über Jahrhunderte erfolgreich vormachte. Es spricht einiges dafür, dass die kooperative Bereitstellung von öffentlichen Gütern der optimalen Menge dieser Güter näher kommt als die monopolistische Bereitstellung im Großstaat.

Zwei Argumente entkräftet

Zudem ist die Größe eines Marktes nicht an Staatsgrenzen gebunden. Freihandel vergrößert den Markt und ermöglicht Produktivitätsgewinne. Nun sind aber gerade Kleinstaaten dem Freihandel gewogener als Großstaaten. Es ist viel wahrscheinlicher, dass sich die Vereinigten Staaten abschotten und eine Mauer zum Nachbarstaat bauen, als dass Liechtenstein dies täte. Die Kosten der Autarkie sind für Liechtenstein viel größer. Während die Vereinigten Staaten viele Güter im eigenen Land herstellen können, ist Freihandel für Kleinstaaten überlebenswichtig. Sie sind auf ungehinderte Importe angewiesen, daher sind sie friedlicher. Sie können sich keinen Krieg leisten. Großstaaten können es eher wagen, aggressiv zu sein und Weltpolitik zu betreiben. Sie verfügen über die notwendigen Ressourcen und können kriegsbedingte Handelsstörungen überstehen.

Es ist daher falsch, dass große Staaten ihren Bürgern einen besseren Schutz und mehr äußere Sicherheit gewähren. Das ab 1871 vereinigte Deutsche Reich schützte seine Bürger nicht besser als die Kleinstaaten zuvor. Schließlich kostete der Erste Weltkrieg Millionen von Deutschen das Leben. Liechtenstein verzeichnete im 20. Jahrhundert keine Kriegstoten. Die Vereinigten Staaten waren beim Schutz ihrer Bevölkerung weniger erfolgreich.

Das „Versicherungsargument“ läuft ebenfalls ins Leere. Schließlich könnten sich die Katalanen im Fall ihrer Unabhängigkeit an internationalen Kapitalmärkten gegen Naturkatastrophen versichern. Externe Effekte lassen sich durch eine angemessene Definition und Verteidigung von Eigentumsrechten internalisieren. Der Schutz von Eigentumsrechten ist indes tendenziell in Kleinstaaten höher.

Wachsen der Bürokratie, Korruption oder Verschwendung

Damit sind wir schon bei einem von Alesina nicht berücksichtigten Nachteil von Großstaaten. Der politische Wettbewerb nimmt mit der Staatsgröße ab. Je größer Staaten sind, desto weniger Staaten (Wettbewerber) gibt es insgesamt und desto weiter liegt die nächste Grenze entfernt. Damit wird das Abstimmen mit den Füßen erschwert. Wie der Ökonom Charles Tiebout zeigte, stehen politische Einheiten im Wettbewerb um Bürger. Sie müssen attraktiv sein. Durch den Wettbewerb werden Steuern und Einschränkungen der Freiheit gemindert.

Je kleiner Staaten sind, desto kulturell ähnlicher und näher sind die Nachbarstaaten, desto niedriger sind die Kosten des Abschiednehmens und desto intensiver ist der Wettbewerb, der Steuern und Regulierungen senkt. Wer sich diesem Wettbewerb verschließt, muss wie die DDR eine Mauer bauen, damit sich das Land nicht entleert. Somit ist der Schutz des Eigentums und der Freiheit der Bürger in Kleinstaaten tendenziell besser. Wie Eric Jones gezeigt hat, war es Europas historisches Erfolgsmodell, dass die politisch-territoriale Vielfalt zu Staatenwettbewerb führte, der besser geschützte Eigentumsrechte, mehr Freiheit und damit mehr wirtschaftliche Dynamik ermöglichte.

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Ein weiteres Argument für Kleinstaaten ist das Informationsproblem staatlicher Planer, auf das Friedrich von Hayek hinwies. Der freie Markt bildet über das Preissystem die subjektiven Informationen der Menschen ab und ermöglicht so eine rationale Allokation. Der zentrale Planer hat ein Informationsproblem, er kennt die Ziele und Mittel der Menschen nicht. Dieses Informationsproblem ist aber nicht unabhängig von der politischen Größe, sondern steigt mit ihr. Je weiter der politische Planer von den Bürgern entfernt ist, desto mehr lebt er in einer Blase, in die verzerrte Informationen gelangen. Zudem muss er die Ziele und Mittel von immer mehr Bürgern verarbeiten und unter einen Hut bringen.

Außerdem sprechen gewichtige Argumente der neuen politischen Ökonomie gegen Großstaaten. In Großstaaten lassen sich die Kosten von Subventionen auf eine größere Anzahl von Köpfen verteilen (in der EU auf 500 Millionen). Die Last einer einzelnen Subvention wird so gering, dass sie kaum mehr spürbar ist.

Der Widerstand gegen Subventionen ist in Großstaaten daher geringer. Ähnliches gilt für den Widerstand gegen ein Wachsen der Bürokratie, Korruption oder Verschwendung. Durch Entfernung und schiere Größe wird die Kontrolle von Bürokratie und Politik immer teurer. Mithin liegt eine goldene Zukunft Europas nicht in der von Juncker angedeuteten „Großstaaterei“, sondern in kleinen und kleinsten, friedlich miteinander kooperierenden politischen Einheiten.

Der Autor

Philipp Bagus lehrt am Institut für angewandte Volkswirtschaftslehre an der Universität Rey Juan Carlos in Madrid. Er ist, zusammen mit Andreas Marquart, Autor des jüngst erschienenen Buches „Wir schaffen das – alleine. Warum kleine Staaten einfach besser sind“ (Finanzbuch Verlag).

Quelle: F.A.Z.
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