Wirtschaftsnobelpreisträger

Leidenschaft und Ratio für Finanzmärkte

Von Philip Plickert
 - 17:33

Am Telefon gibt sich Robert Shiller gerührt, aber auch bescheiden, als ihn das Nobelpreiskomitee frühmorgens anruft. Es ist kurz nach 7 Uhr in New Haven, wo Shillers Yale-Universität liegt. Nein, mit dem Preis habe er nicht gerechnet, sagt Shiller leicht schnaufend ins Telefon – obwohl er seit Jahren als heißer Kandidat für den Nobelpreis gilt. Die mitlauschenden Journalisten spitzten die Ohren. Es gebe so viele andere würdige Ökonomen, die den Preis ebenfalls verdienten, sagt Shiller bescheiden. Womit er aber wohl wirklich nicht gerechnet hat, war dass er den Preis ausgerechnet mit Eugene Fama teilen muss, dem Chicago-Theoretiker der effizienten Märkte. Manchen gelten Shiller und Fama als unvereinbar, wie Feuer und Wasser. Dass nun beide ausgezeichnet werden, gibt dem diesjährigen Nobelpreis eine pikante Note.

Viele Ökonomen sind von der Entscheidung deshalb überrascht. „Die beiden stehen für konträre Denkrichtungen“, sagt der Berliner Finanzmarktökonom Jörg Rocholl. „Fama hat sicherlich große wissenschaftliche Verdienste, aber ich hätte nicht damit gerechnet, dass er nach der Finanzkrise noch den Preis erhalten würde.“ Nach dem Crash der Märkte galt vielen Famas Effizienzmarkttheorie als diskreditiert. „Leider gibt es viele Missverständnisse darüber, was diese Theorie eigentlich besagt“, entgegnet Harald Uhlig, deutscher Professor an der Uni Chicago. „Sie besagt nicht, dass Finanzmärkte Ressourcen effizient verwenden, sondern dass Informationen auf Finanzmärkten, etwa höhere oder niedrigere Dividenden, sofort effizient verarbeitet werden und dass es nicht einfach ist, systematisch gewinnbringend gegen den Markt zu wetten.“ Das habe Fama überzeugend dargestellt.

Schon in seiner Doktorarbeit hatte sich der 1939 geborene Ökonom mit Aktienmarktpreisen beschäftigt. Seinen bahnbrechenden Aufsatz zur „Effizienzmarkthypothese“ veröffentlichte er im Alter von nur 30 Jahren. Er war selbst überrascht, wie schnell alle neuen, relevanten Informationen am Markt aufgenommen wurden und zu Kursveränderungen führten. Daher könne man als einzelner Anleger kaum besser sein als der Markt allgemein. Sein praktischer Rat, der daraus folgte: Es sei besser, breit in alle Werte eines Marktes zu investieren, statt einzelne Werte herauszugreifen, weil man diese für unterbewertet halte.

Einer von Famas Schülern, David G. Booth, griff diese Idee auf und entwickelte Fonds für Anleger. Damit machte Booth ein Vermögen. 2008 stiftete er der Universität Chicago 300 Millionen Dollar für eine neue Business-Schule – und Eugene Fama lehrt heute an ebenjener Booth School of Business. Noch immer „funkeln seine Augen, er liebt intellektuelle Diskussionen“, berichtet Uhlig, der ihn manchmal auf Kongressen trifft.

Glückliches Timing

Auch Shiller ist neben seiner Professur als Finanzunternehmer tätig, freilich hat er ein eher gespaltenes Verhältnis zu den Aktien- und Immobilienmärkten. Der 1946 in Detroit geborene Ökonom, der am Massachusetts Institut of Technology vom Geist Paul Samuelsons geprägt wurde, ist viel skeptischer, was die Rationalität von Marktteilnehmern angeht. Er sieht die Märkte manchmal auf schwindelerregenden Achterbahnfahrten. Besonderes Aufsehen hat ein Aufsatz Shillers in der „American Economic Review“ von 1981 erregt, in dem er exzessive Schwankungen der Bewertungen an Aktienmärkten feststellte, die sich nicht aus höheren und niedrigeren Dividenden erklären ließen. Manchmal schienen die Aktienkurse, gemessen an den Dividenden, überhöht zu sein. Später betonte Shiller, es gebe Herdenverhalten, weil Anleger sich von vergangenen guten Renditen antreiben ließen. Darüber schrieb er mit George Akerlof das Buch „Animal Spirits“ und gebrauchte dafür eine Formulierung, die er von Keynes geliehen hat. Shiller, der einer der Vorreiter der „Behavioural Economics“, der Verhaltensökonomie ist, kombiniert Ideen von Ökonomen mit denen von Psychologen und Soziologen.

In den späten neunziger Jahren wurde Shiller zunehmend beunruhigt über den „irrationalen Überschwang“ an der Börse. Fed-Chef Alan Greenspan hatte diese Formulierung geprägt. Shiller schrieb ein Buch, das Anfang 2000 erschien – nur wenige Monate, bevor die Internet-Aktienmarktblase implodierte. Das war für Shiller ein glückliches Timing. Das Buch wurde ein Bestseller, fortan galt Shiller als großer Crash-Prophet. Auch die mit fragwürdigen Kreditpapieren finanzierte Übertreibung des amerikanischen Häusermarktes, welche die große Finanzkrise vorbereitete, erkannte er frühzeitig. Mit Blick auf den von ihm mit Karl E. Case entwickelten Shiller-Case-Häuserpreisindex, der bis 2007 extrem stieg, warnte er vor einer „Epidemie irrationaler öffentlicher Begeisterung für Immobilieninvestments“. Diese werde sich rächen. So kam es. Wieder hatte Shiller den Crash richtig vorhergesagt. Der Professor blieb aber bescheiden. Er habe nicht gesagt, dass die beiden Crashs kommen müssten, sondern nur, dass sie wahrscheinlich seien.

In seinem Buch „The Subprime Solution“ warnte Shiller davor, die modernen komplexen Finanzmärkte komplett zu verteufeln. Man brauche aber mehr Transparenz beim Kauf von Finanzprodukten und ein besseres Risikomanagement. Der weißhaarige Forscher, der selbst extrem risikoscheu ist – er fährt nicht Auto, weil er Unfälle fürchtet, und trinkt keinen Alkohol, um Kontrollverlust zu vermeiden –, wagt sich mit einer eigenen Finanzfirma MacroMarkets und eigenen Finanzprodukten auf das glatte Parkett der Märkte. Dass man dort auch ausrutschen kann, erfuhr er, als er ein Hedging-Zertifikat nach einem extremen Ölpreis-Anstieg 2008 vom Markt nehmen musste; viele Anleger verloren dabei ihr Geld.

Brot und Butter der Ökonometrie

Der dritte Nobelpreisträger dieses Jahres hat keine so griffigen Thesen und auch keine populären Bücher geschrieben. Dennoch ist er in der Fachwelt ebenfalls sehr anerkannt. Lars Peter Hansen, geboren 1952 in einer Kleinstadt in Illinois, hat ein ökonometrisches Verfahren, die „Generalized Method of Moments“ (GMM) entwickelt. „Die ist heute die Brot und Butter in der Ökonometrie geworden ist“, sagt Harald Uhlig. Vor allem deshalb, weil man damit Aussagen über die Präferenzen von Marktteilnehmern machen kann, wenn sie „intertemporale“ Entscheidungen fällen – also Entscheidungen, die das Heute gegen das Morgen abwägen. Mit der GMM hat Hansen die Theorien über die Vermögensentwicklung getestet und einige Modifikationen vorgenommen. Viele andere mathematisch gewiefte Ökonomen gingen in den vergangenen Jahren zu Banken und Hedgefonds. „Hansen könnte auch in die Finanzindustrie gehen, aber er bleibt an der Universität, kümmert sich ganz viel um Studenten und ist sehr aktiv in der Fakultät. Das muss man ihm hoch anrechnen“, sagt sein Kollege Uhlig.

So unterschiedlich die drei Forscher sind, ihre Arbeit kreist um dieselbe Frage: Was treibt Finanzmärkte an? Finanzmärkte, sagte Shiller am Telefon nach der Bekanntgabe des Nobelpreiskomitees, haben die moderne Gesellschaft überhaupt erst möglich gemacht. Aber sie müssten besser werden, „um der Menschheit zu dienen“.

Quelle: F.A.Z.
Philip Plickert - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Philip Plickert
Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.
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