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Nach dem Brand in London

Dämmen vor dem Aus?

Von Bernd Freytag, Ludwigshafen und Georg Giersberg
 - 12:49

Wenige Tage nach dem verheerenden Hochhausbrand in London ringt die deutsche Dämmstoffwirtschaft noch um Worte. Das Inferno im Stadtteil Kensington, bei dem mindestens 79 Menschen ums Leben gekommen sind, wird die Debatte um die Sicherheit von Fassadendämmungen aufstacheln, auch wenn die Brandschutzbestimmungen in Deutschland deutlich rigider sind – so viel ist sicher. Eine branchenübergreifende Antwort aber steht noch aus. Fieberhaft arbeiten Unternehmen und Verbände an einer Stellungnahme, die der Situation angemessen ist und zugleich allen Interessen der Dämmallianz Rechnung trägt, angefangen vom Dämmstoffhersteller BASF bis hin zum kleinen Handwerksbetrieb.

Nur wenige Kritiker gingen so kurz nach der Katastrophe mit nassforschen Forderungen an die Öffentlichkeit wie Kai Warnecke, Präsident des Hauseigentümerverbandes Haus & Grund. Eigentümer und Mieter dürften nicht die Versuchskaninchen der Baustoffindustrie sein, polterte er, der Einsatz von Polystyrol zur Dämmung von Gebäudefassaden sei sofort auszusetzen. Im Zweifel müssten bereits montierte Polystyroldämmungen auf Kosten der Industrie entfernt und entsorgt sowie durch nichtbrennbare Stoffe ersetzt werden. „Es reicht, dass die Bewohner von Häusern und Wohnungen über Jahrzehnte erhöhten Gefahren ausgesetzt wurden. Die Kosten der Gefahrenindustrie muss nun der Verursacher tragen, also die Dämmstoffindustrie.“

Mehr noch als der Furor des Immobilienlobbyisten besorgt die Dämmwirtschaft die Reaktionen in der Politik, konkret: die Ankündigung des bayerischen Innenministers Joachim Herrmann, die Vorgaben der Energieeinsparverordnung auf eine mögliche zusätzliche Brandgefahr hin zu überprüfen. Die Ankündigung ist kaum dafür gemacht, das Vertrauen in die bestehenden Regeln zu stärken, wiewohl auch Herrmann wie nahezu alle Fachleute versicherte, ein vergleichbarer Fassadenbrand an einem Hochhaus sei in Deutschland so gut wie ausgeschlossen.

Grenfell Tower
Behörden gehen von 79 Toten aus
© dpa, reuters

Debatte trifft die Branche in einer schwierigen Zeit

Dass die Bauvorschriften, sofern sie eingehalten werden, ein Inferno wie in London verhindern, darüber sind sich Kritiker und Befürworter der aktuellen Dämmvorschriften weitgehend einig. So dürfen in Deutschland an Häusern, die höher als 22 Meter sind und damit von der Feuerwehr über Drehleitern in der Regel nicht mehr erreicht werden können, keine brennbaren Fassaden verbaut werden. Der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes und Ingenieurverbände kritisierten am Montag in einer gemeinsamen Erklärung den Versuch, die deutschen Regelungen zu lockern.

Die EU-Kommission sieht in den deutschen Anforderungen an Dämmstoffe einen Verstoß gegen die EU-Bauprodukteverordnung und fordert eine Anpassung. „Ein gemeinsamer Markt für Bauprodukte – so sehr er auch grundsätzlich begrüßt wird – darf nicht zu Lasten der Sicherheit von Leben und Gesundheit der Bürger gehen“, fordern die Verbände.

Die neuerliche Debatte trifft die Branche in einer schwierigen Zeit. Denn obwohl die Bauwirtschaft brummt, ist der Markt für Wärmedämmverbundsysteme in Deutschland 2016 zum fünften Mal in Folge zurückgegangen. Die Schwarzwälder Sto, einer der größten Hersteller von solchen Systemen mit Sitz in Stühlingen, macht dafür die anhaltende Verunsicherung insbesondere der privaten Bauherren verantwortlich. Sie sei ausgelöst worden „von der widersprüchlichen und teilweise sehr zugespitzten Medienberichterstattung und der daraus resultierenden kontroversen Diskussion über den Einsatz von Wärmedämm-Verbundsystemen“, schreibt Sto-Chef Rainer Hüttenberger im aktuellen Geschäftsbericht.

NRW will Energiesparverordnung aussetzen

Die Debatte um Sinn und Unsinn von Dämmvorschriften hat erst kürzlich mit der Wahl des neuen nordrhein-westfälischen Landtags einen neuen Höhepunkt erreicht. Die dortige Regierungskoalition aus CDU und FDP will mit Verweis auf steigende Baukosten und wachsende Wohnungsnot im Bundesrat darauf dringen, die Energieeinsparverordnung ganz auszusetzen. NRW wäre das erste Land, das so weit geht. Erst im Mai hatte sich die Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der CDU/CSU ebenfalls dafür ausgesprochen.

Noch schlecht in Erinnerung sind der Dämmwirtschaft auch die Berge von alten Styropordämmungen Ende 2016. Im Oktober wurden Fassadendämmungen mit einem geringen Anteil des bromhaltigen Brandschutzmittels HBCD nach einem Bundesratsbeschluss automatisch als gefährlicher Abfall eingestuft – der gesondert erfasst und entsorgt werden muss. HBCD, in fast allen alten Polystyroldämmungen vorhanden, steht im Verdacht, das Erbgut zu schädigen, und wird nach und nach weltweit verboten.

Den meisten Müllverbrennungsanlagen fehlte für eine solche Verbrennung jedoch die Zulassung, zudem hätten die alten Fassaden an der Baustelle eigentlich von Mörtel und Zementresten befreit werden müssen, um überhaupt angenommen zu werden. Baustellen mussten gestoppt werden, der Müll stapelte sich, die Presse war entsprechend schlecht. Erst durch den Vorstoß einiger Länder wurde diese Regelung für ein Jahr ausgesetzt, eine dauerhafte Lösung fehlt bis heute.

Steinwolle als nachhaltiges Dämmmaterial einsetzen

Volker Christmann, Vorsitzender der Geschäftsführung der Rockwool Beteiligungs GmbH im nordrhein-westfälischen Gladbeck, möchte am liebsten auch keine Stellung nehmen und nicht mit dem Brand in London in Verbindung gebracht werden. Die Gefahr ist groß, als Profiteur des Unglücks zu gelten. Er glaube ohnehin nicht, dass seine Industrie davon profitiert, sagt er. Sein Unternehmen, der dänische Rockwool-Konzern, ist der größte Hersteller von Steinwolle auf der Welt.

Sie kommt in Deutschland in allen neuen Hochhäusern zum Einsatz. Bei Häusern, die zwischen sieben und 22 Meter hoch sind, sind sogenannte Brandriegel aus nicht entflammbarem Material vorgeschrieben. Die sollen ein Überspringen eines Feuers von einem Stockwerk auf das nächste verhindern. Nur im Ein- und Zweifamilienhaus ist die Wahl des Dämmmaterials völlig freigestellt.

Auch hier sollte man nach Christmanns Worten Steinwolle einsetzen, denn sie isoliert das Haus nicht nur gegen Temperaturen, sondern auch gegen Schall. Außerdem sei Steinwolle ein nachhaltiges Produkt, hergestellt aus Basalt. Andere ökologische Dämmstoffe wie Gras oder Schilf müssten erst chemisch behandelt werden, um nicht zu brennen. Steinwolle hat allerdings einen großen Nachteil: Sie ist deutlich teurer als Polystyrol.

Sto bereitet sich nach eigenen Angaben darauf vor, dass die Zurückhaltung am deutschen Wärmedämmverbundsystem-Markt nicht vorübergehender Natur ist. Das Absatzpotential für energetische Fassadendämmungen sei weiterhin signifikant. Wann eine Trendwende einsetze, sei allerdings nicht abzuschätzen – „auch weil die politische Unterstützung für die Umsetzung der erforderlichen Maßnahmen nur eingeschränkt vorhanden ist“.

Quelle: F.A.Z.
Bernd Freytag
Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.
Georg Giersberg
Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Betriebswirt“.
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