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Gerd Schwandner im Interview

„Kleinstadt, lass dich nicht abhängen!“

Von Reinhard Bingener
 - 13:01

Warum ist ein urbanes Lebensgefühl für das Gedeihen einer Stadt so wichtig?

Wir stehen länderübergreifend längst auch in einem Wettbewerb um urbanes Lebensgefühl. Eine attraktive Diversität ist längst zu einem harten Standortfaktor geworden. Städte wie das niederländische Groningen haben das begriffen und steigern gezielt ihre Urbanität. Die bauen direkt gegenüber der Hauptkirche gerade ein architektonisch anspruchsvolles Kulturzentrum. Die Niederländer trauen sich auch das, was in Deutschland kaum durchsetzbar wäre.

Sie waren von 2006 bis 2014 Oberbürgermeister von Oldenburg. In Ihrem Buch „Übermorgenstadt“ fordern Sie insbesondere von den Städten zwischen 100.000 und 300.000 Einwohnern in Deutschland einen stärkeren Willen zur Urbanität.

In Oldenburg war das Problem, dass die Stadt sich lange nicht dem Anspruch gestellt hat, Großstadt zu sein, und als „gemütliche Großstadt“ sogar zufrieden damit war, noch kleiner zu wirken, als sie mit ihren 165.000 Einwohnern ist. Der Grund dafür ist, dass wir Deutschen – gerade auch die Stadtbewohner – irgendwie am liebsten auf dem Land leben würden. Diese Mentalität führt dann in den Städten zu Widerständen gegen urbanitätssteigernde Maßnahmen wie Hochhäuser, Nachverdichtung oder moderne Bauten. Aber genau dahin geht der Trend, und die großen Städte enteilen dabei den kleineren. Städte wie Oldenburg stehen daher unter besonderem Zugzwang. Wir spielen alle bloß in der zweiten Liga – müssen uns aber auf der mentalen Landkarte behaupten.

Ist der Wettbewerb der Städte also das neue Leitmotiv?

In gewisser Weise schon. Der amerikanische Ökonom Richard Florida hat den Sachverhalt auf die Formel gebracht, die Welt sei „flat and spiky“. Flach, weil die Globalisierung dafür sorgt, dass alles vergleichbar wird und die Einkaufsstraßen überall gleich aussehen. Gleichzeitig gibt es aber auch den gegenteiligen Effekt: Die Städte sind so hierarchisch sortiert wie noch nie zuvor. Während früher die Wertschöpfung breit auf der Landkarte verteilt war, dominieren heute zwei Dutzend Agglomerationsräume quasi die gesamte Weltwirtschaft. Und die Frage des urbanen Lebensgefühls hängt eng damit zusammen.

Noch wichtiger als die Wirtschaft scheint Ihnen aber die Wissenschaft zu sein.

Stimmt. Der größte Innovationstreiber ist letztlich nicht die Wirtschaft, sondern die Wissenschaft. Sie zieht langfristig Wirtschaft nach. Zudem bekommen sie so junge und intelligente Leute in die Stadt. Das ist immer gut. Und mit der Wissenschaft bekommen sie in der Regel auch ein aufgeschlossenes Klima in eine Stadt. Wissenschaft schafft ein urbanes Lebensgefühl. Das alles war auch der Grund dafür, dass wir Oldenburg als Wissenschaftsstadt profiliert haben. Das Image der Carl-von-Ossietzky-Universität, die lange als linke Kaderschmiede verschrien war, hat sich mittlerweile auch verbessert. Unter dem Gesichtspunkt der Urbanität haben gerade jüngere Universitätsstädte allerdings oft das Problem, dass die Hochschulen außerhalb der Kernstadt errichtet worden sind. Heute muss man versuchen, das universitäre Flair in die Stadt zu holen und so ihre Urbanität zu erhöhen.

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Wie lässt sich Urbanität generell steigern?

Urbanisierung hat einen Hardware- und einen Software-Aspekt. Die Hardware ist ein fußläufig erschließbarer Stadtkern, der über eine höhere Bebauung, offene Plätze und öffentliche Einrichtungen wie Museen oder auch Kirchen verfügt. Die Software ist das öffentliche Leben, das sich an diesen Orten abspielt. Das kann eine Demonstration sein, ein Fest, ein Vortrag oder ein Sportereignis. Wichtig ist, dass dabei die Offenheit einer Stadtgesellschaft symbolisch repräsentiert wird. Minderheiten, auch ethnische und religiöse, müssen im Stadtleben vorkommen.

Es fällt auf, dass Sie nach wie vor sehr positiv über Migration sprechen.

Ich halte nach wie vor daran fest, dass Einwanderung grundsätzlich eine Bereicherung bedeutet und auch das urbane Lebensgefühl befördert, das als attraktiv gilt. Sich generell gegen Migration zu stemmen, halte ich für naiv und aussichtslos. Richtig ist aber auch, dass Migration klare Regeln erfordert.

Sie fordern gerade von kleineren Städten auch mehr Mut zu ikonischen Bauwerken, durch die sie erkennbarer werden.

Ich rufe damit nur in Erinnerung, was man in den Weltmetropolen schon vor Jahrhunderten begriffen hat. Sie können den Eiffelturm so schlecht zeichnen, wie Sie wollen – dennoch wird jeder erkennen: Es geht um Paris. Hamburg hat sich mit der Elbphilharmonie gerade ebenfalls ein ikonisches Gebäude geschaffen, das die Wahrnehmung der Stadt auf Dauer verändern wird. Trotz der enormen Kosten war es aus meiner Sicht eine kluge Entscheidung. Kleinere deutsche Städte halten sich da bislang vornehm zurück. Dabei müssten gerade die sich anstrengen, erkennbarer zu werden.

Was bedeutet das?

Wir brauchen mehr Mut zu modernen Bauten. Denn Urbanität lebt von Spannungen und Gegensätzen, auch bei der Architektur. Attraktive Städte leben häufig von einem Kontrast zwischen historischen und modernen Gebäuden. Die italienischen Städte sind zwar wunderschön anzuschauen, sie sind in ihrer historischen Grandezza aber alle irgendwie auch austauschbar. Unter den Vorgaben der Globalisierung ist es klüger, auf Erkennbarkeit zu setzen.

Öffentlicher Nahverkehr spielt in Ihren Überlegungen ebenfalls eine wichtige Rolle.

In der öffentlichen Debatte über den ÖPNV kommt mir zu kurz, dass er neben ökologischen Vorteilen auch das urbane Lebensgefühl steigert. Das Interessante ist, dass dies nur eingeschränkt für Busse gilt, sondern vor allem für schienengebundenen Nahverkehr. Die Erfahrung in der ganzen Welt zeigt, dass man klassenlose Beförderung nur auf der Schiene hinbekommt. Es gibt offenbar eine men- tale Barriere für Manager, in einen Bus zu steigen.

Über die Kommunalpolitik äußern Sie sich in Ihrem Buch, das Sie zusammen mit dem Politikwissenschaftler Rainer Lisowski geschrieben haben, ziemlich desillusioniert.

Unsere Erfahrung ist, dass die Qualität in den Stadträten stark nachgelassen hat. Es gibt immer mehr Fraktionen, die sich ständig profilieren müssen und dies bevorzugt über die sozialen Netzwerke auch ständig tun. Parallel dazu vollzieht sich eine schleichende Prekarisierung. Früher stand ein Ratsmitglied nicht nur für sich selbst, sondern als Unternehmer oder als Verbands- oder Vereinsvorsitzender auch noch für andere. Heute ist Kommunalpolitik leider auch attraktiv für Leute ohne echte Berufskarriere. Die können dann, wenn überhaupt, nur Politik.

Quelle: F.A.S.
Reinhard Bingener
Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.
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