Architekturpsychologe Richter

„Wer anders baut, erhebt sich über die Nachbarn“

Von Judith Lembke
 - 11:59

Neue, außergewöhnliche Gebäude stoßen oft auf Ablehnung. Wie kommt das?

Geschmacksurteile fällen wir in Bruchteilen von Sekunden. Das gilt sowohl für Menschen, denen wir begegnen, genauso wie fürs Essen und für die Architektur. Einen Großteil unserer ästhetischen Vorlieben erwerben wir in der frühen Kindheit. Schon bevor wir zur Schule gehen, haben wir gelernt, ob wir etwas attraktiv oder unattraktiv finden. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Prägung durch die soziale Umgebung.

Man findet also schön, was schon den Eltern gefiel?

Könnte man so sagen. Um einen Geschmack für Architektur auszubilden, braucht es noch nicht einmal andere Personen, denn sie umgibt uns permanent, und man nimmt sie unterbewusst oder höchstens teilbewusst wahr. Für die meisten Kinder gilt, dass sie angstfrei und in Geborgenheit aufwachsen. In dieser bekannten Umgebung entwickeln sie ein vertrautes Gefühl, dort fühlen sie sich wohl. Dieses Empfinden ist seit der Kindheit an die ästhetische Bewertung der Umwelt gekoppelt.

Ich bin in Hamburg aufgewachsen. Habe ich nun für immer und ewig ein Faible für Rotklinker?

Auf jeden Fall vermittelt der Anblick Ihnen wahrscheinlich ein Gefühl von Sicherheit. Ich habe meine Kindheit im halbzerstörten Dresden verbracht. Da hatte ich gar nicht die Chance, mein Geschmacksempfinden an zeitgenössischer Architektur zu schulen, die bekam ich gar nicht zu Gesicht. Wie sollte meine Generation lernen, moderne Architektur zu mögen? Das ist ja auch das Problem: Wenn immer weiter traditionell gebaut wird, lernt jede Generation einen immer ähnlichen Baustil lieben. So entsteht wenig Neues.

Ist das Bestreben deswegen auch so groß, das Alte wiederauferstehen zu lassen, wie die Altstadt in Frankfurt oder der historische Neumarkt in Dresden?

Einer der zentralen Gründe ist Nostalgie, es soll eine vertraute Vergangenheit heraufbeschworen werden.

Warum wollen viele Menschen die mittelalterliche Stadt zurück?

Das hat auch sozialpsychologische Aspekte, denn mittelalterliche Städte

waren von ihrer Struktur viel mehr auf Menschen ausgelegt als die heutigen, die sich stärker am Verkehr orientieren. Ältere europäische Städte dienen viel mehr der Interaktion ihrer Bewohner. Die engen Gassen fördern Kommunikation auf der Straße oder von Fenster zu Fenster, die Marktplätze sind ein Treffpunkt, hier tauscht man sich aus. Das verbessert den Gruppenzusammenhalt. Und dann ist da noch ein anderer Punkt: Die Gebäude, inmitten derer ich mich bewege, werden Teil meiner Identität. Städtische Wahrzeichen wie Parlamente, Kirchen oder eben auch besondere Altstadthäuser stärken das Gemeinschaftsgefühl.

In den Städten kann man beobachten, dass sich die Bewohner den öffentlichen Raum wieder stärker aneignen. Sie bepflanzen Baumscheiben oder stellen im Sommer ihre Bänke auf den Bürgersteig. Sind das Zeichen für eine steigende Identifikation mit der Stadt, in der man lebt?

Bestimmt, aber es gibt noch einen anderen Grund: Es ist belegt, dass Menschen die Natur immer einer gebauten Umwelt vorziehen, egal wie schön die Gebäude sind. Moderne Architektur hat deshalb immer dann gute Chancen, gemocht zu werden, wenn sie möglichst viele Elemente natürlicher Umwelt integriert. Ich denke da zum Beispiel an Hochhäuser mit begrünten Fassaden wie das Bosco Verticale in Mailand.

Wie kommt das?

Eine Erklärung dafür ist die sogenannte Savannen-Hypothese: Menschen bevorzugen Lebensräume, die Schutz vor Gefahren bieten und gleichzeitig Kontrolle durch weite Ausblicke ermöglichen – wie in der afrikanischen Savanne, wo ich mich in der Vegetation verstecken kann, potentielle Angreifer aber gleichzeitig im Blick habe.

Wie eine Ritterburg auf dem Felsen?

Genau, oder auch wie der Stammtisch in der Kneipe: Der ist immer so plaziert, dass wer dort sitzt, die Eingangstür im Blick, also unter optischer Kontrolle hat.

Warum rufen moderne Gebäude oft so starke Gefühle hervor? Wenn sich jemand einen Sichtbetonkasten auf sein Grundstück stellt, könnte es den Nachbarn doch egal sein. Stattdessen wird dagegen protestiert oder wenigstens darüber gelästert.

Wenn ein Haus in der Kubatur oder Größe nicht zu seiner Umgebung passt, wird es abgelehnt, als nicht schön empfunden. Das ist die Psychologie der Wahrnehmung. Das ist jedoch nicht alles, denn oft spielt auch die Sozialpsychologie eine Rolle. Da geht es wieder um Gruppenzugehörigkeit. Nachbarschaften funktionieren über Zusammenhalt. Wenn einer ganz anders baut als alle anderen, empfinden die es so, als wolle der eine sich über die Gruppe erheben. Das wird nicht einfach hingenommen.

Und wo fällt die Ablehnung besonders stark aus?

Bei Menschen, die besonders feste Vorstellungen davon haben, wie etwas zu sein hat. Das sind sozial vererbte Wertestrukturen, die werden vor allem über die Familie weitergegeben.

Wenn der Vater sich schon immer über die schlecht getrimmte Hecke des Nachbarn aufgeregt hat, tut der Sohn es auch?

Die Chance ist zumindest groß.

Eine Studie kam kürzlich zu dem Schluss, dass gerade viele junge Menschen gerne in einem Fachwerkhaus wohnen möchten. Wie kommt das?

Rückwärtsgewandheit schafft Sicherheit und Kontrolle. Etwas Gewohntes schön zu finden ist risikolos. An etwas Ungewohntem Gefallen zu finden, schafft Unsicherheit, und die mögen die meisten Menschen nicht. Architektur hat psychologisch gesehen die größten Chancen, akzeptiert zu werden, wenn sie dem Prinzip der Optimalen Neuerung entspricht. Der Begriff stammt aus der Wirtschaftspsychologie und besagt, dass zu bekannt als langweilig empfunden wird und zu neu als schockierend. Ein Haus muss bekannt aussehen, dabei aber ein kleines bisschen anders sein.

Erklärt sich damit auch der große Erfolg der Möbel-Reeditionen auf dem Markt? Erfolgreich sind fünfzig Jahre alte Entwürfe, nur die Farbe ändert sich je nach Saison.

Ich denke schon. Was seit fünfzig Jahren als gut gilt, ist risikolos, vermittelt Sicherheit.

Warum lieben die Hamburger dann ihre Elbphilharmonie? Das ist ein sehr ungewöhnliches Gebäude.

Spektakuläre Gebäude ebenso wie natürliche Merkmale haben das Potential, alle Stadtbewohner zu vereinen. Bei der Elbphilharmonie ist wichtig, dass sie allen gehört und nicht einer Einzelperson oder Gruppe, die sich damit über die anderen erhebt. Jeder kann auf die Terrasse oder sich ein Ticket fürs Konzert kaufen. Jeder kann stolz darauf sein, deshalb schafft sie Identität.

Warum mögen Architekten oft ganz andere Häuser als Laien? Oder anders gefragt: Warum lieben Architekten Sichtbeton, während Normalbürger das Material meist grauenhaft finden?

Wissen verändert die ästhetische Wahrnehmung. In einer Studie wurden Informatikstudenten gefragt, ob sie Beton schön finden. Der Baustoff gefiel ihnen nicht. Dann wurde ihnen Wissen über Beton vermittelt. Das hat dazu geführt, dass die Studenten die Ästhetik von Beton am Ende höher bewertet haben als am Anfang.

Geschmack ist also auch eine Frage der Bildung?

Auf jeden Fall. Eine Studie hat gezeigt: Laien mögen Satteldach und zentrierte Fenster. Architekten bevorzugen Flachdach und nicht zentrierte Fenster.

Das Gespräch führte Judith Lembke.

Quelle: F.A.S.
Judith Lembke
Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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