In diesem Kubus steckt Musik

Von JUDITH LEMBKE, Fotos LUCAS WAHL

02.05.2018 · Ein Paar aus Bremen wollte niemals bauen. Doch dann hat es sich in ein Grundstück mit alten Bäumen verguckt.

M usik und Wohnen, das gehört für Rainer Appel zusammen. Sein erstes Haus finanzierte er sich mit den Gagen, die er in zehn Jahren als Berufsmusiker einspielte. Und in diesem Haus, das er gemeinsam mit seiner Frau Susanne baute, bestimmte die Musik von Anfang an das Raumprogramm: Es gibt einen Proberaum im Erdgeschoss und ein Zimmer nur zum Musikhören im ersten Stock. „Ich habe jahrelang in Bunkern, Kellern, feuchten und ungemütlichen Löchern geprobt. Ich wollte endlich einen schönen Raum, in dem ich mit meinen beiden Bands Musik machen kann“, sagt Appel, der mittlerweile als Jurist in der Musikbranche arbeitet. Er schließt die Tür des Proberaums, wo er inmitten von Schlagzeug, Keyboard und Gitarren steht, und klatscht in die Hände. Der Ton ist so trocken wie ein Weihnachtsplätzchen zu Ostern – kein Nachhall, nirgendwo. Alles wird geschluckt von der gedämmten Akustikdecke über den Köpfen. Selbst wenn drinnen getrommelt wird und die E-Gitarre heult, nach außen dringt durch die Schallschutzfenster, die extradicken Wände und die doppelt gefälzte Tür kaum ein Ton.

Wer sich dem Haus von der Straße nähert, kann sich nur schwer vorstellen, dass es drinnen mehrmals im Monat richtig laut wird. Fällt beim Betreten des Grundstücks doch zunächst auf, wie leise es hier ist. Nur ein paar Vögel zwitschern in den hohen Eichen, ansonsten Stille – wie es sich für ein gediegenes Villenviertel wie Bremen Oberneuland mit großen Häusern auf weiten Grundstücken gehört. Das Haus betritt man von der Seite. Während sich der weiße Kubus zur Straße hin verschlossen präsentiert und vor allem das große dunkle Garagentor ins Auge fällt, wird es offen und licht, je näher man der Eingangstür kommt. Durch eine L-förmige Glasfläche, die über der Eingangstür bis zu sechs Meter misst, blickt der Besucher einmal durch das Haus hindurch direkt in den Garten auf die alten Bäume, die sich überall in den Scheiben spiegeln.

In der Garage ist Platz für vier Autos.
Der Weg zur Eingangstür
Der Blick von der oberen auf die untere Terrasse

Unweigerlich muss man an das Farnsworth House denken, das Ludwig Mies van der Rohe vor fast siebzig Jahren als einen gläsernen Raum entwarf, der sich mit der umgebenden Natur zu verbinden scheint und über den die Eigentümerin einmal sagte, das Leben darin sei „durchsichtig wie in einem Röntgenbild“.

Der Eindruck von Transparenz verstärkt sich nach dem Betreten des Hauses noch. Man steht sofort mitten im Geschehen, oder „man fällt mit der Tür ins Haus“, wie der Bauherr es ausdrückt. Wohnen, Essen und Kochen finden in einem großen offenen Bereich statt. Hier wird nichts vor den Blicken von außen oder vor Gästen verborgen – weder der Küchentresen, der sich zur rechten Seite erstreckt, noch der Essplatz direkt dahinter. Die hohen Decken und die Lufträume bestärken den offenen Eindruck. Selbst die Treppe mit sogenannten Kragarmstufen, durch die das Licht fällt, fördert die gefühlte Transparenz. Allein das Gästezimmer, das Gästebad und natürlich der Proberaum bieten Rückzugsmöglichkeiten im unteren Stockwerk. Diese Offenheit ist nicht nur Selbstzweck, sondern eng mit der Entstehungsgeschichte des Hauses verbunden – das der Bauherr eigentlich nie bauen wollte. „Wir wohnten in einem schönen Haus in der Nähe. Wir hatten all diese schrecklichen Baugeschichten von Freunden gehört und wollten eigentlich selbst nie bauen“, sagt Appel. Doch dann besichtigte er an einem regnerischen Augusttag vor sieben Jahren das Haus, das an dieser Stelle stand und zum Verkauf angeboten wurde. Es war um ihn geschehen. „Ich habe mich in dieses Grundstück direkt gegenüber vom Park mit seinem alten Baumbestand verliebt. Das Gebäude war allerdings furchtbar“, berichtet der Bauherr. Die Option, das alte Haus umzubauen, wurde schnell ausgeschlossen. So kam es zum Neubau. Und da am Anfang die Liebe zum Grundstück gestanden hatte, schien es nur folgerichtig, das neue Haus weit zum Garten zu öffnen.

Aus dem Proberaum dringt dank Schallschutz kaum ein Ton.

Neben den Musikräumen war den Bauherren vor allem wichtig, viel Tageslicht ins Gebäude zu holen, Innen- und Außenraum sollten möglichst fließend ineinander übergehen. Mehr als ein Drittel der Außenhaut des Hauses besteht aus Glas. „Es gibt nicht viele Grundstücke, die eine derartige Offenheit zulassen – dieses tut es“, sagt Architekt Stephan Kohlrausch von Gruppe GME Architekten, der das Projekt geleitet hat.

Es ist mehr als 1700 Quadratmeter groß, liegt in einer Sackgasse direkt am Park und ist nach Südwesten orientiert. Auch die Möglichkeiten des Einblicks von außen sind limitiert: Den Stichweg, der jenseits der Grundstücksgrenze am Eingang entlang führt, nutzen nur drei Parteien. Trotzdem hatte die Bauherrin am Anfang Sicherheitsbedenken ob der großen Transparenz, die sich aber mit dem Einzug zerstreut haben. „Wenn ich alleine bin, lasse ich Raffstores hinunter. Dann fühle ich mich absolut sicher“, berichtet sie.

Die Küche sollte sich möglichst unauffällig in den Wohnraum einfügen.
Die Treppe führt in den ersten Stock, in dem unter anderem das „Musikhörzimmer“ liegt.
Über dem Essplatz erstreckt sich ein sechs Meter hoher Luftraum.
Von einer Galerie blickt man hinab in den offenen Wohnbereich und durch große Fensterflächen in den Garten.

Während Susanne Appel gerne kocht oder auf der Terrasse dem Vogelgezwitscher lauscht, zieht sich ihr Mann zum Entspannen am liebsten in den ersten Stock in das „Musikhörzimmer“ zurück. In diesem Raum steht fast nichts außer einer Musikanlage mit perfekt ausgerichteten Boxen auf ein Sofa im Steampunk-Stil, mit üppigen Lederpolstern zwischen Lehnen aus genietetem Metall. Auch in diesem Raum ist eine akustisch wirksame Decke eingebaut, der Sound ist glasklar. „Ich kann hier drei Stunden mit einem Glas Rotwein in der Hand sitzen und einfach nur Musik hören. Leider habe ich dazu viel zu selten Zeit“, sagt Appel und lacht. Von dem Zimmer aus gibt es einen Ausgang auf die obere Terrasse, die zum gegenüberliegenden Park hinausgeht. Große Wandausschnitte geben dem satten Grün der Bäume einen Rahmen. Aus Heinekens Park kommt auch regelmäßig ein Entenpärchen zu Besuch, und von dort stammte wohl auch die Amsel, die während der Bauzeit in einem Schacht im Gästebad nistete. Als die Rohbauarbeiten abgeschlossen war, waren auch die Amselküken flügge geworden und hatten das Nest verlassen.

Wandausschnitte geben den Bäumen einen optischen Rahmen.

Neben dem Musikzimmer befinden sich im ersten Stock noch ein kleines Büro, Hauswirtschaftsraum, Schlaf- und Ankleidezimmer sowie ein großes Bad. Von einer Galerie blickt man hinab in den offenen Wohnbereich und durch große Fensterflächen in den Garten. Im Gegensatz zu vielen anderen Neubauten lassen sich Ankleidezimmer und Bad nicht vom Schlafzimmer aus begehen, sondern vom Flur: „Wir haben bewusst viel Platz zwischen den Räumen gelassen, damit wir uns nicht stören, weil wir zu unterschiedlichen Zeiten aufstehen und ins Bett gehen“, berichtet der Bauherr.

Die Bauherren Rainer und Susanne Appel

Auch der Hauswirtschaftsraum mit der Haustechnik wurde mit Bedacht in den ersten Stock gelegt und nicht ins Erdgeschoss, wie sonst oft üblich. „Warum soll man die Wäsche nur zum Waschen nach unten tragen, um sie dann wieder nach oben zu schleppen?“, fragten sich die Bauherren und entschieden sich für diese pragmatische Lösung.

Wenn Rainer Appel von der Bauphase spricht, blitzt die Begeisterung in seinen Augen. Er, der eigentlich niemals bauen wollte, sagt heute, es sei „eines der schönsten Projekte meines Lebens gewesen, dieses Haus entstehen und wachsen zu sehen“. Beide Eheleute waren fast täglich auf der Baustelle, schickten einander Bilder von den Fortschritten. „Ich glaube, wir haben in diesem Haus jeden Stein fotografiert“, sagt Susanne Appel lachend.

Dass gerade sie als Bau-Skeptiker am Ende so viel Freude an dem Prozess hatten, dafür hat Appel eine einfache Erklärung: „Die Baustelle verlief so reibungslos, weil wir vieles schon im Voraus geplant hatten und auch nicht auf den Euro achten mussten“, glaubt der Bauherr. Vor allem hätten sie zu allen Beteiligten, gerade auch den Handwerkern, ein gutes Verhältnis aufgebaut. „Wir haben nicht an positivem Feedback, Kuchen und Getränken gespart. Deshalb waren alle total motiviert, und es war ihnen selbst wichtig, dass alles perfekt wird. Das lässt sich für Geld nicht kaufen.“

Bauplan, Schnitt der Villa Grafik: Gruppe GME

Das Haus kurz und knapp

Baujahr 2015
Bauweise Massivbau mit mineralischer Dämmung und mineralischem Putz
Energiekonzept KfW Effizienzhaus 55 mit Geothermieanlage für Heizung und Warmwasser; Solarkollektoren zur Unterstüzung der Warmwasserbereitung
Wohnfläche 310 Quadratmeter
Grundstücksgröße 1720 Quadratmeter
Standort Bremen
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Quelle: F.A.S.