Monolith in bester Gesellschaft

Von BIRGIT OCHS, Fotos von LUCAS WAHL

30.01.2018 · Eine Geschäftsfrau aus Hamburg hat sich ein Haus ganz nach ihren Bedürfnissengebaut. Und als Statement.

P almaille. Der Name lässt aufhorchen. So heißt eine der ältesten Straßen Hamburgs. Im 18. Jahrhundert war sie zur Prachtstraße der damals noch selbständigen Stadt Altona geworden, und bis heute bestimmen die repräsentativen Wohnhäuser vergangener Tage das Bild. Mitten unter den architektonischen Statements, die Reederfamilien und Kaufleute hatten errichten lassen, steht seit gut einem Jahr ein Neubau, der an diese Tradition anknüpft und zugleich seiner eigenen Zeit verpflichtet ist. Beinahe nahtlos reiht sich der monolithische Betonbau in das Ensemble der Denkmäler ein, springt weder vor noch zurück, noch überragt er es. Trotzdem behauptet sich das Haus so selbstbewusst wie gradlinig in der durch die klassizistischen Gebäude nach Entwürfen des dänischen Architekten Christian Frederik Hansen geprägten Nachbarschaft. Es ist der gebaute Traum einer selbständigen Kauffrau und Stifterin vom Wohnen und Leben in Hamburg.

Vera Berndt begann ihn vor fast zehn Jahren zu träumen. Damals saßen ihre beiden Kinder „auf dem Nestrand“. Das Familienleben, wie sie es bisher geführt hatten, ging zu Ende. Sie spürte, dass der Ort, der eben noch Heimat gewesen war, für eine berufstätige Singlefrau wie sie nicht mehr passen würde – weder die Wohnung mit ihren ungenutzten Zimmern noch der gediegene Elbvorort mit seiner auf gutbetuchte Familien zugeschnittenen Infrastruktur. Deshalb wollte sie dort raus und rein in die Stadt, in die Nähe des Hafens, ins weniger gleichförmige Leben – und sich dort ein Haus bauen. Maßgeschneidert. Dafür guckte sie sich einen ziemlich kleinen Ausschnitt Hamburgs aus, der für sie als Wohnort in Frage kam und in dem sie sich dann auf die Suche machte. Im Grunde waren es nur ein paar Straßenzüge in Ottensen und Altona.

Palmaille: Wohnen in historischer Nachbarschaft

Man muss es sich leisten können, so exklusiv zu suchen. Schließlich sind Wohnimmobilien und vor allem Grundstücke in den zentralen Lagen von Städten wie Hamburg ein rares und kostspieliges Gut. Die Empfehlung an den Durchschnittsinteressenten lautet deshalb auch, sich besser nicht auf bestimmte Lagen festzulegen. Aber Vera Berndt ist in dieser Hinsicht eben nicht der Durchschnitt. Erstens fehlt es ihr nicht an Geld, zweitens kennt sie sich von Berufs wegen mit Immobilien und Projektentwicklung aus, und drittens hat sie Zeit. „Schließlich habe ich warm und trocken gewohnt“, sagt sie mit einem Lachen.

Die Suche dauert dann auch ein paar Jahre. Sie bietet für mehrere Objekte, erhält aber nie den Zuschlag. „Ich habe offenkundig immer am wenigsten geboten“, erläutert sie. Im November 2011 dann ist plötzlich die Palmaille 98 auf dem Markt. Das Grundstück ist bebaut und kleiner als alles, was die Geschäftsfrau bisher besichtigt hat, aber die Lage begeistert sie: eine Straße mit Geschichte, der Blick aufs Wasser, den eine unbebaubare Fläche auf der gegenüberliegenden Straßenseite freigibt, die U-Bahn-Station ums Eck, die Anbindung an die Autobahn, die Cafés, die ungleiche Nachbarschaft. Sofort gibt sie ein Gebot ab, das der Verkäufer als „frech“ empfindet. Vera Berndt hält es für angemessen. „Es war klar, für jemanden, der eine Gewerbeimmobilie, ein Zinshaus, bauen will, ist das Grundstück zu klein und daher unrentabel. Für Elbvorortbewohner ist die Adresse zu wenig schick“, erklärt sie ihre Einschätzung. Nach mehr als einem halben Jahr willigt der Verkäufer endlich ein.

Jetzt kann es losgehen. Die Bauherrin beauftragt den Architekten Walter Gebhardt, der für sie in der Vergangenheit schon mal mit einer Aufgabe im Innenraum tätig war und mit dem sie befreundet ist. Drei Einheiten sollen unter dem Dach des Neubaus entstehen: eine Bürofläche zum Vermieten, ein Gästeappartement für Freunde und die Kinder, wenn sie länger zu Besuch kommen, sowie Vera Berndts Wohnung. Dazu eine Terrasse und Stellflächen. All das auf dem zehn Meter breiten Grundstück unterzubringen, die nötigen Abstände und Höhen einzuhalten und schließlich die Baugenehmigung zu bekommen sei ein zäher Prozess gewesen, „der mich Geduld und Demut gelehrt hat“, sagt die Hamburgerin im Rückblick. Mit Gebhardt ist sie sich einig. Doch um die Erwartungen und Anforderungen der Bezirkspolitik und -verwaltung, der Denkmalpflege und der Oberbaudirektion unter einen Hut zu bekommen, sind 24 Fassadenentwürfe nötig. Bis die Genehmigung da ist, überlässt die Eigentümerin den Altbau Ateliers zur Zwischennutzung. Erst dann beginnen Abriss und Neubau.

Groß: Die Sofaecke auf der Galerie gehört zur Wohnung.

Die Palmaille ist eine breite, vielbefahrene Straße. Gebhardt plante so, dass der Blick hinweg auf die Elbe möglich ist – und die privaten Räume doch im ruhigen, rückwärtigen Teil liegen. Man braucht einen Moment, um zu begreifen, wie das Gebäude im Innern organisiert ist. Das Erdgeschoss fungiert als Transitzone: Hier befinden sich nicht nur der Eingang und die Zufahrt zu den Stellplätzen, sondern auch die Garage der Hausherrin sowie einige Nutzräume. Der erste Stock ist vollständig als Bürofläche vermietet. Auf der zweiten Etage beginnt dann das Wohnen.

Zum einen ist hier das Gästeapartment angesiedelt, eine kompakte kleine Einheit, bestehend aus einer Kitchenette mit Sitzgelegenheit sowie zwei Schlafzimmern, die beide direkten Zugang zum Bad haben. Vom Gästeapartment aus gibt es eine Verbindung, „Enkeltür“ genannt, geradewegs ins Schlafzimmer der Hausherrin. Den Zugang nutzen die Kinder und ganz besonders vertraute Gäste – und zukünftig vielleicht die Enkel, wenn es eines Tages einmal welche geben sollte. Schön stellt Vera Berndt sich das vor.

Ihre eigene Wohnung nimmt den weitaus größten Teil des Wohntrakts ein. Bevor sie an die Palmaille zog, hat sie übergangsweise einige Zeit in einer 70 Quadratmeter großen Wohnung gelebt. „Puh, das war nichts für mich“, wehrt sie ab. In ihrem neuen Zuhause ging es für sie daher nicht darum, sich räumlich deutlich zu verkleinern, sondern in besser auf ihre Vorstellungen zugeschnittenen Räumen zu leben. „Ich weiß, es ist ein Privileg, dass ich mir das leisten kann“, sagt sie.

Klein: Die Sitzgelegenheit in der Kitchenette gehört zum Gästeapartment.

Während Bad und Schlafzimmer den im gehobenen Wohnen herrschenden Standardmaßen nahekommen, besticht der übrige Raum durch seine Ausdehnung. Das wird schon nach dem ersten Schritt ins Wohnungsinnere deutlich. Dort führt der Weg zunächst an Vera Berndts Schreibtisch vorbei. Das Möbel steht so, dass seine Besitzerin vom Schreibtisch aus freien Blick in den Raum wie auch durch das große, dreigliedrige Fenster hat. Das Fenster wird Dank seiner integrierten, großzügigen Sitznische selbst zum Möbel. Einerseits klar abgegrenzt, ist der Arbeitsplatz dennoch optisch und akustisch über den hohen Luftraum mit dem eine Treppe höher gelegenen Wohn-Ess-Küchenbereich verbunden. Was ebenfalls sofort auffällt: Innerhalb der Wohnungen gibt es keine Verkehrsflächen wie Flure, alles fließt ineinander.

Oben auf der Galerie entfaltet das neue Stadthaus an der Palmaille seine größte Wirkung. Man betritt sie mit einem Staunen, was nicht nur an der Größe und den immerhin fünf Meter hohen Decken liegt. Vielmehr ist hier das Kunststück gelungen, trotz der Weitläufigkeit einen behaglichen Raum zu schaffen, in dem man sich allein oder im kleinen Kreis nicht verloren fühlt, in dem aber auch vierzig Gäste sich nicht auf den Zehen stehen.

Das liegt zum einen an den Materialien Beton, Mineralputz, Terrazzo – und immer wieder Walnussholz. Küchenfronten, Esstisch, Treppengeländer, Bücherregal – der optisch Wärme ausstrahlende natürliche Baustoff ist omnipräsent, ohne zu dominieren. Als Boden kam er nicht in Frage. Zu empfindlich, urteilt die Bauherrin und fügt an: „Holzboden hat mich immer genervt.“ Dafür hat das Material seinen ganz großen, fast skulpturalen Auftritt als Deckenverkleidung. Die Lamellen hat der zuständige Schreiner mit großem Aufwand und Geschick angebracht – sie sind der sichtbare Teil des Akustikdecke, die Architekt Gebhardt entworfen hat. „Bei so einem großen, offenen Raum muss man das Thema Schall unbedingt berücksichtigen“, betont der Planer.

Architekt Walter Gebhardt und Bauherrin Vera Berndt haben kein Detail dem Zufall überlassen.

Er und die Bauherrin haben nichts dem Zufall überlassen. „Klar, ein großer Teil des Aufwands ist dem hohen Anspruch geschuldet“, gibt Vera Berndt zu. Hinsichtlich der Energieversorgung ihres Stadthauses hat sie auf erneuerbare Energien gesetzt. Der Gedanke der Autarkie ist ihr angenehm, die Vorstellung, „Putin könnte den Gashahn abdrehen“, nicht. So fiel die Wahl auf eine Erdwärmeheizung, auch wenn die erst nach etwa 25 Jahren wirtschaftlich sei, wie Gebhardt hervorhebt. Auf dem begehbaren Dach ist zudem eine Photovoltaikanlage angebracht, die auch den Strom für das kleine Elektroauto („mit dem habe ich nie Parkplatzprobleme“) der Hausbesitzerin, die sich am liebsten noch ein kleines Windkraftwerk zulegen würde. Zur Ausstattung des Hauses gehören ferner ein Aufzug und eine Wildkammer. Vera Berndt ist Jägerin. Verzichtet hat sie dagegen auf Keller, Dachboden oder größere Abstellflächen – und dies wie alle anderen Entscheidungen, die das Haus betreffen, nicht bereut. „Es ist alles verwirklicht worden, was ich mir gewünscht habe. Welch ein Geschenk in meinem Leben!“

Grundrisse des Hauses

  • Erdgeschoss Grafik: Walter Gebhardt Architekt
  • 1. Obergeschoss Grafik: Walter Gebhardt Architekt
  • 2. Obergeschoss Grafik: Walter Gebhardt Architekt
  • Dachgeschoss Grafik: Walter Gebhardt Architekt
  • Schnitt Grafik: Walter Gebhardt Architekt
  • Ansicht Südseite Grafik: Walter Gebhardt Architekt
  • Ansicht Nordseite Grafik: Walter Gebhardt Architekt

Das Haus Kurz und Knapp

Baujahr 2016
Bauweise Monolithischer Massivbau
Energetisches Konzept Erdwärmeheizung und Photovoltaikanlage; Ladestation für ein Elektroauto
Wohnfläche 223 Quadratmeter (insgesamt 448 Quadratmeter)
Grundstücksgröße 450 Quadratmeter
Standort Hamburg-Altona
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Quelle: F.A.S.