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Keine starre Kiste

Von BIRGIT OCHS, Fotos JAN ROEDER

06.11.2018 · Ein Architekt am Ammersee zeigt, wie man mit einem neuen Haus an Bautradition anknüpfen kann, ohne altbacken zu sein.

In ein paar Tagen, wenn der Herbstwind die Blätter von den Bäumen geweht haben wird, genießt Klaus Rothhahn wieder eine Aussicht de luxe. Bei schönem Wetter kann der Architekt dann von seiner Dachterrasse aus bis zur Nord- und Südspitze des Ammersees blicken. „Phantastisch ist das“, sagt der 49-Jährige und klingt fast andächtig. Doch das Panorama ist keineswegs nur bestechend, wenn die Zweige kahl sind. Der Neubau in Hanglage bietet seinen Bewohnern das ganze Jahr über beste Aussichten, gleich ob sie nun auf der Dachterrasse stehen oder unter der Dusche, aus dem Schlafzimmer nach draußen schauen oder durch die Über-Eck-Glasfront im Wohn-Ess-Zimmer blicken. Die besondere Lage macht es möglich – und ein Bauherr, der es als Fachmann verstanden hat, die Perspektiven zu nutzen.

Das Holzhaus sitzt auf einem massiven Sockel, allerdings leicht verdreht.

Nur, wie in aller Welt kommt man überhaupt an solchen Baugrund, wenn man nicht Erbe oder Millionär ist? Rothhahn lächelt. Die Frage ist unausweichlich. Die Gemeinden am Ufer des Ammersees sind als Wohnorte schließlich gefragt und Grundstücke mit Seeblick rar und entsprechend teuer. „Das war uns klar“, sagt er und erzählt, dass er und seine Frau ihr Glück deshalb mit Aushängen versucht hätten. Die beiden hängten Zettel nebst Foto von sich und ihrem kleinen Sohn auf: Familie sucht Grundstück . . .

Inspiriert haben den Architekten besonders die alten Bootshäuser am Ufer des Sees.

„Wir haben einfach gehofft, dass sich jemand findet, der vielleicht einen Teil seines Grundstücks verkauft und keine Unsumme verlangt“, erläutert Rothhahn. Es hat geklappt. Anfang Februar vor zwei Jahren hatten sie eines Abends eine Nachricht auf der Mailbox. Der Anrufer war bereit, rund 450 Quadratmeter seines Gartens zu veräußern; unter der Voraussetzung, dass er seine eigene Zufahrt behalte und der Neubau ihm nicht die Sicht auf den See rauben werde. „Nachverdichtung ist längst nicht mehr nur ein Stadtthema“, sagt Rothhahn. Schondorf als historisch gewachsene Gemeinde setze systematisch darauf, innerhalb der bestehenden Ortsgrenzen zu wachsen, und lasse dafür eine sehr große Bandbreite moderner Architektur zu, lobt der Planer.


„Nachverdichtung ist längst nicht mehr nur ein Stadtthema“
KLAUS ROTHHAHN

Rothhahn selbst knüpft mit seinem Entwurf an die oberbayerische Bautradition an. Inspiriert haben ihn besonders die alten Bootshäuser am Ufer des Sees mit ihrer dunklen, sägerauen Holzverschalung, die ins Wasser ragen, sowie grundsätzlich die ländliche Bauweise mit dem hellen Putzsockel und dem holzbraunen Obergeschoss. Für eine Grundfläche von 125 Quadratmetern entwarf er einen langen, schmalen Bau mit Satteldach, auf dessen gemauertem Sockel sich ein Holzständerbau erhebt. Verbindendes Element, das die beiden Gebäudeteile im Innern zusammenführt, ist eine zwölf Meter hohe Sichtbetonwand in sägerauer Schalung, die aus dem massiven Untergeschoss nach oben wächst. Während im Sockel Materialien wie Naturstein, Beton, Putzoberflächen und Fliesen dominieren, hat Rothhahn in den beiden oberen Geschossen bei der Innenraumgestaltung auch auf Hölzer wie Fichte und Lärche gesetzt.

Eher ungewöhnlich ist, dass der Holzbau nicht bündig auf dem massiven Unterbau steht, sondern nach Süden hin leicht verdreht ist. Dadurch kragt er zwei Meter über Unter- und Erdgeschoss hinaus. So gewinnen beide Teile, obwohl eine Einheit, an Eigenständigkeit. Das ist nicht nur optisch reizvoll, sondern entspricht auch der unterschiedlichen Nutzung in den unteren und oberen Etagen. Denn der Architekt hat den Neubau nicht als reines Einfamilienhaus geplant. Vielmehr war von Anfang an vorgesehen, Wohnen und Arbeiten unter einem Dach zu verbinden.

So befinden sich die Privaträume der Familie im Holzhaus. Als „Herzstück“ bezeichnet der Architekt und Bauherr zu Recht die große Wohn-Ess-Küche im Obergeschoss. Dieser Raum besticht nicht nur durch die schon erwähnten großen Fenster, die beste Aussicht auf den See und die 300 Jahre alte Eiche auf dem Nachbargrundstück gewähren. Reizvoll ist auch, dass zwischen Küche und Wohn-Ess-Bereich der Fußboden etwas tiefer gelegt wurde, wodurch tiefe Sitz-Fensterbänke entstanden sind. Von dieser Ebene aus haben die Bewohner zudem über die West-Terrasse nicht nur direkten Zugang zum Garten, sondern auch am späteren Nachmittag noch einen Sonnenplatz, während diese Uferseite des Ammersees dann schon im Schatten liegt.

Im Dachgeschoss befinden sich Schlaf- und Kinderzimmer, dazwischen ist das offene Bad, von dessen Dusche aus man besagten Seeblick hat. Rothhahn ist grundsätzlich daran gelegen, Bäder so klein wie möglich zu halten, um Fläche zu sparen. Damit sie aber nicht zu winzigen Zellen werden, gestaltet er den Übergang zu den umliegenden Räumen möglichst offen. Das WC wird separat untergebracht.

Zu den ganz besonders schönen Räumen des Hauses zählt das Schlafzimmer, das über dem Wipfel der alten Eiche zu schweben scheint – und das atmosphärisch von der Holzschalung der Fassade profitiert. Der Planer hat sich für unterschiedlich breite Fichtenlatten entschieden, die als offene Schalung, das heißt auf Lücke gesetzt, das Holzhaus ummanteln. Diese Schalung setzt sich auch bei den bündig in der Fassade sitzenden Schiebeläden fort. Auch sie knüpfen wieder an das Bootshaus-Motiv an. Äußerlich unterstreicht das die Leichtigkeit des Holzaufbaus und wirkt lässig. Im Innern trägt es dem Bedürfnis nach Schatten und Sichtschutz Rechnung, ohne die Räume hermetisch von der Außenwelt abzuschotten.

Die Lattung der Fassade wie der Schiebeelemente vor den Fenstern ist unregelmäßig.

Das Haus ist zudem ein gutes Beispiel dafür, wie sehr es sich bezahlt macht, auch einen individuell geplanten Neubau nicht mit einem Maßanzug zu verwechseln. Es mag eine reizvolle Vorstellung sein, ein Haus ganz nach den momentanen eigenen Bedürfnissen zuzuschneiden. Planer sind jedoch gut beraten, die Tücken eines solchen Entwurfs klar zu benennen. Lebensverhältnisse ändern sich. Klaus Rothhahn jedenfalls hat für die Räume im Untergeschoss von Anfang an eine flexible Nutzung vorgesehen. Das sollte sich schneller bezahlt machen als gedacht. Denn nicht lange nach dem Einzug ist die Familie zerbrochen. „Es war die Frage, ob und wie ich das Haus halten kann“, sagt Rothhahn. Er hat daher das Büro im eigenen Haus aufgegeben. Arbeitsplatz, Teeküche und Besprechungsraum in der unteren Haushälfte dienen seit diesem Sommer nun als Ferienwohnung. Die kleine Einheit könnte auch dauerhaft vermietet oder doch wieder zum Büro werden: „Hier nicht festgelegt zu sein ist ein großer Vorteil.“

Genießen beste Aussichten. Klaus Rothhan und Sohn Fredrik.

Planung und Bau des Hauses gingen ziemlich zügig. Im Mai vor zwei Jahren verkaufte der Nachbar einen Teil seines Grundstücks, im September hatte Rothhahn die Baugenehmigung, und im Oktober begannen die Arbeiten. Im darauffolgenden Juli war der Bau fertig. Am Ort habe man das neue Haus sehr wohlwollend aufgenommen, freut sich der Eigentümer. Ein Anliegen war es ihm, dass sowohl die Garage als auch sämtliche Nebennutzungsflächen wie Müllplatz, Gartengerätelager und Fahrradstellplatz keine zusätzlichen Flächen des kleinen Grundstücks beanspruchen. Für all diese Anforderungen hat der Planer daher Platz im Sockel geschaffen. „Die schönste Garage ist ja ohnehin die, die man nicht sieht“, sagt er.


Für eines aber ist der Hausbesitzer dann doch bereit, noch ein paar Quadratmeter des Gartens zu opfern: eine Sauna. Mit dem Bau hat er begonnen, der hölzerne Kubus steht schon. Wann er fertig wird? „Mal sehen“, sagt Rothhahn, der immer, wenn er mal Zeit hat, daran herumwerkelt. „Nicht nur zu planen, sondern mal etwas ganz selbst zu bauen ist auch ganz schön.“

Querschnitt des Hauses

Das Haus Kurz und Knapp

Baujahr: 2017
Bauweise: Unter- und Erdgeschoss in Massivbauweise, Ober- und Dachgeschoss als Holzständerbau
Energiekonzept: Luft-Wasser-Wärmepumpe ohne Solarthermie
Wohnfläche: 215 Quadratmeter
Grundstücksgröße: 446 Quadratmeter
Baukosten: 650.000 Euro
Standort: Ammersee

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Quelle: F.A.S.