Ob Fassade oder Interieur

Warum wird so wenig mit Holz gebaut?

Von Birgit Ochs
 - 15:23
zur Bildergalerie

Eigentlich könnte es sofort losgehen, trotzdem muss Arne Olsson warten. Dabei hat der Mann an der Spitze des schwedischen Bauunternehmens Folkhem Wood nicht nur ein ausgereiftes Konzept parat, sondern auch ein echtes Vorzeigeprojekt. Das steht in gleich zweifacher Ausführung vor den Toren Stockholms in Sundbyberg, ist jeweils acht Geschosse hoch, innen wie außen ganz aus Holz und damit bisher einzigartig. Nur die Bodenplatte ist aus Beton. Balkone, Wände und Treppen – der ganze übrige Bau mit seinen je 31 Wohnungen besteht aus Massivholzmodulen, vorgefertigt und auf der Baustelle zusammengesetzt. Vom First bis zum Boden verkleiden zudem 5 Millimeter feine Schindeln aus kanadischer Zeder die Fassade von Strandparken, wie das Vollholzhausensemble heißt. So etwas wie Strandparken will Folkhem so schnell wie möglich und in weit größerem Stil bauen. Am besten 6000 Wohneinheiten für Stockholm. Einen entsprechenden Entwurf hat das Unternehmen dem Stadtrat präsentiert – alle Vorteile dieser Bauweise inklusive: gleiche Baukosten wie Beton, schnelle Bauzeit und vor allem eine hervorragende Umweltbilanz der Gebäude, nicht nur im laufenden Betrieb, sondern auch in der Herstellung.

„Riechen Sie den Holzduft?“

Die Vorzüge preist Folkhem regelmäßig vor den Besucherscharen aus dem In- und Ausland, die seit 2014 raus nach Sundbyberg pilgern, um sich dort ein Bild von den Holzhäusern zu machen. An diesem Februarabend hat Olsson, der seit 2016 mit seiner Frau selbst im neueren der beiden Bauten am Sickla Kanal wohnt, eine internationale Journalistengruppe zu Gast. Man sitzt in einem kleinen Tagungsraum im Erdgeschoss, während Marketingchefin Sandra Frank angesichts des Klimawandels die Notwendigkeit, in Holz zu bauen, leidenschaftlich beschwört und jeden Zweifel mit Zahlen, Diagrammen und Schaubildern niederringt. Sogar zur Schnüffelprobe ruft sie auf: „Riechen Sie den Holzduft? Was das mit den Menschen macht, die das täglich einatmen dürfen?“ Die Frage ist selbstverständlich rein rhetorisch.

Kein anderer Baustoff kann sich, was die Kohlenstoffdioxidbilanz angeht, mit dem natürlichen Material messen. Holz ist der einzige Werkstoff, bei dem kein CO2 ausgestoßen, sondern gespeichert wird. Und das Beste, der nachwachsende Rohstoff geht bei kluger Forstwirtschaft nicht aus. In Schweden etwa müssen für jeden gefällten Baum drei bis vier neue gepflanzt werden. „Wir haben heute doppelt so viel Wald wie vor hundert Jahren“, sagt Arne Olsson. Die 1000 Kubikmeter Holz, die in jedem Strandparken-Haus verbaut worden sind, „produziert der schwedische Wald in nur einer Minute.“

Alles also wunderbar. Eigentlich. Allein die Gelegenheit, den Wohnungsbau im Geschoss mit Holz nennenswert voranzutreiben, hat sich bisher noch nicht geboten. Denn die Stadt Stockholm, die das Bauland vergibt, zieht bei der Mission hölzernes Volksheim (Folkhem) nicht richtig mit. Zwar ist der Ehrgeiz der Schweden seit jeher groß, auf allen möglichen gesellschaftlichen Feldern vorbildlich zu sein. Staatlich gefördertes Bauen, das „Folkhem“ zu schaffen, hat im Land eine lange sozialdemokratische Tradition. Auch im heute omnipräsenten Begriff der „demokratischen Architektur“ wirkt sie nach. Dass die ihren Beitrag auch zu den Klimaschutzzielen leistet, gilt als selbstverständlich.

Außerdem ist der Holzbau in ganz Skandinavien Standard. Beste Voraussetzungen also? Nein, sagt der Folkhem-Chef. Mit welchem Ressourcenaufwand erreicht wird, dass die Energiebilanz eines Gebäudes rein rechnerisch im laufenden Betrieb stimmt, sei nämlich weitgehend egal. Und Holz ist auch in Schweden nur im Einfamilienhausbau gefragt oder wenn es um Kindergärten und ähnliche Zweckbauten geht. Bei Mehrfamilienhäusern jedoch seien die Vorbehalte hoch, die Bauvorschriften hinderlich und nicht zuletzt die Betonlobby übermächtig, klagt er. „Wir waren da anfangs etwas naiv“, räumt Sandra Frank ein.

Mehr als genug Leuchtturmprojekte

Dabei scheint die Zeit reif für den Holzbau. Alle Welt interessiert sich gerade für den natürlichen Baustoff, und kein waldreiches Land, das nicht mit mindestens einem Prestigeprojekt aufwartet. Auch wenn es sich dabei meist um keine reinen Holzbauten, sondern um sogenannte Hybridgebäude handelt. Um nur ein paar Beispiele zu nennen: In Wien wächst der 85 Meter hohe Wohnturm HoHo in die Höhe, im norwegischen Bergen steht seit drei Jahren schon ein immerhin mehr als 50 Meter großes Wohngebäude, und Kanada ist im Holzhochhausbau mit einem achtzehn Etagen zählenden Studentenwohnheim in Vancouver im Rennen. In eine ganz andere Liga sollen der „Oakwood Tower“ (300 Meter) in London und der „River Beech Tower“ (244 Meter) in Chicago vorstoßen.

An spektakulären Beispielen fehlt es nicht. „Leuchtturmprojekte haben wir wahrlich mehr als genug“ bilanziert der Berliner Architekt Tom Kaden, der zu den hiesigen Pionieren des urbanen Holzbaus zählt und gerade selbst an einem solchen Vorzeigeprojekt beteiligt ist: In Heilbronn baut die kommunale Wohnungsbaugesellschaft Stadtsiedlung den 34 Meter hohen „Scaio“ nach dem Entwurf des Büros Kaden+Lager, der mit seinen zehn Geschossen Deutschlands höchstes Holzhaus wird. „Es geht aber nicht um Rekorde, sondern darum, dass sich der Baustoff endlich im ganz normalen Wohnungsbau durchsetzt“, stellt Tom Kaden klar. Also unter den vier- bis achtgeschossigen Wohnhäusern. Genau dieser Gebäudetyp ist in der Holzvariante rar. „Hier liegen tatsächlich die größten Potentiale“, urteilt daher Karl-Heinz Roth, Vertriebsleiter von Züblin Timber.

Den Grund dafür, dass der Werkstoff auf diesem Gebiet bisher noch keine Rolle spielt, liegt nach Ansicht der beiden Holzbau-Experten an den Landesbauordnungen. Mit Ausnahme von Baden-Württemberg und Hamburg seien die Anforderungen an Mehrfamilienhäuser in Holzbauweise „absurd hoch“, kritisiert Kaden, und Roth moniert eine Benachteiligung: „Im Brandschutz wird weit mehr gefordert als eigentlich nötig.“ Die rechtlichen Hürden sind nicht die einzige Ursache dafür, dass der Holzwohnungsbau für die Masse nicht recht vorankommt. Nach Ansicht Kadens ist der Vorzug des Materials zugleich auch „sein Fluch“: Zu keinem anderen Werkstoff hat es in den vergangenen 50 Jahren mehr Innovationen gegeben, keiner ist so individuell und flexibel einsetzbar. Offenbar ist genau dort das Problem. „Jeder Anbieter entwickelt sein eigenes System, uns fehlen die Standards, und wenn wir die nicht schaffen, verspielen wir den Vorteil des Materials“, fürchtet der Architekt.

Gerade jetzt, wo Wohnraum in den Städten schnell, kostengünstig und mit guter Ökobilanz geschaffen werden soll, könnte Holz seinen großen Auftritt haben. „Wenn es darum geht, Gebäude aufzustocken, ist der Baustoff konkurrenzlos“, sagt auch Roth. Das liegt im Fall der Dachaufbauten an der Leichtigkeit des Materials wie an der Möglichkeit, mit weitgehend vorgefertigten Modulen zu arbeiten. „Der Holzbau steht erst vor seiner wirklichen Rückkehr in die Städte“, sagt Tom Kaden, der sich ausdrücklich gegen eine „Holzbauideologie“ verwahrt, sondern vielmehr je nach Bauaufgabe auch die Kombination mit anderen Baustoffen für sinnvoll hält. „Nur geschäumtes Erdöl, das geht gar nicht.“

Steht der Holzbau vor seiner Rückkehr?

Zusätzlichen Auftrieb hat das Thema ausgerechnet durch die Flüchtlinge bekommen, durch die sich in vielen Städten die Lage am Wohnungsmarkt noch verschärft hat. Nicht zuletzt im Zusammenhang mit seriellen Notunterkünften ist der Holzbau ins Spiel gekommen. Ein Blick zurück nach Schweden zeigt einen anderen Ansatz: Dort sucht die Gemeinde Knivsta im Großraum Stockholm-Uppsala eine langfristige Lösung. Mit der Königlichen Technischen Hochschule (KTH) in Stockholm und dem Kunst- und Raumlabor Färgfabriken als Initiator arbeitet die Stadt gerade an einem Prototyp von Mehrfamilienhaus. Das aus Holzmodulen errichtete Gebäude soll inklusive ausgebautem Dach vier Stockwerke hoch sein und sieben Mietwohnungen beherbergen. Als Standort hat die Kommune ein neues Wohngebiet vorgesehen. Damit das Haus dort optisch kein Fremdkörper wird, muss der Holzbau ein ortstypisches Satteldach haben, betont Hans-Petter Rognes, Geschäftsführer der örtlichen Wohnungsgesellschaft.

Anders als Folkhem mit seinen Eigentumswohnungen aus Vollholz verfolgt man in Knivsta keine Öko-Mission. Rein pragmatisch ist der Plan jedoch auch nicht. Vielmehr geht es um die sozialen Aspekte „demokratischer Architektur“: Integration und Teilhabe. Das günstige, selbstgebaute Eigenheim aus Holz habe ja eine lange Tradition in Schweden, sagt Jan Rydén von Färgfabriken. „Daran wollen wir anknüpfen.“ Die Idee für Knivsta heißt: „Self Build City“ – Flüchtlinge mit Kenntnissen in Architektur und Bauhandwerk sollen beim Bau des Prototyps mitanpacken. In der Entwurfsphase ist etwa ein aus Afghanistan stammender Planer beteiligt. Was die zukünftigen Bewohner angeht, wünsche man sich aber einen sozialökonomischen Mix, stellen die Macher klar – und hoffen, dass sich der Prototyp bewährt und das Beispiel Schule macht.

Arne Olssons Folkhem hat mit Strandparken die erste Bewährungsprobe hinter sich. Mittlerweile informierten sich auch Kommunen und Bauexperten aus China über das „Leuchtturmprojekt“ in Sundbyberg. „Das Interesse ist riesig“, sagt er – und wartet darauf, endlich in Serie zu gehen.

Ein Teil der Recherche für diesen Artikel wurde durch eine Einladung des Schwedischen Instituts ermöglicht.

Quelle: F.A.S.
Birgit Ochs
Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
TwitterGoogle+
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenStockholmWohnungsbauSchwedenSkandinavien