Alte Schönheiten

Tränendes Herz und Brennende Liebe verzaubern uns wieder

Von Christa Hasselhorst
 - 22:18
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Wie vieles andere unterliegen auch Blumen der Mode. Ein neuer Star im Beet ist beispielsweise das Argentinische Eisenkraut (Verbena bonariensis), dessen winzige violette Blüten auf hohen Stengeln durch unzählige Gärten und sogar öffentliche Anlagen schweben. Hübsch, durchaus. Aber was ist mit den vielen Blumen, welche die Gärten unserer Groß- und Urgroßeltern zierten, oder jenen, die im Mittelalter die Menschen entzückten? Obwohl es sie noch gibt, sieht man etliche kaum noch, weil sie als altmodisch gelten. Dabei kann altmodisch doch so wundervoll charmant sein.

Haben Sie etwa Madonnen-Lilien (Lilium candidum) im Garten? Wenn ja, Chapeau! Immerhin ist die Sorte die Königin aller Lilien. In Bauerngärten strahlt sie uns noch entgegen, doch sonst ist die Madonnen-Lilie kaum noch zu sehen. Dabei besitzt sie ein strahlendes Weiß (candidum heißt strahlend), ist von anmutig-imposanter Gestalt und bis zu 1,50 Meter hoch, besitzt eine extravagante kelchförmige Blütenform und dazu einen narkotisierend süßlichen Duft.

Bitte mehr davon ins Beet! Sie war eine schon bei den Griechen mit Mystik umrankte Blume, Symbol für Erhabenheit, später steht sie im Christentum für „unbefleckte Empfängnis“. Als Sinnbild der Reinheit eroberte sie die Klostergärten, gleichzeitig galt sie lange als Totenblume. Jenseits aller Symbolträchtigkeit ist sie schlicht wunderschön, bringt edlen Glanz in den Garten und ist bei aller divenhaften Optik recht pflegeleicht.

Fast völlig verschwunden ist die Levkoje (Matthiola incana). Selbst als Schnittblume auf dem Wochenmarkt wird sie immer seltener. Dabei war sie einst der Klassiker im Bauerngarten. Denn sie besitzt zauberhafte Blüten, zierliche Trauben dicht an dicht an langen Stengeln, in morbidem Violett, Cremegelb, verblichenem Rosé, kräftigem Purpur, am edelsten ganz in Weiß. Ihr charakteristischer Duft, schwer, würzig, eine Mixtur aus Nelken, Zimt, Muskat, ist umwerfend.

Dieses Aroma wurde schon im Altertum geschätzt, später kam die Pflanze aus Südeuropa und Kleinasien nach Nordwesteuropa. Den Burgfrauen des Mittelalters gefiel sie, galt sie doch als Zeichen dauernder Schönheit. In der Dichtung wurde sie als Symbol heiteren, befriedeten Daseins gefeiert. Ihre goldene Zeit erlebte sie im 18. Jahrhundert, kein Revers, kein Bukett, kein Ball ohne ihre intensiv duftenden Blüten. Obwohl die Einjährige nicht kapriziös ist und es neue gefüllte Sorten gibt – in kaum einem Garten blüht dieses Geschöpf noch. Ein Jammer, zumal ihr Duft abends besonders intensiv ist.

Die Sterndolde feiert ein fulminantes Comeback

Endlich wieder modern – ein dämliches Etikett – ist die Akelei (Aquilegia vulgaris). Diese grazile Pflanze von „elfengleicher Eleganz“, wie es in dem sehr empfehlenswerten Buch „Alte Pflanzenschätze“ von Dieter Gaißmayer und Frank M. von Berger heißt, bereichert jeden Frühlingsgarten. Einst als Heilpflanze im mittelalterlichen Klostergarten geschätzt, von Mystikern wegen ihres Pentagramm-Grundrisses in der Blüte verehrt, wurde sie im 16. Jahrhundert als Zeichen der Erlösung auf zahlreichen Gemälden abgebildet. Später schaffte sie dank ihrer fragilen Blüte mit den markanten Spornen den Sprung in die Bauerngärten. Von Mitte des 19. Jahrhunderts an war die Akelei, ob in kraftvollen oder pastelligen Tönen, unverzichtbar. Zu den elegantesten Sorten zählt bis heute die reinweiße ’Munstead Wood‘, benannt nach dem Wohnsitz samt legendärem Garten von Gertrud Jekyll, Englands berühmter Gartengestalterin. Inzwischen wird die Akelei, die schöne Schlampe versamt sich mit rasanter Geschwindigkeit selbst, in vielen Sorten gezüchtet, gefüllt, zweifarbig, in dunkelstem Purpurrot.

Seit die Sterndolde (Astrantia major) vor rund 20 Jahren auf der Londoner Chelsea Flower Show gleich von mehreren Designern als eleganter Akzent in die Showgärten gesetzt wurde, feiert sie ein fulminantes Comeback. Kein Wunder, sie bezaubert mit Dolden, die aus halbkugelförmigen Körbchen mit winzigen Blüten bestehen.

So hauchfein wie die Blüten sind die subtilen Farben, zartes Grün-weiß oder verwaschenes Rosa. Wohl schon seit dem 16. Jahrhundert ist die einstige Wildstaude in Europas Gärten präsent, wurde im berühmten „Hortus Eystettensis“ 1613 abgebildet. Mittlerweile gibt es auch Zuchtsorten in kräftigeren Farben, aber die edelste ist die erwähnte Urform.

Manche Blume besticht durch ihren Namen wie die „Brennende Liebe“ (Silene chalcedonica). Welch eine Verheißung! Sie macht ihrem Namen alle Ehre, Trugdolden voll vieler kleiner Einzelblüten leuchten weithin in intensivem Scharlachrot, weshalb sie auch Scharlach-Lichtnelke heißt. Die temperamentvolle Schönheit gelangte Mitte des 16. Jahrhunderts aus der Türkei nach Mittel- und Westeuropa. Johann Wolfgang von Goethe soll eine gefüllt blühende Form ’Rubra plena‘ verehrt und geschrieben haben, sie sei als Gartenschmuck das Schönste, was man sehen könne. Nur warum sieht man sie heute nicht mehr?

Ein romantisches Souvenir

Die zerbrechlichste Erscheinung aus Großmutters Garten ist die „Jungfer im Grünen“ (Nigella damascena). Zum Niederknien. Hauchzart sind die kleinen tellerförmigen Blüten, umrahmt von feinst geschlitzten Hochblättern in frischem Grün – was einst die aufgelösten Haare einer jungen Frau assoziierte. Es gibt sie in Rosa und Weiß, am schönsten ist die einjährige Sommerblume aber in einem Blau, so hell und heiter wie ein Tintoretto-Wolkenhimmel. Nach der Blüte bilden sich ballonförmige Kapseln mit schwarzen Samen, die leicht giftig und daher nicht essbar sind, im Gegensatz zum verwandten Schwarzkümmel (Nigella sativa), der seit Jahrhunderten in vielen Kulturen als Heilmittel gegen Krankheiten jeglicher Art gilt. Die aus dem Mittelmeerraum, vermutlich aus Damaskus, stammende Pflanze eroberte vom 16. Jahrhundert an unsere Gärten. Doch dann verdrängten Blumen mit kräftigeren Farben und imposanteren Blüten das grazile Geschöpf. Um 1900 herum verschmähte es der Berliner Naturforscher Carl August Bolle als altmodisch. Da ließen junge Frauen einen Verehrer vielleicht schon anders abblitzen als mit dieser Blume, die lange als Zeichen der Ablehnung einer Liebeswerbung galt. Bolles Verdikt ist passé, heute schätzen Kenner dieses blühende Kleinod wieder. Am wirkungsvollsten beeindruckt es als großflächiger, wie feinste Stickerei wirkender Teppich.

Das romantischste Souvenir ist das Tränende Herz (Dicentra spectabilis). Fragil wie aus Bone-China-Porzellan – und aus China, Sibirien und Korea stammt diese Exotin auch. Der schwedische Botaniker Carl von Linné kultivierte 1765 im Botanischen Garten Uppsala erste Exemplare. Doch erst dank des Pflanzenjägers Robert Fortune, der sie 1846 – ein zweites Mal – aus China nach England brachte, begann ihr Siegeszug durch Nordeuropas Gärten. Wie sollte man sie auch nicht bewundern, diese Frühlings-Schönheit mit gebogenen Rispen, an denen wie eine Kette aufgereiht einzelne Blüten in Herzform hängen? Noch dazu in Rosarot. In Deutschland war sie bald eine „ziemlich verbreitete Prachtpflanze“, schrieb 1856 der Botaniker Eduard von Regel in seiner Zeitschrift „Gartenflora“. Furore machte 1859 die Züchtung ’Alba‘, noch exquisiter durch Blütenherzen in strahlendem Weiß. Anrührend, unschuldig, daher wird sie in Frankreich Cœur de Maria, „Herz der Maria“, genannt. Sie schenkt einem Beet Noblesse im Gegensatz zur leicht kitschigen rosaroten Art. Ob Weiß oder Rosé – das Tränende Herz gehört zum Frühlingsgarten.

Ebenso das Maiglöckchen (Convallaria majalis), Jahrhundertelang ein Bestseller im Beet. Eine symbolträchtige Pflanze seit dem Mittelalter in der christlichen Religion, einst wichtige Arzneipflanze, später beliebtes Ornament in der Kunst – der „Maiblumenstil“ – und vor allem im Jugendstil und die Hochzeitsblume überhaupt. Der eigentümlich süße Duft inspirierte zu berühmten Parfüms. In Paris wurde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Frühlingsbotin als Glücksbringer hymnisch gefeiert: „Dieser Kult bringt die ganze Bevölkerung in Aufruhr, dicht gebündelt überfluten die weißen Glöckchen schäumend die Marktgestelle, ihre langen grünen Blätter tragen sie gleichsam als Krone“, beschrieb es die Schriftstellerin Colette. So beliebt dieses artifiziell aussehende Juwel auch ist, aus unseren Gärten verschwindet es mehr und mehr. Neben der reinen Art gibt es Liebhabersorten wie die gefüllte ’Pleniflora‘, eine historische Kostbarkeit aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, oder die Sorte ’Striata‘. Die verblüfft durch auffälliges Laub mit weißen Längsstreifen. Wenn Sie demnächst im Gartencenter nach gestreiften Maiglöckchen fragen, lassen Sie sich von der Antwort „Wir haben nur karierte“ nicht aus der Fassung bringen – es gibt sie wirklich.

Gärtnereien mit historischen Stauden

Dieter Gaißmayer, Illertissen;

Arends Maubach, Wuppertal;

Annemarie Eskuche, Ostenholz;

Gräfin von Zeppelin, Sulzburg-Laufen;

Stauden Stade, Borken

Quelle: F.A.S.
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