Bohren, Sägen, Rasen mähen

Heimwerker-Sinfonien im Reihenhausgarten

Von Christa Rosenberger
 - 10:37

Wochenende. Die Sonne lockt, es riecht nach Sommer, Grillkohle und Gartenglück im Liegestuhl. Den Alltagsstress hinter sich lassen. Lesen, dösen, träumen, Bilder im Kopf, Gedanken auf die Reise schicken. Ach, wenn das nur so einfach wäre.

Es fängt harmlos an. Vom Eckgrundstück niest und hustet einer, dreimal, viermal, fünfmal, laut wie Trompetenstöße. Böse Bronchitis oder Heuschnupfen und Pollenallergie?

Kaum ist die Niesattacke verklungen, tönt ein sonores Brummen. Als es schriller wird, stiebt das Rotschwänzchen erschreckt vom Kräuterbeet hoch, reißt sich los von Liebstöckel, Lavendel und den Läusen. Der Rasenmäher vom Nachbarn gegenüber ist in Aktion. Ein Benziner, den man nicht nur hört, sondern auch riecht. Unbeirrt ratternd zieht er seine Bahnen. Wurde nicht erst vor ein paar Tagen das grüne Paradies malträtiert? Augen schließen, an etwas anderes denken. Dann endlich Stille, freilich nicht lange. Weiter hinten kreischt jetzt eine Säge, scheppert Metall, splittert Holz. Nur nicht nervös werden und auch das zeitgleiche Summen eines Kärchers einfach ignorieren, ein Buch in die Hand nehmen – einatmen, ausatmen. Entspannen.

Eine Weile ist es ganz ruhig, abgesehen von den Stimmen der beiden Nachbarinnen, die lautstark darüber diskutieren, ob die Benutzung von Schneckenkorn ökologisch vertretbar sei.

Goethe liebte die Klänge aus dem Garten

Ein leichter Wind kämmt die Grashalme, bläst einem Schmetterling Rückenwind zu, so lange, bis eigentümliche Klopfzeichen über Taxus und Thuja wehen, regelmäßig, treffsicher und exakt wie der Aufschlag bei einem Tischtennisspiel. Schwer zu lokalisieren, woher sie kommen. Aber sie nerven, wie der berühmte Wassertropfen. Ping, ping, unruhiges Warten auf das Pong, das eigene Herz pocht im gleichmäßigen Rhythmus mit. Dann wieder Stille. Gott sei Dank. Nur zwei Amseln, die in Stereo flöten, Bienen, die das Blumenbeet umsummen, und das kurze Gezeter einer Krähenfraktion im Wildkirschbaum.

Wie schön es ist, in die Sonne zu blinzeln und den Wolken zuzuschauen. Nachdenken über die Qualität von Gartengeräuschen in unserer Zeit und aus fernen Tagen. Der feinsinnige Jüngling Johann Wolfgang von Goethe liebte anno 1769 das Getöse der Gewitter, die vom Main her aufzogen, und das Glockengeläute der alten Leonhardskirche. Seine Sehnsucht entzündete sich am heiteren Gelächter der Nachbarn, die sich in ihren Gärten ergötzten, am Spiel der Kinder, am Lustwandel feiner Gesellschaften und am Rollen der Kegelkugeln.

Was war das jetzt? Kein heiteres Gelächter, dafür dringt ein langgezogenes Zischen über Rosenbeet und kriechenden Knöterich – nimmt ab, schwillt an. Der Nachbar von rechts steht auf dem Dach seines Reihenhauses mit dem Bohrer in der Hand und trifft letzte Vorbereitungen für das Anbringen einer riesigen Satellitenschüssel. Irgendetwas scheint nicht zu klappen; der Mann wirkt ratlos, der Arbeitsvorgang wird abgebrochen. Dafür ein neuer Rasenmäher, diesmal von links, ein altersschwacher Kasten, den Schluckbeschwerden plagen und der husten und rülpsen kann und demnächst durch einen Mähroboter ersetzt werden soll.

Nicht aufregen

Gleichzeitig sind nun neue, quietschende, schnarrende Laute zu hören. Herr S.! Muss er ausgerechnet heute, am Samstag, seinen Jägerzaun neu streichen? Und dazu das Holz abschleifen? Nicht hinhören, nicht aufregen . . .! In den Pausen, die der Nachbar einlegt, ertönen Hammerschläge, die nicht einzuordnen sind. Kommen sie vom Eckhaus auf der anderen Straßenseite oder drüben von den Leuten mit der roten Markise, die neulich stolz ihren Erwerb eines Moosrupfers und Bodenhackers vorführten? Egal, sie überdröhnen alles, sind quasi die Pauken in der Sommersinfonie für Rasenmäher und Stichsäge, Schlagbohrer und Heckenschere.

Ungebrochen ist die Kreativität der Tüftler, Heimwerker und Häuslebauer nach Feierabend und an den Wochenenden, wenn sie selbst dem Lärm in der Stadt und am Arbeitsplatz entronnen sind. Ungebrochen auch der Drang von gestandenen Bankern und freizeitverkleideten Büromenschen, aus ihren Hobbykellern zu kriechen und ihren Krach nach draußen zu verlegen, sobald die Lüfte lind geworden.

Jetzt spielen sie den letzten Satz in der Heimwerker-Sinfonie. Noch einmal rattern furios die Motoren, dann steigen Bratwurstdüfte in die Nase, und es sind nur noch die Kinder Philip und Emilia zu hören, die juchzend auf einem Trampolin herumhopsen, während ihr Hund Thomy begeistert dazu bellt. „Ruhe!“, brüllt jemand.

Quelle: F.A.S.
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