Inspiration aus England

Im Garten des Sir Winston

Von Christa Hasselhorst
 - 19:21
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Chartwell ist ein malerischer Landsitz südlich des Örtchens Westerham in der Grafschaft Kent. Der idyllische Garten ist jedoch nicht der alleinige Grund, warum das Anwesen zu den meistbesuchten Orten des an grünen Juwelen reichen National Trust gehört, der sich in England, Wales und Nordirland um Denkmalpflege und Naturschutz kümmert. Denn Chartwell war die private Zuflucht von Winston Churchill, hier konnte Englands größter Staatsmann des 20. Jahrhunderts (Sorry, Mrs. Thatcher) der Welt und den politischen Rankünen Londons abhandenkommen. Hier durfte er Familienmensch, Maler, Schriftsteller, Bauer, Rosenliebhaber und Handwerker sein. Im Reiseführer wirkt Chartwell so zauberisch abgeschieden. Vor Ort entzaubert die Realität den heutigen Besucher zunächst. Denn Sir Winston war, ist und bleibt wohl auch der Nationalmythos Englands.

Also bewegt man sich mit Kolonnen von Churchill-Bewunderern aus aller Welt durch Haus, Park und Garten, auf den Spuren seiner Aura. Doch die Aussicht von der Terrasse des herrschaftlichen, auf einer Anhöhe thronenden Backsteinhauses versetzt flugs wieder in romantische Stimmung. Der Blick schweift über sanft geschwungene, sattgrüne Hügelchen und Täler, weit unten glitzern zwei Seen.

Landsitz mit 23 Hektar Land plus acht Hektar Garten

Genau diese Aussicht war es, die Churchill beim ersten Besuch von Chartwell 1921 verzauberte: „Er schaute vom Haus über die Hügel und war vom ersten Moment an gefesselt von dem großartigen Panorama“, erinnerte sich seine Tochter Mary. Vielleicht lag die Sensibilität für beeindruckende Landschaften Winston Spencer Churchill im „blauen“ Blut. Er wurde 1874 in Blenheim Palace (Oxfordshire) geboren, Wohnsitz seines Großvaters, des siebten Herzogs von Marlborough. Blenheim, im frühen 18. Jahrhundert erbaut, gilt als eines der grandiosesten Schlösser Englands – mit ebensolchem englischen Landschaftspark, überformt vom Landschaftsarchitekten Lancelot Capability Brown. Der kleine Winston verbrachte glückliche Tage in diesem Paradies: „Es ist so schön auf dem Lande, in diesen Gärten und Parks zu spazieren ist viel schöner als im Hyde Park“, schrieb der Siebenjährige an seine Mutter.

Chartwell, ein Landsitz mit 23 Hektar Land plus acht Hektar Garten, wurde 1922 von Winston und Clementine Churchill erworben. Wunderbares Landleben, nur 40 Kilometer von Westminster entfernt. Der Architekt Philipp Tilden vergrößerte und renovierte das dreigeschossige Haus aus dem 16. Jahrhundert repräsentativ mit typischen hohen Kaminen. Den Garten nahm der neue Hausherr selbst in die Hand. Er packte tatkräftig selbst an, nebenbei machte er eine Maurerlehre. Höhen und Tiefen seiner Politikkarriere bewältigte er nicht mit Golfspielen, sondern indem er in Chartwell Ziegelmauern auftürmte. Sein blauer Baumwoll-Overall ist heute noch zu bestaunen. Ob er dabei auch seine legendäre nachtblaue Fliege mit weißen Tupfen trug? Da hebt Phoebe, eine der Führerinnen, die Schultern.

Ein Halbkreis aus von Farnen überwachsenen Sandsteinen

Immerhin stammen die roten Backsteinmauern, die den Küchengarten schützend umgeben – ein klassischer „walled garden“ –, aus der Hand Churchills. Kein Kleckerkram, die Mauern sind 2,50 Meter hoch und entlang eines Hangs angelegt. Englands ruhmreichster Politiker baute in Do-it-yourself-Manier auch ein Häuschen namens „Marycote“ für Tochter Mary und eines für seine Hühner, „Chickenham Palace“ getauft. „Es ist sehr wichtig, Tiere, Blumen und Pflanzen im Leben zu haben“, schrieb der bekennende Naturliebhaber an seine Frau Clementine.

Wein überwuchert eine Pergola, blassblauer Blauregen schäumt über alte Mauern, Wogen aus Rosen und Clematis zieren die Mauern des Küchengartens. Dessen Ernte versorgte während der Kriegsjahre die sechsköpfige Familie Churchill samt Personal, sogar in Downing Street Nr. 10 genoss man frisches Gemüse und Obst von dort. Heute wird beides für Chartwell-Besucher im „The Landemare Café“ angeboten.

Stück für Stück fügte sich der Garten den Hang hinunter zu einem harmonischen Ganzen. Ob Churchill für seine Gestaltung auch Tipps der befreundeten Nachbarin Vita Sackville-West annahm? Die prominente Gärtnerin traf öfters bei Diners mit der Familie zusammen, vergötterte Winston geradezu, wie ihre Biographin Victoria Glendinning schreibt: Churchill sei die einzige Person, „mit der ich jederzeit durchbrennen würde, wenn er mich fragte!“ Clementine Churchill jedenfalls besaß einen exquisiten Geschmack für Kombinationen von Farben und Stauden. Sie legte gemeinsam mit einer gartenerfahrenen Cousine einen formalen Rosengarten an, vier quadratische Beete mit einem Kreuzgang. Die Rosen entsprachen der Mode jener Zeit, heute betören ähnliche Sorten wie ’Ice cream‘ und ’Pink parfait‘.

Dazu pflanzte Clementine charakteristische Mixed Border in sanften Pastelltönen, mit Königs-Lilien (Lilium regale), glockenblütigem Bartfaden (Penstemon), zartblauer Säckelblume (Ceanothus), Fuchsien und Pfingstrosen. Von einem Steingarten war sie 1948 auf der Londoner Chelsea Flower Show so begeistert, dass der Designer Gavin Jones ihr den kompletten Garten schenkte, nur den Transport musste sie bezahlen. Chartwell war um eine Attraktion reicher: ein Halbkreis aus von Farnen überwachsenen Sandsteinen, umspült von einer Wasser-Kaskade, die im darunterliegenden ovalen Swimmingpool mündete.

Schwarze Schwäne und orangefarbene Goldorfen

Eigentlich könnte man Churchill als visionären Vorreiter eines ökologischen, naturnahen Gartens bezeichnen. Er war ein großer Liebhaber von Schmetterlingen – das 1946 von ihm errichtete Schmetterlingshaus wurde 2010 vom National Trust renoviert – und so lockten viele Blumen als nektarreiches Buffet für die prächtigen Falter: Sommerflieder (Buddleja davidii), Prächtige Fetthenne (Sedum spectabile), Rote Spornblume (Centranthus ruber), Strauchveronika (Hebe) und Lavendel. Er begünstigte die Tierwelt, wo immer es ging: Wiesen wurden erst spät gemäht, damit Wiesen-Schaumkraut, Margeriten, Kornblumen und Klee wachsen konnten, Grasscheiben unter Bäumen blieben ungemäht als Wurzelschutz und Schutzraum für Insekten. Der leitende Gärtner des National Trust führt die Regeln des berühmten Besitzers heute enthusiastisch fort.

Fasziniert von Wasser, schuf Churchill neben dem vorhandenen einen weiteren, organisch geformten See. Darauf schwammen, ein Geschenk der australischen Regierung, schwarze Schwäne; auch heute ziehen wieder welche ihre Kreise – eine magische Szenerie. Ebenso wie die Goldfische und orangefarbenen Goldorfen im Fischteich. Der wurde sein favorisierter Platz, Fische füttern und aufs Wasser schauen – dabei konnte Churchill gut entspannen. Bambus, Mammutblatt (Gunnera manicata), Zwergmispel, Ahorne und Hortensien rahmen fast dschungelartig das Gewässer, nicht weit davon zieht im Frühling eine grandiose Tulpen-Magnolie (Magnolia soulangeana) mit zartrosa Blüten die Blicke auf sich.

Im noblen Schlafraum von Lady Clementine

Vom Küchengarten führt eine von Salomons-Siegel (Polygonatum odoratum) und Funkien gesäumte Allee in den Obstgarten, in dem Churchill viele Apfel- und Birnbäume pflanzen ließ. Nach einem starken Sturm 1987 wurden viele neu gesetzt. Darunter auch die Apfelsorte ’Winston‘, der einstige ’Winterking‘ wurde 1945 als Hommage in ’Winston‘ umgetauft. Der Küchengarten wird durchkreuzt vom spektakulären „Golden Rose Walk“. Er wurde 1958 von Churchills Kindern zur goldenen Hochzeit der Eltern angelegt. Der lange schmale Pfad ist beidseitig mit 52 Rosensorten bepflanzt, Strauch- und Hochstamm-Rosen, – alle in schimmernden Gold-Gelb-Nuancen, very sophisticated. 2015 pflanzte der National Trust wieder die Sorten von einst. Aparten Kontrast schenkt die Unterpflanzung mit üppiger violetter Katzenminze und silbergrauem Wollziest.

„Churchill war Rosenliebhaber“, versichert Phoebe, doch seine Favoritin sei die Amaryllis gewesen. Die Tour durch das Haus ist ein Muss: Hier entfaltet sich Weltgeschichte sinnlich, hautnah zum Anfassen. Das gesamte Interieur, ein gelungener Mix aus wuchtigem Barock und elegantem Art déco, ist original belassen. Viele Memorabilia, Geschenke, Bücher geben einen intimen Einblick in das Privatleben. Im glamourösen, lichtdurchfluteten Dining Room mit Gartenblick speisten unter anderem Charlie Chaplin und Albert Einstein. Das Arbeitszimmer des großen Politikers wirkt, als käme der Hausherr gleich mit einem Whiskyglas bewaffnet um die Ecke geschlurft. In einem wuchtigen Kristallaschenbecher ruht eine dicke, halbverpaffte Zigarre, sein unverzichtbares Accessoire. Sie bleibt kalt – es würde das süße Aroma der pastellfarbenen Wicken zerstören. Die stammen aus prachtvollen Stauden-Beeten im Küchengarten. Viele Räume der Pilgerstätte werden mit frischen Bouquets geschmückt. Nostalgische Sträuße im Country-Style mit Schmuckkörbchen, Akelei oder Dahlien, wie sie über vierzig Jahre lang dem Haus Charme gaben. Im noblen Schlafraum von Lady Clementine bezaubert stets ein Strauß ganz in Weiß, ihrer Lieblingsfarbe.

„Ein Tag jenseits von Chartwell ist ein vergeudeter Tag“

Der zweimalige Premierminister Churchill war ein begnadeter Schriftsteller – 1953 erhielt er den Nobelpreis für Literatur und wurde zum Sir geadelt – und obendrein ein durchaus talentierter Maler. Viele seiner Werke, insgesamt über 500, sind in Chartwell in seinem Studio, einen eigenen Gebäude nahe der Seen, zu bewundern. Oft malte er Blumen und die Landschaft rund um seinen geliebten Landsitz. Sein Gemälde des Goldfischteiches wurde sogar mit weiteren in der Royal Academy of Arts ausgestellt.

1946 stand Churchills geliebtes Chartwell aus Finanznöten kurz vor dem Verkauf. Doch großzügige Freunde kauften den Landsitz und übergaben ihn dem National Trust mit der Auflage auf lebenslanges Wohnrecht für die Familie. Ein Jahr nach Churchills Tod 1965 öffnete der National Trust das gesamte Anwesen als Museum. Aktuell ist der prominente Politiker dank des für zahlreiche Oscars nominierten Films „Die dunkelste Stunde“ wieder im Gespräch. Bereits 2002 wurde ein Churchill-Film gedreht, „The Gathering Storm“, mit vielen Szenen am Originalschauplatz Chartwell. Der ist auf jeden Fall eine Reise wert, origineller und authentischer lässt sich Geschichte nicht erfahren. „Ein Tag jenseits von Chartwell ist ein vergeudeter Tag“ – man kann Churchill verstehen.

Quelle: F.A.S.
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