Rhododendron im Garten

Oh, ihr Laubschönen

Von Christa Hasselhorst
 - 07:48
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Einfach prächtig, diese Bälle, die aus vielen einzelnen zarten Blüten geformt sind. Jetzt zur Blütezeit überwältigen Rhododendren mit Explosionen von Blüten in Farben wie kostbare Edelsteine, Violett, Rosa, Lachsfarben, Zitronengelb, Purpur, Rot und elegantes strahlendes Weiß. Mal kräftig, mal in hauchzarten Pastelltönen, manchmal auch zweifarbig. Keine Hecken schenken grandioseren Anblick zur Blüte und bieten gleichzeitig blickdichten ganzjährigen Sichtschutz.

Die immergrünen Rhododendren sind das noble grüne Bollwerk der Bourgeoisie. Nirgends eleganter zu bewundern als an der Hamburger Elbchaussee, wo die anglophilen Hanseaten sich hinter ihren hohen Büschen diskret verschanzen. In Südengland wiederum gibt es nichts Romantischeres, als im Mai gemächlich über schmale kurvenreiche Landsträßchen zu zockeln, beidseitig gerahmt von haushohen Wällen aus blühenden Rhododendren.

Das Gewächs ist seit langem ein Klassiker im Garten und gilt für viele als unverzichtbares Highlight, ob als Solitär oder wogende Hecke. Doch die exotische Extravaganz der Blüten ist gleichzeitig sein Makel: zwei Wochen ein kurzer farbenfroher Rausch – und dann? Fünfzig Wochen grüne Langeweile. Nein, wer so mäkelt, schaut nicht genau hin – und kennt jene Sorten nicht, die mit interessantem Laub in vielen Nuancen und Formen punkten und damit völlig neue Akzente und Gartenbilder schaffen. Da schimmern Blätter silbrig, glänzen bronzefarben oder geheimnisvoll stahlblau, haben zimtfarbene Unterseiten und alle samtig-pelzig behaarte Oberseiten.

Die Rede ist von Rhododendren mit Indument-Blattwerk. „Laubschöne“ nennt sie liebevoll Hartmut Schepker. Der Direktor des Bremer Rhododendronparks ist ein echter „Rhodoholic“ und missionarisch aktiv, um die Attraktivität dieser noch als Geheimtipp geltenden Spezialitäten möglichst vielen Gartenbesitzern ans Herz zu legen. Denn sie sind alle Schönheiten auf den zweiten Blick mit viel Potential weit über die Blühphase hinaus.

„Das ist kein Pilz!“

Angefangen hat es vor rund dreißig Jahren ausgerechnet in Skandinavien. Ein schwedischer Rhododendron-Anhänger verblüffte in einem Artikel mit dem Bekenntnis: „Wir lieben Rhodos vor allem wegen ihrer Blätter.“ Zwei erfahrene dänische Züchter, Svend Hansen und Jens Birck, erwarben Saatgut von den schönsten Indument-Wildarten aus dem Himalaja, um sie in langer liebevoller Züchtung zu kultivieren. Es entstand eine komplett neue Reihe von Sorten, die alle den Beinamen „Dane“ erhielten. Auch andere Züchter, darunter Deutsche wie Holger Hachmann, widmeten sich der Kultivierung von neuen Blatt-Beauties. Die berühmteste, der Superstar, stammt aus der Mitte des 20. Jahrhunderts: ’Koichiro Wada‘ vom gleichnamigen japanischen Züchter. Er entdeckte 1934 die Wildart Rhododendron yakushimanum und schuf daraus eine Auslese, die im Mai/Juni mit zarten dunkelrosa Knospen, die geöffnet reinweiß verblassen, begeistert. Die Oberseite der Blätter ist silbrigweiß bis beige, behaart im Austrieb, wandelt sich später in tiefstes Dunkelgrün, die Unterseite hat samtige rotbraune Beharrung. Ein kleines Gesamtkunstwerk, das 1947 auf der Chelsea Flower Show London eine Sensation war. Damit begann der Siegeszug der Yakushimanum-Hybriden, die dank guter Winterhärte, ihres langsamen, kompakten Wuches, verbunden mit enormer reizvoller Blütenfülle, gerade heute in den immer kleiner werdenden Gärten geschätzt werden.

Wenn beim Rhododendron die Blüte vorüber ist, kommt Ende Juni bis Mitte Juli der neue Austrieb. Bei den Indument-Sorten bildet sich dann der typische, samtig-haarige Überzug. Um Missverständnisse zu vermeiden: „Das ist kein Pilz, bitte ja nicht abreiben!“, klärt Schepker auf. „Ich habe schon öfters erlebt, dass Menschen davorstanden und fragten: Oh je, haben die Mehltau?“ Mitnichten: Das ist ein Haarkleid. Diese Arten wachsen in der Natur unter freiem Himmel und müssen eine hohe Strahlungsmenge verkraften. Die Haare bilden also einen wunderbaren natürlichen UV-Selbstschutz. So können junge Blätter ausreifen, verhärten und eine Schutzschicht bilden. Der Vorteil dieser Schutzschicht bedeutet auch, dass diese Sorten zumindest im Norden Deutschlands für vollsonnige Standorte geeignet sind, versichert Schepker.

Dieses Indument bleibt bei den meisten Rhododendren auf der Oberseite temporär, bei auffälligen Sorten wie ’Silver Dane‘ hält sich der beigefarbene Laubaustrieb bis in den Oktober hinein. Der Star ist ’Silbervelours‘, wo sich das untere wollige Haarkleid zimtbraun färbt, das Indument auf der Oberseite schimmert kostbar silbrig-weiß-beige bis in den Herbst. Durch einen dekorativen Austrieb mit erst silbrigem, dann Bronzeton überzeugt ’Rusty Dane‘, die Sorten ’Queen Bee‘ und ’Teddy Bear‘ bestechen mit einem aparten beige- bis zimtfarbenen Blattschmuck. Ins Auge sticht ’Wolly Dane‘ mit fast fuchsrotem Indument. Hinzu kommen Sorten wie ’Hydon Velvet‘, deren Austriebe aussehen wie mit Zimt bestreut.

Heimat in Asien

Zudem plädiert Schepker für Rhodos – mit oder ohne Indument – mit sehr schmalen Blättern, da reicht das Spektrum von verblüffend schmalen, am Rand gebogenen Blättern wie bei ’Fuju-kaku-no-matsu‘ bis zu ’Needle Dane‘ mit wahrlich nadelspitzem Laub. „Diese gesamte Palette bietet tolle Aspekte, die weit über die Wirkung des normalen Rhododendron-Grüns hinausgehen“, ist Schepker begeistert und verweist auf „ganz neue aufregende Mischungen mit Stauden und Gräsern“. Vorausgesetzt, diese vertragen den gleichen sauren, lockeren Boden wie Rhododendron (ideal ist ein ph-Wert zwischen 4,5 und 5,5) und eher halbschattige Standorte. Inkarho-Züchtungen hingegen sind kalktolerant und gedeihen auch auf Böden mit höherem ph-Wert.

Schepker empfiehlt kühne Kombinationen von Indument-Sorten mit rotlaubigen Pflanzen wie Schwarzem Holunder, Sambucus nigra ’Black Lace‘, diversen Ahornsorten oder den Silberkerzen Cimicifuga ’Black Negligee‘. Auch Gräser wie Segge (Carex), Hirse (Panicum virgatum) oder Pfeifengras (Molinia caerulea) setzen ungewöhnliche Akzente.

Der Klassiker zum silbrig-weißen Laubaustrieb dieser Immergrünen sind blaublättrige Funkien wie die stahlblaue Hosta ’Krossa Regal‘. Spektakuläre Effekte ergeben sich mit Felsen und Steinen und vor allem, wenn man die Laubschönen erhöht pflanzen kann, denn dann lässt sich die Färbung auf der Blattunterseite ganzjährig genießen. Also möglichst nah ans Haus setzen, damit man sich im Winter an diesem besonderen Schauspiel der Natur erfreuen kann. Die meisten der Indument-Züchtungen sind winterhart bis unter minus zwanzig Grad. Sie haben laut Schepker ein weiteres großes Plus: „Sie sind bisher unempfindlich gegen Schädlinge wie Andromeda-Netzwanze und Rhododendron-Zikade.“

Im Park in Bremen schuf er im „Yaku-Tal“ mit den Laubschönen spannende Szenerien. Als Bezugsquellen empfiehlt er Züchter im Ammerland, die sich darauf spezialisiert haben: Hachmann, Stockmann und Schnupper. Das Ammerland ist nicht nur die Baumschulregion Deutschlands, es gilt auch als El Dorado für den Anbau von Rhododendron.

Die Heimat der Rhododendren ist Asien: Japan, Sumatra, Malaysia und vor allem das Himalajagebiet, wo sie in wogenden Wäldern ganze Hügel bedecken. Selbst in Höhen bis zu 5800 Metern gedeiht diese Pflanze noch. Es gibt geschätzt allein über tausend Wildarten. Abenteuerlustige Pflanzenjäger brachten gegen Ende des 18. Jahrhunderts die ersten Exemplare aus Asien nach England, wo sie wegen des milden Seeklimas üppig gediehen.

Entweder man hat einen oder man will ganz viele

Schnell eroberte der Rhododendron die ganze Welt. Dank züchterischer Erfolge für Nordeuropa winterhart getrimmt, avancierte er zunächst zum Statussymbol und Aushängeschild des gehobenen Bürgertums. Mittels vieler neuer Kultivierungen – es soll inzwischen mehr als zehntausend geben – gelang ihm im 20. Jahrhundert der Sprung vom Himalaja über die herrschaftlichen Parks in die Gärten von jedermann, in Hinterhöfe und Schrebergärten.

Rhododendren können süchtig machen. Entweder man hat einen, oder, wenn der Platz reicht, man will ganz viele. Ob tollkühner Farbmix oder minimalistisch nur ein Ton, das ist Geschmackssache. Wer einmal in einem japanischen Garten wogende Rhodo-Haine in reinem Violett erlebte, der schätzt die Kunst der Beschränkung.

Als Einstieg in den Rhododendron-Rausch empfehlen sich Besuche in Parks, die mit majestätischen Exemplaren dieser blühenden Juwelen auftrumpfen. Es gibt in Deutschland etliche sehenswerte Rhodo-Sammlungen, darunter der Rhododendronpark Bremen, der mit rund 650 Arten und 3500 verschiedenen Züchtungen die zweitgrößte Sammlung der Welt ist. In Niedersachsen gibt es zudem den Hobbie-Park in Westerstede, ein romantischer Märchenwald mit über 100 Jahre alten, haushohen Rhododendren. In Westerstede findet zudem alle vier Jahre Europas größte Rhododendron-Schau, die „Rhodo“ statt (10. bis 21. Mai.) In Gristede zeigt die Baumschule Bruns 1000 verschiedene Arten und Sorten Rhododendren und Azaleen, eingebettet in botanische Raritäten und Solitärgehölze. In Essen bietet sich ein Abstecher in den malerischen Park rund um die Ende des 19. Jahrhunderts erbaute Villa Hügel an. Dort finden sich überraschend Schluchten und Täler mit gigantischen Rhododendren-Wällen. Und im sächsischen Kromlau beeindruckt der 200 Hektar große Schlosspark, Mitte des 19. Jahrhunderts angelegt, mit seinen mehr als 100 Jahre alten Rhododendren, Azaleen und vielen Baumraritäten.

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Quelle: F.A.S.
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