Da baut sich was zusammen

Von BIRGIT OCHS und FRANK RÖTH (Fotos)

01.06.2018 · Wer sich einer Baugemeinschaft anschließt, braucht gute Beratung, rechtliche Absicherung und Durchhaltevermögen. Das hat sich auch für eine Gruppe im südpfälzischen Landau ausgezahlt.

„I mmer herein, die anderen sind schon da.“ Ruth Weber-Schädler lacht und winkt den Besuch zu sich in den Aufzug. Eben stand der Besuch noch draußen auf der Straße vor dem mehrgeschossigen Wohnkomplex, blickte suchend vom linken zum rechten Trakt, dann auf das Treppenhaus, das wie ein kleiner Turm zwischen den Gebäuden steht. Wohin? Die Frage hat sich erübrigt. Schon gleitet der Fahrstuhl hinauf in den ersten Stock, wo Ruth Weber-Schädler zu Hause ist. Dort sitzt ihr Mann Arno mit den gemeinsamen Mitstreitern Diethard Wehn, Elke Trauth und Peter Fern um den Esstisch. Man könnte sagen, die treibenden Kräfte der Baugemeinschaft Wohnpark I haben sich versammelt. Mal wieder.

Treibende Kräfte: Elke Trauth, Diethard Wehn, und Architekt Peter Fern (links) mit ihren Mitstreitern Cettina Brechtel-Pachner, Ruth Weber-Schädler und Arno Weber

Doch längst geht es nicht mehr um Fragen wie Kunststoff- oder besser Holz-Alu-Fenster. Oder die Entscheidung für den Keller und gegen oberirdische Boxen. Das ist entschieden und abgehakt, genauso wie die ungeplante Investition in eine stärkere Bodenplatte, die nötig war, weil es nach einer Geothermiebohrung im Umfeld auf der Baustelle zu einer Erderhebung kam. „Dafür haben wir mal eben eine fünfstellige Summe versenkt“, sagt Elke Trauth, Schatzmeisterin des Vorhabens. Aber da ist die Gruppe schon mitten im Erzählen, davon, was sie zusammengebracht hat.

Fünfeinhalb Jahre ist es her, dass der Karlsruher Architekt Peter Fern als Initiator des Vorhabens beim Stadtbauamt in Landau eine entsprechende Bewerbung um ein Grundstück abgegeben hat. Mehrere Interessenten wollen unter seiner Regie wagen, was in Freiburg, Tübingen, Berlin und Hamburg seit Jahren Standard ist, aber auch in der südpfälzischen Stadt erste Nachahmer gefunden hat: gemeinsam zu bauen.

Die Idee ist aus zwei Gründen verlockend. Zum einen schließt sich eine Gruppe mehr oder weniger Gleichgesinnter zusammen, was Hoffnung auf eine gute Nachbarschaft macht. Zum anderen hat das Bauen in der Gemeinschaft finanzielle Vorteile. Vorausgesetzt, das Projekt scheitert nicht oder ist schlecht geplant, beziffern Fachleute das Einsparungspotential auf 15 bis 25 Prozent.

Auch viele Städte erkennen den Nutzen. Baugruppenmitglieder sind häufig überdurchschnittlich engagiert. Davon kann das Umfeld profitieren. Auch Landau setzt auf Baugemeinschaften, als es darum geht, ein zentral gelegenes, im ausgehenden 19. Jahrhundert entstandenes Kasernengelände in ein neues Wohngebiet mit Parklandschaft zu verwandeln. Seit mehr als zehn Jahren liegt das Areal brach, 2015 soll es Schauplatz der Landesgartenschau sein, danach dann Platz für eine neue öffentliche Grünfläche und etliche Mehrfamilienhäuser bieten. Einige der Baufelder hat man eigens für Baugemeinschaften reserviert. Und für eines dieser Grundstücke wirft auch die Gruppe um Peter Fern den sprichwörtlichen Hut in den Ring.

Auch der Hinterhof bietet für Gemeinschaft Platz.
Vernetzt: Stege und Treppen verbinden.

Noch ist alles unverbindlich. Interessenten kommen und gehen. Viele der Namen auf Ferns Liste mit potentiellen Baugruppenmitgliedern wechseln im Laufe der Monate. Erst als es in die konkrete Planungsphase geht, festigt sich der Kreis mehr und mehr. Vor allem von dem Zeitpunkt an, an dem erste Geldbeträge fließen. „Geld ist der kritische Punkt, wenn das ins Spiel kommt, lernt man den anderen erst richtig kennen“, resümiert Diethard Wehn, wie Arno Weber Sprecher der Gruppe. „Deshalb sollte man möglichst ausführlich besprechen, was die einzelnen wollen, bevor es konkret wird.“

Etwa ein Jahr nach der Auftaktveranstaltung schließen die Mitglieder der Planungsgemeinschaft einen Vertrag als Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR). Das ist die in der Regel übliche und bewährte Rechtsform, wenn eine Gemeinschaft Wohneigentum errichten will. Ist das Grundstück gefunden und der Architekt beauftragt, muss Verbindlichkeit herrschen. Der Vertrag regelt unter anderem die Planungsgrundsätze, die Zuteilung der Einheiten, welche Anteile zu zahlen sind, was passiert, wenn ein Mitglied ausscheidet und dergleichen mehr. Erst wenn der Bau abgeschlossen ist, erfolgt die Teilungserklärung.


„Manchmal wünschte man sich einen Baugruppenpsychologen“
DIETHARD WEHN

Die Webers, fast von Beginn an dabei, gehören zu den Vertragspartnern. Dem Ehepaar gefällt die Vorstellung, zurück in die Stadt zu ziehen, im Eigenheim zu leben, dessen Bau gemeinsam mit anderen zu stemmen, aber im Rentenalter nicht mehr an ein ganzes Haus gebunden zu sein. Auch Elke Trauth hat sich früh der Gruppe angeschlossen. Über eine Annonce ist sie auf das Vorhaben aufmerksam geworden. „Ich wollte nach Landau, auf das Gelände - und Bauen in der Gemeinschaft ist eine echte Alternative zu den üblichen Bauträgerangeboten, persönlicher, individueller“, beschreibt die Betriebswirtin ihre Motivation.

Schnell zeigt sich allerdings, dass Bauen in der Gemeinschaft kein Spaziergang ist. Zwar findet sich in der Gruppe Am Wohnpark I eine sozial ziemlich homogene Gemeinschaft zusammen, deren Mitglieder um die Fünfzig und älter sind, doch sind die Wünsche, Ansprüche und auch die Haltung der Einzelnen unterschiedlich. Auf dem Weg zum gemeinsamen Ziel wird bisweilen heftig und lange diskutiert. „Manchmal wünschte man sich einen Baugruppenpsychologen“, sagt Diethard Wehn nur halb im Scherz. Mit einem Mitstreiter der ersten Stunde kommt es zum Bruch. Vielleicht hätte eine neutrale Instanz schlichten können. Doch einen externen Moderator hat die Gruppe Wohnpark I nicht.

Blick aus einer der Wohnungen im Staffelgeschoss: Im Wohnpark am Ebenberg trifft alte Bausubstanz auf neue Häuser.

Architekt Peter Fern und seine Kollegin Esther Karcher müssen fortwährend austarieren zwischen Idealvorstellungen der Bauherren und echtem Bedarf. „Und der verändert sich bei dem einen oder anderen auch noch im Laufe der Zeit“, gibt Ruth Weber-Schädler zu bedenken. Achtzig Sitzungen insgesamt zählt der Planer im Rückblick. Manche, wie Elke Trauth, hätten sich an der ein oder anderen Stelle mehr klare Vorgaben gewünscht. Diethard Wehn spricht von „geordnetem Chaos“. Aus Sicht des Architekten sind die vielen Treffen und Gespräche notwendig gewesen. „Identifikation ist ein Prozess“, ist sich Fern sicher.

Der Bebauungsplan schreibt für das Grundstück der Baugruppe zwei mehrgeschossige Kuben vor. Das ist nicht gerade eine zwingende Form für ein gemeinschaftliches Projekt. Fern plant daher die Erschließung beider Gebäude über ein gemeinsames Treppenhaus, von dem aus Stege zu den einzelnen Einheiten führen und das so zum verbindenden Element wird. Außerdem wird der zwischen den Kuben liegende Grund als „Gartenhof“ angelegt, der wiederum an den Park anschließt. Das Schöne: Weder Mauer noch Zaun trennen das Baugruppenensemble von Straße und öffentlichem Grün. „Abschottung kam für uns nicht in Frage“, stellt Arno Weber klar.

Ein Projekt, zwei Kuben: Die Zeichnung zeigt zwei unterschiedliche Grundrisse. Arbeitsgemeinschaft Peter Fern / Esther Karcher

Ebenfalls zwischen den Häusern liegen die den jeweiligen Wohnungen zugeordneten, „Energiegärten“ genannten Terrassen und Balkone. Wie bei all solchen Vorhaben geht es beim Wohnpark I um das richtige Maß an räumlicher Nähe und Distanz. Die Bewohner suchen und wollen Gemeinsamkeit und Begegnung, aber auch ihren privaten Bereich. „Das ist wirklich gut gelungen“, sagt nicht nur Elke Trauth, die oben in einer der Staffelgeschosswohnungen wohnt und von ihrer Terrasse aus bis weit in den Pfälzer Wald blickt. Durch den Zuweg zur eigenen Wohnung fühle man sich fast wie im Einfamilienhaus - mit Nachbarn gegenüber - und doch in einem Haus vereint.

Insgesamt zehn Wohnungen gibt es, mit Größen zwischen 65 und 135 Quadratmetern. Die Grundrisse sind individuell und flexibel. Das ist den Bauherren mit Blick auf mögliche Veränderungen in der Zukunft wichtig. „Unsere Wohnung könnte man mit relativ geringem Aufwand teilen“, erläutert Ruth Weber-Schädler.

2016, knapp zwei Jahre nach Baubeginn, ist das Ensemble Wohnpark I fertig. Eine Bauherrin erlebt den Termin nicht mehr. Ihr Tod trifft die anderen. Zu einer finanziellen Mehrbelastung führt er nicht. „Dafür muss man unbedingt Sorge tragen“, rät Diethard Wehn. In einer Gemeinschaft besteht immer das Risiko, dass einer nicht mehr zahlen kann oder will. Dann droht das Vorhaben stillzustehen. „In unserem Fall hatte die finanzierende Bank darauf gedrängt, das zu regeln.“

Eine von zehn: Die Wohnungsgrößen sind unterschiedlich, die Grundrisse verschieden.

An Stelle der Verstorbenen zieht eine junge Verwandte mit Familie ein. Eine andere Partei vermietet, wie von Anfang an geplant und mit den übrigen Bauherren abgesprochen. Die neuen Nachbarn passen zur allgemeinen Erleichterung gut ins Baugruppenhaus – und senken außerdem das Durchschnittsalter. Schön sei das, finden die Webers. Zwei Jahre nach Einzug geht es unter den Bewohnern immer weniger um die Baugeschichte. „Uns alle verbindet längst mehr“, sagt Ruth Weber-Schädler.

Das Haus kurz und knapp

Baujahr 2016
Bauweise Skelettbau. Tragende Teile und Deckenplatten aus Stahlbeton;
Fassade: Holzrahmensystem, Dämmung und Putz. Als Putzgrund sind Dämmplatten aus Holzfaser eingebaut.
Energiekonzept Fernwärme
Wohnfläche 1000 Quadratmeter; 10 Wohnungen
Baukosten (ohne Grundstück) 2,8 Millionen Euro
Standort Landau

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Quelle: F.A.S.