Niederlande

Zimmer mit Einsicht

Von Stefanie von Wietersheim
 - 14:17

Wie Menschen ihre Fenster schützen, verhängen oder aufreißen, verrät viel über Persönlichkeit, Landeskultur, Klima und auch Religion. Haben sie es gerne zart verschleiert, höhlenmäßig mit Rollläden verbarrikadiert oder mit üppigen Stoffbahnen theatralisch zur Seite gerafft? Verstecken sich die Bewohner vor der Welt, oder mögen sie es, den Passanten vom Wohnzimmer aus zuzuwinken? Knallsonne am Parkett oder gedämpftes Licht im Salon?

Eine Ausnahmestellung in Europa nehmen dabei die Niederländer ein. Denn in den Straßen von Amsterdam, Maastricht oder Utrecht kann der Flaneur Menschen in Wohn- und Esszimmern bei ihrem ungeschminkten Leben zusehen. In vielen Häusern erscheinen die Fenster splitterfasernackt: keine Gardinen, Vorhänge, Läden, dafür Paradeblick von der Straße mitten auf das Baby im Hochstuhl im Kampf mit Pastinakenbrei und den Blumenstrauß, der gerade sein fünftes Rosenblatt verliert. Eine Eigenart, die die deutschen Nachbarn seit Generationen als „typisch holländisch“ verbuchen.

Familienalltag zum Greifen nahe

Für heimliche Möbel- und Dekospanner ist vor allem ein Gang durch die Altstadt Amsterdams in den kleinen Grachtenstraßen wie ein Freiluftspaziergang durch eine gut kuratierte Möbelausstellung hinter Fenstern. Auch in verglaste Eingänge kann man schauen, sieht zum Greifen nah ordentlich aufgehängte Jacken von Vater, Mutter und Kindern, die Orgelpfeifenreihe abgestellter Schuhe, Fahrradpumpen, Aktenkoffer und den Fressnapf für die Katze. Ein Inventar des privaten Lebens, ausgestellt wie im Schaukasten.

Ist dieses unbekümmerte Herzeigen von Alltag und Besitz Ausdruck einer seit Jahrhunderten einzigartig liberalen Gesellschaft, die der amerikanische Autor Russell Shorto in seinem Standardwerk „Amsterdam. A History of the World‘s Most Liberal City“ so detailliert beschreibt? Oder sind die Gründe doch profaner? „Die Theorien über eine angebliche holländische Gardinensteuer, die Grund für unsere nackten Fenster sein soll, sind Quatsch“, sagt Hans Leenders, Professor für Orgel am Maastrichter Konservatorium, Leiter des Madrigalchors Aachen und Kantor-Organist an der Liebfrauenbasilika in Maastricht.

Durch Arbeit und Familienbande in Deutschland kennt er das Erstaunen der germanischen Nachbarn über die für sie frappierend offenen Fenster nur zu gut. „Tatsächlich gab es zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine Steuer, die sich auch nach der Anzahl der zur Straße liegenden Fenster bemaß; daraufhin mauerten manche Besitzer ihre Fenster zu“, sagt der Musiker.

Leenders sieht das offene Leben seiner Landsleute eher als Teil des pragmatisch-kaufmännischen Erbes der Handels- und Seefahrernation, die das Land am Meer urbar machte. „Das Offene und Pragmatische ist unser Lebensgefühl. Wir sind sehr praktisch, in zwei Sekunden auf Du und Du, denn bei uns schwingt oft der Gedanke mit, dass im Kontakt etwas Kaufmännisches für uns drin ist. Dazu gehört auch, dass man daheim nichts vor dem Fremden zu verbergen hat.“ Der Musiker empfindet die Deutschen im Umgang mit Fremden und auch im Wohnen als sehr viel vorsichtiger, die Gesellschaft durch den historischen Partikularismus als hierarchischer strukturiert. Da verbirgt man sich gerne.

Leenders erklärt das offene Wohnen außerdem mit dem maritim-regnerischen Klima: „Unsere Altstadthäuser sind relativ schmal, niedrig und klein, wir wollen viel Licht drinnen haben und sperren es nicht noch aus.“ Wie wichtig Sonne in den Wohnräumen ist, lässt sich in einer niederländischen Zimmerbezeichnung erkennen: Ein typischerweise im Erdgeschoss gelegenes Doppelwohnzimmer mit großen Fenstern heißt „Doorzonkamer“, Durchsonne- oder Let-the-sun-shine-in-Salon.

Die ungeschriebene Etikette verbietet es jedoch, bei den Nachbarn neugierig in die offenen Fenster zu schauen, sei es im Erdgeschoss oder von Beletage zu Beletage. „Wir Holländer sind einfach daran gewöhnt, dass man den Nachbarn auf den Tisch sehen kann, aber man starrt nicht lange hinein, denn das würde einem ja selber auf den Keks gehen“, sagt Hans Leenders. Weil fast jeder so offen lebe, gucke auch keiner unangenehm.

Das heimliche Gucken feiern

Und man komme sich nicht beguckt vor. Doch trotz aller Diskretion ist der private Raum für Nachbarn dennoch interessant. So initiieren viele Städte regelmäßig ein kleines „Heimlich-Reingucken“-Festival, bei dem Privatleute musikalische Aufführungen in ihren Wohnzimmern organisieren und ihre Nachbarn dazu einladen. Der Name ist Programm, spielt er doch mit Nähe und Distanz, Offenheit und Abweisen: „Gluren bij de Buren“, frei übersetzt: „Heimlich bei den Nachbarn reingucken“.

Die entblößten Fenster der Niederlande sind Ausdruck der streng protestantischen Alltagsethik, die ein offen gottgefälliges Leben in moralischer Ordnung zeigen müsse – so lautet eine weitere landläufige Erklärung für das Wohnen am Präsentiertisch. Doch selbst Theologen bezweifeln das, denn in anderen streng lutherischen oder calvinistischen Gebieten Europas bleiben die Gardinen zu. „Die rein theologische Erklärung für das offene Leben der Holländer greift zu kurz“, sagt der Amsterdamer Pastor Henk Leegte; ein Mann, der sich mit dem Spannungsfeld von offenem und verstecktem Leben auskennt.

Er ist Predikant der mennonitischen Kirchengemeinde Doopsgezind mit der Singelkerk in Amsterdam, eine der einst versteckten Minoritäten-Kirchen, die im 17. und 18. Jahrhundert hinter Fassaden, sogar auf Dachböden von großen Privathäusern entstanden. „Ich führe das offene Leben vieler Bürger eher darauf zurück, dass wir immer ein Land mit vielen Menschen auf kleiner Fläche waren, das in Republiken dezentral aufgebaut war, ohne Hofkultur. In dieser egalitären, bürgerlichen und kleinteiligen Gesellschaft, die gegen das Wasser gekämpft und Polder gebaut hat, mussten Calvinisten, Lutheraner, Juden, Katholiken und Mennoniten eng aneinanderrücken.

Viele haben auf Schiffen gelebt, auch da muss man zusammenhalten und bekommt viel vom anderen mit. Dieses Leben auf dem Meer in seiner Enge und Durchsichtigkeit hat vielleicht auch aufs Wohnen abgefärbt.“ Die offenen Fenster sind für Pastor Leegte Teil eines kulturellen Spannungsfeldes zwischen offensichtlicher Durchlässigkeit und unsichtbaren Grenzen, auch zwischen Wohlanständigkeit und Angeberei – und dabei nicht wirklich so offen, wie sie dem Ausländer erscheinen. „Das offene Fenster zeigt zwar: Wir sind eine anständige Familie, wir haben nichts zu verbergen, sind moralisch oder gesellschaftlich nicht angreifbar! Aber wir zeigen auch, was wir Schönes haben! Das ist schon auch eine Form der Angeberei!“, erklärt er.

Einladungen in das gläserne Wohnzimmer dauern seiner Erfahrung nach länger als in anderen europäischen Ländern, obwohl die Niederländer berühmt für ihren leichten Zugang auf der Straße seien. „Einerseits lassen wir uns leicht hineinschauen in unsere Familie, aber hineinzukommen in ein Haus, an dem Esstisch zu sitzen, den man von außen sieht und der in unserem Leben eine so große Bedeutung hat, das ist gar nicht so leicht“, sagt Leegte.

Die unsichtbaren Deutschen

Der Amsterdamer Möbelexperte Wite van Haersma Buma, Interior Designer und Besitzer des Einrichtungsgeschäftes Fortunata, ist immer wieder erstaunt, wie sehr sich die Gestaltung der Fenster direkt hinter der Landesgrenze zu Deutschland und Belgien ändert. Wenn er in diese Nachbarländer fahre, denke er immer: „Ui, hier ist ja alles so zu, man sieht gar keine Menschen!“ Dabei lebten sie nur versteckt in ihren Häusern, sagt er und lacht. „Wir haben über Jahrhunderte eine ganz andere Wohn-DNA entwickelt!“

Der Einrichter führt das offene Leben in den Städten seines Landes auch auf den typischen Grundriss der Altstadthäuser zurück, die ursprünglich als kombinierte Laden- und Wohngebäude konzipiert waren. „Die Räume im Erdgeschoss, die heute als Wohnbereich genutzt werden, waren früher Shops mit großen Schaufenstern – mit der Zeit haben die Besitzer aus Geschäften dann Ess- und Wohnzimmer gemacht und nicht nur in den dahinter und darüber gelegenen kleinen Privaträumen gelebt.“ Er beobachtet jedoch bei seinen niederländischen Kunden eine zunehmende Internationalisierung des Geschmacks, auch bei Fenstern. „Wir bauen bei neuen Inneneinrichtungen immer mehr Innenläden aus Holz ein oder elegante, gefütterte Vorhänge – etwas, was für die sparsamen Holländer eher untypisch ist.“

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Wite van Haersma Buma sieht den Grund für diesen Wandel in Hotelaufenthalten im Ausland und dem steigenden Bedürfnis nach Rückzug in der mobilen Welt. Er hält seine Landsleute für Hausbewohner, die es hassen, in der Nachbarschaft aufzufallen, sich im Stil gerne anpassen und im Gegensatz zu Amerikanern bei der Gestaltung ihres Hauses jeden Anschein von Imponiergehabe vermeiden wollen. „Auf der anderen Seite veranstalten Holländer regelrechte Fensterdeko-Wettbewerbe. Bei allem Understatement lieben sie es doch, irgendwie ihre Kreativität und ihren Reichtum zu zeigen.“

In den feinen Vierteln Amsterdams werden deshalb ausgesuchte Sammlerstücke wie Vasen, Skulpturen oder edle Blumenarrangements in den Fenstern wie in Museumsvitrinen gezeigt. Auch in Mittelklassestraßen gibt es immer wieder eigene Modewellen. „Am Anfang der 1990er tauchte plötzlich eine veritable Welle von Holzgänsen in den Fenstern auf, dann kamen Porzellankatzen und Kakteen. Wenn einer in der Nachbarschaft mit etwas beginnt, kann man ziemlich sicher sein, dass andere folgen, das ist eine Kettenreaktion“, sagt der Inneneinrichter. Auch er selbst lebt in seinem Esszimmer mit offenen Fenstern und liebt es, das Leben auf der Straße zu beobachten. Er fühle sich dabei nicht unangenehm angestarrt, denn für van Haersma Buma ist dieses durchsichtige Leben eine Interaktion und Art der Kommunikation, die hin und her gehe: „Ich schaue, und dafür dürfen die Leute draußen auch zurückschauen!“

Quelle: F.A.S.
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