Chefkuratorin im Interview

„Spiegel lügen nicht“

Von Florian Siebeck
 - 07:53

Frau Griffin, fangen wir mit der schwierigsten Frage an, mit der Sie sich täglich auseinandersetzen müssen: Was ist gutes Design?

Das ist ganz einfach. Design ist für mich, was nützlich ist. Was das Leben verbessert. So gesehen, ist Design die älteste Branche der Welt.

Welche Rolle hat Design in Ihrer Kindheit in Venezuela gespielt?

Den Begriff gab es damals noch nicht. Als Kind wuchs ich in einem kleinen Haus in einer Stadt namens El Callao auf, ein schönes Haus, eine große Familie, acht Brüder und Schwestern. Ich liebte Blumen, kümmerte mich um die Dekoration des Hauses. Meine Schwestern waren in der Küche, ich war im Haus unterwegs und im Garten. Arrangierte die Möbel, schüttelte Kissen auf, schnitt die Rosen.

Wann kamen Sie nach Italien und warum?

Als Jugendliche war ich das erste Mal hier, in den sechziger Jahren. Viele Lateinamerikaner zieht es in den Ferien her. Für uns ist Europa „el viejo continente“, der „alte Kontinent“. Ich konnte zwar etwas Italienisch, aber um besser zu werden, schrieb ich mich an der Uni in Perugia ein. Später zog ich nach Mailand – und blieb.

Was hat Mailand, was anderen Städten fehlt?

Ich habe mich damals bewusst gegen Paris und für Mailand entschieden, und ich liebe die Stadt seit dem ersten Tag. Mailand ist für mich „die versteckte Stadt“ – noch nach 50 Jahren finde ich hier jeden Tag neue Ecken. In Rom oder Florenz offenbart sich die Stadt, in Mailand muss man sie finden, in kleinen Gassen und Hinterhöfen. Man hat so viel zu tun den ganzen Tag. Mailand hat die besten Museen und die beste Oper der Welt. Jede Woche besuche ich die Scala, ich liebe die Oper.

Sie fingen damals als Übersetzerin bei C&B Italia an, damals die prestigeträchtigste Polstermöbelfirma Italiens.

Ja, das C stand für Cesare Cassina, das B für Piero Ambrogio Busnelli. Ich meldete mich auf eine Zeitungsannonce im „Corriere“, die suchten eine Assistentin. Ich machte alles. Papierkram, Reisen, Übersetzungen – die Leute kamen ja aus aller Welt, um den Erfolg dieser Firma, einer der ersten, die Möbel industriell fertigte, zu verstehen. Aber weder Cassina noch Busnelli konnten Englisch. Da kamen Philip Johnson, Gio Ponti, Herman Miller, Leute vom deutschen Polstermöbelhersteller Hukla. Jeden Tag waren wir in der Fabrik ...

... wenn Sie nicht gerade unterwegs waren.

Kennen Sie das Buch „In 80 Tagen um die Welt“? Wir haben es in 21 geschafft. Von Mailand über Rom nach Athen, Karachi, Melbourne, Hongkong, Tokio, Los Angeles. Busnelli und Cassina waren sehr glücklich, mich zu haben, weil ich so viele Sprachen sprach. Ich war sehr froh, dort zu sein. Wir hatten keine getrennten Büros, hockten immer aufeinander. Busnelli war ein unglaublicher Mann, sehr neugierig und risikofreudig. Er verglich sich oft mit Hemingway. Als er später die Anteile von Cassina kaufte, nannte er die Firma in B&B Italia um. Er scherzte immer, „B&B“ stünde für „Banks & Busnelli“, weil die ihm das Geld gegeben hatten.

War das der Zeitpunkt, an dem Sie wussten: Jetzt gehe ich?

Condé Nast hatte mich gefragt, ob ich nicht Korrespondentin in Italien werden wollte. Ich schrieb dann für Maison & Jardin und für die französische und amerikanische Vogue. Busnelli war traurig, dass ich ging, als Italiener war er natürlich eifersüchtig: „Was habe ich falsch gemacht? Zu welchem Unternehmen gehst du?“ – Als er erfuhr, dass ich nicht vorhatte, zur Konkurrenz zu gehen, bot er mir an, außerdem die PR für seine Firma zu machen. Und später kam Tito Armellini, der CEO der Mailänder Möbelmesse, und fragte mich, ob ich das für ihn nicht auch tun könne.

Wie entstand der Salone Satellite?

Damals, 1997, war das so: Junge Designer waren vollkommen auf sich allein gestellt. Absolventen schickten ihre Entwürfe an die Hersteller. Das landete natürlich gleich im Müll, die Firmen hatten ihre eigenen Designer. Wer von den Jungen es sich leisten konnte, mietete zur Messe kleine Ladengeschäfte in Mailand und stellte dort seine Prototypen aus. Außer Journalisten wie mir kam aber niemand vorbei, weil die wichtigen Leute ja auf der Messe waren, um ihre Möbel zu verkaufen. Als ich dem Chef des Salone davon berichtete, gab er mir eine Messehalle und sagte: Marva, sieh zu, wie du die jetzt mit jungen Designern füllst.

Heute können Sie sich vor Bewerbungen kaum retten. Wie viele waren es in diesem Jahr?

Die Nummer tut nichts zur Sache. Aber ich sage Ihnen, wie wir vorgehen. Ich lade elf Architekten, Designer, Hersteller und Journalisten ein. Die Bewerber schicken uns Bilder ihrer bisherigen Entwürfe – es würde nichts bringen, wenn sie schon an Entwürfen für das nächste Jahr arbeiten müssten. Zum Auswahlkomitee sage ich immer: Diese Bilder entsprechen nicht dem, was auf der Messe gezeigt wird. Da sind Intuition und Sensibilität gefragt, um zu erkennen, wer Potential hat und wer nicht. In sechs, sieben Monaten kann viel passieren. Am Ende zeigen 650 Designer auf dem Salone Satellite ihre Entwürfe. Nur 350 davon sind neu, denn wir geben jedem die Chance, drei Jahre in Folge zu zeigen. Nicht alle tun das, aber viele.

Worauf achten Sie bei den Bewerbungen?

Keine Renderings! Die Leute schicken heute computergenerierte Bilder, die besser aussehen als die Realität. Deshalb schauen wir uns lieber bestehende Produkte an. Wir wollen wissen, in welche Richtung das geht. Die Designer sollen uns schreiben, welche Materialien sie verwenden, welche Motivation sie antreibt.

Hat sich in den letzten Jahren etwas geändert?

Die Qualität der Einsendungen ist viel besser geworden. Die Designer sind wissensdurstiger. Es kommen neue Materialien hinzu. Manche nutzen die Vorteile des Digitalen, andere sind sehr fokussiert auf Handarbeit. Sie sind am Puls der Zeit – und alle bereiten sich so gut vor! Die sind aufgestellt wie kleine Firmen, und auch das Finishing der Produkte ist beeindruckend. Die Designer dürfen auf der Messe nichts verkaufen, aber wir haben eine Kooperation mit La Rinascente, einer Art italienischem KaDeWe (Kaufhaus des Westens in Berlin, Anmerkung der Redaktion). Deren Einkäufer ordern die besten Stücke und verkaufen sie bis Weihnachten.

Was geben Sie den jungen Designern mit auf den Weg?

Ich mag mir nicht anmaßen, Designern meine Meinung zu ihren Entwürfen aufzudrücken. Ich sage nur: Seid geduldig. Und: Kopiert nichts. Jeder Teilnehmer bekommt ein kostenloses Messeticket – sie sollen den Markt sondieren. Am letzten Tag besuche ich jeden Teilnehmer und frage, wie es lief. Erstaunlicherweise hat sich in all den Jahren noch niemand beschwert.

Sie haben viele Talente entdeckt. Den Briten Tom Dixon ...

... der kam gleich im ersten Jahr, genau wie Mark Newson und Patrick Jouin. Die sind jetzt sehr etabliert, aber für mich sind sie immer noch meine Babys.

... den Japaner Oki Sato von Nendo ...

... unglaublich, wie erfolgreich der ist. Er kam zweimal zum Salone Satellite, und alle sagten mir: „Was für einen tollen Japaner du da hast!“ Eine seiner Zeichnungen hängt hier bei mir im Büro, wir sehen uns jedes Jahr im April wieder.

... oder den Deutschen Sebastian Herkner.

Sebastian, my German baby! Ich liebe ihn. Er ist so clever und macht so viele neue Sachen. Sehr eklektisch, das gefällt mir. Seine Lebensfreude ist ansteckend, die Firmen reißen sich um ihn, my little German boy.

Für viele junge Designer sind Sie, vielleicht nach der Mutter, die wichtigste Frau im Leben. Wie fühlt sich das an?

Ich bin unheimlich stolz, wenn ich sehe, wie sie sich entwickelt haben. Von den Zehntausenden Designern, die im Verlauf der vergangenen 21 Jahre hier ausgestellt haben, haben sich einige besser gemausert als andere, aber so ist das eben im Leben. Manche schreiben mir: „Du hast mein Leben verändert“, andere verfolgen still und leise ihre Karriere, die begegnen mir dann manchmal zufällig auf der Welt. Einen traf ich in Salzburg, der ist jetzt Musiker und sagt, nach dem Salone habe er seine Bestimmung gefunden.

Manchmal schicken Ihre Schützlinge Ihnen die neuesten Entwürfe. Haben Sie dafür überhaupt noch Platz in Ihrer Wohnung?

Viele Designer schicken mir Möbel, die meisten stehen leider noch verpackt in einem Lagerraum. Zum 20-jährigen Jubiläum des Satellite letztes Jahr haben ein paar Dutzend Designer eine eigene Kollektion herausgebracht. Viele Designer schickten mir ihre Stücke und sagten: Marva, die schenken wir dir.

Gibt es ein Möbel, das Sie gern hätten?

Ich hätte vor einigen Jahren die Gelegenheit gehabt, die LC4 Chaiselongue von Le Corbusier zu kaufen. Habe es aber nicht gemacht. Heute habe ich keinen Platz mehr. Dafür habe ich zwei Stücke, die ich innig liebe, zum einen den Sessel „Vanity Fair“ von Renzo Frau. Wahrscheinlich der einzige in Rosa, weil der damalige Präsident von Poltrona Frau mir sagte: „Wir machen jetzt jede Farbe, die der Kunde will.“ Ich schickte ihm das Rosa, denn kaum jemand hat die Courage, einen solchen Sessel in seine Wohnung zu stellen. Ich finde aber, er ist eine Lady, und ihm steht diese Farbe ausgezeichnet. Zum anderen einen ovalen Spiegel von Man Ray mit der Aufschrift „Les Grands trans-Parents“. Mein erstes Designobjekt. Ich liebe Spiegel, denn Spiegel lügen nicht. Sie zeigen dir jeden Tag, wie du dich entwickelst.

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Quelle: F.A.S.
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