Interview zum Wohnen im Alter

Die Treppen als Turngerät

 - 12:11
zur Bildergalerie

Menschen, die im hohen Alter noch alleine leben, sind meist Frauen. Doch jenseits der Statistiken wissen wir wenig über ihre Wohnsituation, darüber, wie sie ihren Alltag meistern. Ulrike Scherzer hat neunzehn hochbetagte Damen in der Stadt und auf dem Land, in Villa und Gartenlaube besucht und sie für das Buch „Altweiberwohnen“ erzählen lassen: Herausgekommen sind berührende Porträts voller Lebensklugheit. Ein Interview mit der Autorin.

Das Klischee über die Wohnsituation hochbetagter Menschen lautet: Alt, arm und alleine. Haben Sie das so vorgefunden?

Nein, gar nicht. Die Frauen sind echte Alltagskünstlerinnen. Allerdings leben die meisten von ihnen wirklich von sehr wenig. Viele haben kein eigenes Geld verdient und nur eine kleine Rente. Sie wohnen noch in dem Haus, das sie mit ihrer Familie in den fünfziger oder sechziger Jahren gebaut haben. Wenn dann etwas kaputtgeht, ist die Lage schwierig.

Und sind sie einsam?

Alleinsein bedeutet nicht zwangsläufig, dass die Menschen einsam sind. Erstaunlicherweise haben viele Frauen berichtet, dass sie gerne alleine sind. Sie haben sich ihr ganzes Leben um andere gekümmert, um die Kinder, den Mann, die Enkel, und genießen es auf den letzten Metern des Lebens, nur für sich zu sein.

Was kennzeichnet das „Altweiberwohnen“?

Das Besondere ist, dass die alten Frauen alleine klarkommen wollen. Sie verwenden viel Energie darauf, sich ihre Autonomie zu erhalten. Gleichzeitig arrangieren sie sich mit den gesundheitlichen Problemen ebenso wie mit der Tatsache, dass auch ihr Haus allmählich in die Jahre gekommen ist und dass es dort Barrieren gibt, die ihnen den Alltag schwermachen.

Nehmen sie denn die Angebote fürs altersgerechte Wohnen in Anspruch, zum Beispiel den Treppenlift oder eine Sitzdusche?

Es gibt eine Scheu, diese Produkte zu nutzen. Manchmal aus Bescheidenheit, weil sie der Meinung sind, dass sich die Investition nicht mehr lohnt, weil sie ohnehin bald sterben. Nur wenn es gar nicht mehr geht, lassen sie sich auf die Helferlein ein, meist auf Drängen ihrer Kinder. Stattdessen helfen sich die Damen lieber selbst, stellen sich ein Höckerchen vor die Badewanne oder beschränken sich auf das Erdgeschoss des Hauses, wenn sie die Stufen nicht mehr steigen können. Es gab aber auch welche, die haben die Barrieren im Haus als Herausforderung gesehen: Die Treppe als Turngerät, um fit zu bleiben.

Was bedeutet den alten Frauen ihre Wohnung?

Sie wird immer mehr zum Lebensmittelpunkt, je eingeschränkter die Mobilität ist. Zudem ist sie eine Art Seelenheimat: Es gibt eine jahrzehntealte Vertrautheit mit diesen vier Wänden, mit all den Dingen, die dort drin sind und die daran erinnern, wie es war, als noch die komplette Familie dort gewohnt hat. Eine Dame hat so wunderbar gesagt: „Alles, was mich umgibt, ist voller Lebensanstöße.“ Eine andere wollte unbedingt ihren großen Esstisch behalten, obwohl sie alleine lebt. „So höre ich beim Mittagessen praktisch immer noch meine Kinder, wie sie dort sitzen und von der Schule erzählen“, hat sie gesagt.

Viele Einrichtungen wirken auf den Bildern wie eingefroren. Groß ausgemistet und umgeräumt wird wahrscheinlich nicht mehr. Oder werden noch neue Möbel gekauft?

Eher nicht. Es gab jedoch eine Ausnahme: Eine Dame hat uns ganz verschmitzt erzählt, dass sie sich heimlich einen neuen Esstisch mit Stühlen gekauft hat. Sie wollte das nicht mit ihren Kindern besprechen und hat deshalb den Nachbarn gebeten, ihr dabei zu helfen. Als alles fertig war, durften dann die Kinder zum Angucken kommen. Sie fanden es zum Glück schön. Diese Dame hat sich ganz bewusst noch einmal etwas gegönnt.

Über den Umzug ins Altersheim wird nicht nachgedacht?

„Bloß nicht ins Heim“, das haben wir von allen Frauen gehört. Sie wollen, solange es geht in ihrer Wohnung bleiben und möglichst, auch dort sterben. Auf der anderen Seite blenden sie die Möglichkeit auch komplett aus, dass es mangels Alternativen einmal dazu kommen könnte.

Und warum ist das Heim so verpönt?

Das hat vor allem mit Selbstbestimmung zu tun. Im Pflegeheim entscheiden andere, wie der Tagesablauf aussieht. Eine hat sogar gesagt: „Ich will aus diesem Fenster schauen, wenn ich sterbe, und aus keinem anderen!“

Wer unterstützt denn die Frauen im Alltag?

Überwiegend die Familie, vor allem, wenn sie nicht so weit entfernt wohnt. Ist die Distanz größer, unterstützt die Familie dann schon mal mental im „E-Mail-Clan“, für die Dinge des Alltags sind aber andere zuständig, zum Beispiel Nachbarn. Wer es noch geschafft hat, sich moderne Kommunikationstechniken wie Skype oder Whatsapp anzueignen, ist im Vorteil: Diejenigen sind oft viel enger dran am Alltag ihrer Kinder und Enkel, weil sie mit ihnen ganz rege über diese Medien kommunizieren. Sie müssen nicht darauf warten, bis der Enkel zum Hörer greift und alle drei Wochen die Oma anruft. Es gibt aber auch andere Wege: Eine Dame ist ganz bewusst in ein Gemeinschaftswohnprojekt gezogen, um Hilfe in der Nachbarschaft zu finden und den Kindern nicht zur Last zu fallen.

Einige Frauen sind nach Jahrzehnten in der Fremde wieder bewusst an den Ort ihrer Kindheit zurückgekehrt. Ist es ein Muster, dass im Alter die Sehnsucht nach der Heimat zunimmt?

Das ist eher bei denen der Fall, die nicht so eine starke familiäre Bindung irgendwohin haben. Sie kehren in die Heimat zurück, weil es dort noch ein paar versprengte Freundinnen gibt, deren Nähe sie suchen. Andere ziehen zu ihren Kindern, um die gegenseitige Unterstützung zu ermöglichen.

Wenn es alleine dann doch nicht mehr klappt - was sind ihrer Ansicht nach die besten Alternativen?

Alleine und autonom in einem eigenen kleinen Haushalt zu leben, ist für die meisten die erste Wahl. Aber das etwas vernetztere Wohnen, zum Beispiel in Mehrgenerationenprojekten, nimmt langsam Fahrt auf, vor allem bei Menschen, die jetzt ins Rentenalter kommen. Das ist zwar immer noch eine Nische. Allerdings wird jetzt auch auf kommunaler Ebene zunehmend darüber nachgedacht, dass alte Menschen innerhalb eines Quartiers möglichst lange alleine leben können.

Was meinen Sie damit?

Dass sie in fußläufiger Entfernung alles haben, was sie brauchen, wie Einzelhandel und Ärzte. Dass es auch professionelle Unterstützung gibt, wenn sie nötig wird, so lange wie möglich ambulant. Es schließt aber auch kleinere Pflegeeinheiten im Quartier ein, so dass jemand, der nicht mehr zu Hause bleiben kann, nur drei Straßen weiterziehen muss und sein gewohntes Umfeld und die sozialen Kontakte behalten kann.

Ist Mehrgenerationenwohnen denn die Lösung? Dass die Alten auf die Kinder aufpassen und die Jungen dafür einkaufen gehen?

Das gibt es durchaus, aber es ist eher die Ausnahme. Die größere Unterstützung gibt es innerhalb derselben Altersgruppe, das gilt sowohl für die jungen Familien als auch für die Alten. Trotzdem ist es für beide eine Bereicherung, nicht nur unter Ihresgleichen zu leben. Es ist aber eher das positive Wohngefühl, es sind nicht die konkreten Unterstützungsleistungen.

Woran liegt das?

Menschen im selben Alter befinden sich meist in ähnlichen Lebensphasen und haben ähnliche Zeitabläufe. Dass die Oma sich ums Kleinkind kümmert, während der Papa vom Kind Getränkekisten schleppt, ist eine sozialromantische Vorstellung. Es muss eben auch persönlich passen. Außerdem sind Kinder auch sehr wählerisch. In einem Projekt waren die Alten ganz erpicht darauf, auf die Kleinen aufzupassen, aber die hatten keine Lust darauf.

Wer auf dem Land alt wird, hat oft keine gute Infrastruktur mehr um sich herum. Wohnen Hochbetagte besser in der Stadt?

Das Leben auf dem Land steht und fällt mit der eigenen Mobilität, ob jemand noch Auto fahren kann oder nicht. In vielen ländlichen Ortschaften ist man ohne Auto aufgeschmissen, es gibt keinen Laden und keinen Arzt mehr. Dafür herrscht auf dem Land immer noch eine größere Solidarität, es geht nicht so anonym zu wie in der Stadt. Wenn der alte Mensch etwas braucht, wird es ihm mitgebracht, und wenn er krank wird, bekommt es der Nachbar auch mit.

Das Gespräch führte Judith Lembke.

„Altweiberwohnen“ von Ulrike Scherzer und Juliana Socher (Fotos), Residenz Verlag, Wien 2016.

Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenFrauen