Verlassen am Hang

Von JOHANNES RITTER (Text und Bilder)

30.05.2018 · Ein verwunschenes Dorf in einem malerischen Tessiner Tal droht zu sterben. Ein ungewöhnliches Projekt soll die Rettung bringen.

D er Tod kam plötzlich. So viel lässt sich sagen. Die alte wollene Militärhose liegt dahingeworfen über dem geschwungenen Bettgestell, als hätte der Bewohner es sich nur rasch für ein Nickerchen zur Mittagspause auf der Sprungfedermatratze gemütlich gemacht. Im Zimmer oben drüber steht noch der alte schmiedeeiserne Ofen, verrostet und mit grauer Asche im Bauch. Auf dem Holztisch vor dem Kamin, von dem die Farbe abgesplittert ist, liegen eine Illustrierte, Busfahrpläne und eine vergilbte Postkarte aus den sechziger Jahren. Auch der leere Flacon Eau de Cologne auf dem dick eingestaubten Fenstersims und diverse Utensilien aus schon länger vergangenen Jahrzehnten erwecken den Eindruck, hier sei die Zeit stehengeblieben.

Wann es zu diesem Stillstand kam, lässt sich rekonstruieren: 1962. In jenem Jahr starb der Bewohner dieses uralten, kargen Steinhauses mit den zwei kleinen, übereinanderliegenden Kammern, die nur von außen zu betreten sind, jeweils durch knarrende Holztüren. Seither hat sich dort nichts mehr getan. Niemand wollte sich in dieser zugigen Kate häuslich einrichten. Entsprechend erbärmlich ist ihr Zustand heute: Schimmel an den Steinwänden, vermodertes Holz an den Decken, Ungeziefer in den Ritzen. Abrissreif, könnte man denken. Weit gefehlt. In weniger als einem Jahr sollen dort Wanderfreunde ihr Haupt betten.

Wir sind in Corippo, der kleinsten Gemeinde der Schweiz, erstmals 1224 urkundlich erwähnt. Das Dorf liegt an einem steilen Hang des Tessiner Valle Verzasca. Das gleichnamige Flüsschen in der Mitte, schlängelt sich das tief eingeschnittene Tal nördlich von Locarno auf einer Länge von 25 Kilometern durch die Berge, die sich hier bis zu 2500 Meter in die Höhe schrauben. Es ist ein wildes Tal mit etlichen Wasserfällen und einem Staudamm, den fast jedermann schon einmal gesehen hat: In der Anfangsszene von „Goldeneye“ springt Geheimagent James Bond (Pierce Brosnan) an einem Gummiseil von der 220 Meter hohen Staumauer in die Tiefe. Über die Schweizer Grenzen hinaus bekannt sind inzwischen auch die Stromschnellen unterhalb der geschwungenen Römerbrücke Ponte dei Salti. Seit ein italienischer Blogger die von smaragdgrünem (aber eiskaltem) Wasser umspielten Felsformationen in einem Video als die „Malediven von Mailand“ pries, wimmelt es dort im Sommer von italienischen Tagestouristen.

Die künftigen Gästezimmer ...
... sind seit 56 Jahren unbewohnt.

In das nur wenige Kilometer entfernte Corippo verirrt sich freilich kaum ein Besucher. Dabei hat das Haufendorf mit seinen engen, steilen Gassen einen derart urwüchsigen Charme, dass es wahrlich einen Abstecher wert ist. Die meisten der 70 alten Häuser, die hoch oben am abschüssigen, sonnenbeschienenen Hang kleben, bestehen aus grob gehauenem, grauem Granit. Auf den Dächern dieser kleinen „Rustici“, jeweils mit einer Grundfläche von kaum mehr als 15 Quadratmetern, liegen schwere, jedem Wetter trotzende Schieferplatten. Hier hausten ursprünglich Bauern, die ein Nomadenleben zwischen ihrem Dorf, der Alp und der Magadino-Ebene ganz unten bei Ascona führten, im Rhythmus der Jahreszeiten und der anfallenden Arbeiten in Viehwirtschaft und Weinbau. Jeder Nagel, jeder spitz aus der Fassade herausragende Stein, jede Pflanze hatte hier einst eine praktische Funktion, nichts war Zufall oder bloße Zierde. Etwas zur Erbauung gab es nur in der Dorfkirche, der Chiesa Santa Maria del Carmine.

Im Jahr 1975 erkannten der Bund und der Kanton Tessin Corippo als erhaltenswerte historische Siedlung an. Der Ort steht also unter Denkmalschutz. Die Zukunftssorgen verflogen mit dieser Anerkennung aber nicht. Zwar hat sich das Verzasca-Tal, weil es derart ab vom Schuss liegt, seine Ursprünglichkeit bis heute bewahrt. Doch diese Abgeschiedenheit, verbunden mit dem gesamtwirtschaftlichen Fortschritt andernorts, veranlasste auch viele Bewohner, das Tal zu verlassen.

Zur Mitte des 19. Jahrhunderts lebten in Corippo noch 315 Menschen. Dann kam eine Auswanderungswelle nach Australien und Kalifornien. Im Jahr 1950 waren nur noch 70 Einwohner übrig. Heute sind es zwölf. Dem Dorf droht absehbar der Tod – es sei denn, es gelänge, Corippo doch noch irgendwie neues Leben einzuhauchen. Fabio Giacomazzi hat genau das vor.

Stiftungspräsident Fabio Giacomazzi

Der Tessiner, geboren im Nachbartal Valle Maggia, ist Präsident der „Fondazione Corippo“. Diese 1976 von Bund, Kanton und Gemeinde gegründete Stiftung hat sich dem Ziel verschrieben, die alte Bausubstanz vor dem Zerfall zu bewahren und das Dorf wiederzubeleben. Anfangs versuchte man noch, „echte“ neue Bewohner anzulocken. Doch der Erfolg blieb aus. Daher hat man nun eine neue Strategie ersonnen, Corippo soll zu einem Hoteldorf werden. Und so sieht der Plan aus: Die Osteria Corippo, die einzige Gaststätte im Ort, dient als Rezeption und Speisesaal. Die verwinkelten Gassen sind gleichsam die Flure des „Hotels“, über die der Gast in eines von zwölf im Dorf verteilten Zimmern gelangt, die der Stiftung gehören. Der Chef der Osteria sorgt nicht nur für Frühstück, Mittag- und Abendessen, sondern wirkt auch als eine Art Animateur, der die Gäste mit kulturellen und historischen Führungen durch das Dorf und mit Ausflügen in die Natur bei Laune hält. „Wir wollen den Besuch in Corippo zu einem ganzheitlichen Erlebnis machen“, erklärt Giacomazzi beim Gespräch auf der Terrasse der alten Osteria, von der man einen großartigen Blick hinunter in das von saftigen Wiesen gesäumte und mit bemoosten Kastanienbäumen bestandene Tal hat. Vielleicht könne man auch ein Dorfmuseum einrichten, meint er. Dort käme dann auch der robusten Militärhose, wie sie die Bauern - wie alle Schweizer Milizionäre - immer gern auch auf dem Feld trugen, ein würdiger Platz zu.

Der italienische Begriff albergo diffuso, das frei übersetzt so etwas wie „verstreute Unterkunft“ bedeutet, trifft den Kern des Konzepts eigentlich viel besser als die Beschreibung „Hoteldorf“, die fälschlich suggeriert, der ganze Ort nehme am Projekt teil und werde zum Hotel. Die Idee stammt auch tatsächlich aus Italien. Dort gibt es bereits zahlreiche alberghi diffusi, die dazu beitragen, dass schöne, historisch wertvolle, entlegene Orte nicht verfallen.

In Corippo ist der Weg zur praktischen Umsetzung dieser hübschen Idee allerdings im wahrsten Wortsinne steinig. Die Schwierigkeiten beginnen schon mit den Eigentumsverhältnissen und der ihnen zugrundeliegenden Vererbungstradition. Nicht der älteste Abkömmling bekam nach dem Ableben der Eltern das Haus. Stattdessen wurde die Immobilie jeweils unter allen Kindern aufgeteilt. Oftmals gehören deshalb Ober- und Untergeschoss, Küche und Keller heute unterschiedlichen, weit über den Globus verstreuten Parteien. Das erschwert der Stiftung den Kauf ganzer Häuser, die gesamtheitlich einfacher zu renovieren sind.

Grauer Granit prägt das Bild.

„Wir machen hier keine Luxussanierung. Die Zimmer werden karg und schlicht bleiben, damit die Gäste weiterhin das Gespür für das Altertümliche behalten.“
FABIO GIACOMAZZI

Ausgenommen davon sind nur Bad und Toilette, die in Form einer kompakten Kabine in die Zimmer hineingestellt werden sollen. Diese Lösung wurde einst für Gefängnisse entwickelt. Ansonsten passen nicht viel mehr als ein Bett und zwei Stühle in die durchweg kleinen und von wenig Tageslicht erhellten Kammern. Die Luken aus dem jeweils obersten Stockwerk in den Giebel sollen zwar geschlossen werden, aber ausbauen lassen will Giacomazzi die Dachgeschosse nicht: Dort haben Fledermäuse und andere Tiere ihr angestammtes Revier und sollen es im Sinne des Tierschutzes auch behalten.

Die Übernachtung in den Rustici soll 100 bis 120 Franken je Nacht kosten. Das ist für Schweizer Verhältnisse günstig. Aber werden sich verwöhnte Städter wirklich auf eine derart karge - und zumal heizungslose - Schlafstatt einlassen? „Die Leute werden sich nicht lange in den Zimmern aufhalten“, meint Giacomazzi. „Sie kommen, um das Dorf zu erleben und wandernd die schöne Umgebung zu erkunden.“ In der Osteria sollen die Touristen künftig auch frisches knuspriges Brot aus dem Dorfbackofen serviert bekommen, der ebenso wie die alte Wassermühle unten am Fluss wieder aufgebaut werden soll.

Aber wie kann denn der Hotelbetrieb ohne Heizung funktionieren? „Im Winter wird der Betrieb geschlossen bleiben“, räumt der Stiftungspräsident ein. Dessen ungeachtet, sei das Interesse jetzt schon groß. Seit der Verband Gastro-Suisse das Projekt mit dem Hotel-Innovationspreis 2017 ausgezeichnet habe, sei die Aufmerksamkeit noch weiter gestiegen. „Selbst die BBC hat über uns berichtet. Am Tag danach trudelten die ersten Reservierungsanfragen aus England ein.“ Die abenteuerlustigen Briten müssen sich jedoch noch etwas gedulden. Im Frühjahr 2019 will Giacomazzi das albergo diffuso eröffnen. Zuvor muss er freilich noch eine weitere Schwierigkeit aus dem Weg räumen und ein paar Geldgeber auftreiben. Nach dem Finanzierungsplan belaufen sich die notwendigen Investitionen auf 3,2 Millionen Franken, wobei der mit Abstand größte Teil auf den Um- und Ausbau der alten Osteria entfällt.

In weniger als einem Jahr sollen Wanderfreunde hier ihr Haupt betten.

Die Stiftung hat bisher aber erst gut 2,2 Millionen Franken beisammen. Es klafft also eine Lücke von rund einer Million Franken, die Giacomazzi vor allem mit Hilfe privater Sponsoren schließen will. Dabei hofft er nicht zuletzt auf die Unterstützung von Familien, die eine emotionale Bindung zu Corippo und dem Valle Verzasca haben, weil deren Vorfahren einst dort wohnten.

Giacomazzi ist in seinem Ehrenamt als Stiftungspräsident mit Herzblut bei der Sache. Aber wie finden die verbliebenen zwölf Dorfbewohner das Projekt? „Die Leute sind eher zurückhaltend und abwartend“, berichtet er. Das ist insofern verständlich, als sich die Stiftung ja schon seit gut 40 Jahren mehr oder weniger vergeblich um einen Aufschwung im Dorf bemüht. „Mal schauen, was sie jetzt hinkriegen“, so fasst Giacomazzi die Haltung der Einwohner zusammen. Immerhin gebe es niemanden, der sich als Blockierer oder Quertreiber betätige. Der Holzfäller Claudio Scettrini, der frühere Bürgermeister und einzige Einwohner Corippos unterhalb des Pensionsalters, ist da ganz Realist: Ohne das Hotelprojekt sieht er seinen Ort am Ende.

In der weiteren Region gibt es indes auch kritische Stimmen zu dem ungewöhnlichen Rettungsmanöver in Corippo. „Das Projekt ist dumm“, schnaubt die Chefin einer weiter oben im Tal liegenden Pension. Während der Sommersaison ein paar mehr Touristen anzulocken sei der komplett falsche Ansatz. „Wir brauchen Projekte, die hier einen dringenden Bedarf erfüllen und zugleich ganzjährig Arbeitsplätze schaffen, zum Beispiel durch den Bau eines Altersheims.“ Giacomazzi kennt derlei Stimmen und bleibt ungerührt: „Wenn Sie hundert Personen fragen, hören Sie hundert verschiedene Meinungen.“ Viele Leute im Tal hegten ein Frustrationsgefühl, dass ihre Heimat als Randregion von der Regierung vernachlässigt werde. „Aber das ist eigentlich nicht wahr.“ Nur müsse man sich ein wenig bewegen. Und das tut Corippo.

Quelle: F.A.S.