Wohnen in Toulouse

Sturmerprobt unter Palmen

Von Stefanie von Wietersheim
 - 17:35
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Der Wind pfeift so stark, dass den sorgfältig frisierten Damen in der Rue Boulbonne die Sonnenbrillen aus den Haaren fliegen. Auf dem Platz vor der Kathedrale St. Etienne fallen die Zeitungsständer krachend um. Der berühmte Wind des französischen Südwestens bläst heulend durch die engen Gassen von Toulouse. Doch hier, im Land zwischen Mittelmeer und Atlantik, ist man an den spektakulären Wind von Autan gewöhnt wie die Paderborner an westfälischen Nieselregeln.

Auch der zunehmenden Beliebtheit tut der regelmäßige Sturm keinen Abbruch: Die Hauptstadt der französischen Region Occitanie, die im Jahr 2016 durch die Fusion der Regionen Midi-Pyrénées und Languedoc-Roussillon entstand, ist mit einem Plus von jährlich bis zu 8000 Einwohnern eine immer noch stark wachsende Agglomeration: Die Anziehungskraft der „Ville Rose“ ist ungebrochen. Sie verdankt ihren Namen den leuchtend roten Ziegelbauten, in deren Fassaden die Glut der Sonnenuntergänge gefangen scheint. Doch eigentlich glühen die Backsteinfassaden der Häuser nicht rosa, sondern ockerrot, dunkelrot, lila, wenn die Sonne untergeht. Die Fassaden wirken im Vergleich zu den verblichenen, sanften Farben der Provence fast dramatisch. Süden ist eben nicht gleich Süden.

Ein Land der Abenteurer und Aussteiger

Toulouse ist nach Paris, Marseille und Lyon die viertgrößte Stadt Frankreichs. Rund 470.000 Menschen leben in der ehemaligen gallo-römischen Siedlung an der Garonne, im Ballungsgebiet sind es rund 920.000 Einwohner, darunter über 100.000 Studenten. Das historische Katharer-Gebiet Okzitanien gilt seit Jahrzehnten als ein Land der Abenteurer, Künstler und Aussteiger, aber durch den Airbus-Hauptsitz auch als Ausgangspunkt für internationale Karrieren. Die Ariège, das französische Departement mit der dünnsten Besiedlungsdichte vor der massigen Pyrenäenwand im Süden der Stadt, wurde in den sechziger und siebziger Jahren zum traditionellen Hippie- und Ökoziel, in dem Deutsche und Schweizer Schafe züchteten, Käse herstellten und in basisdemokratischen Wohngemeinschaften lebten.

Noch heute trifft man auf den Märkten von Saverdun, Mirepoix und Carla-Bayle ergraute Aussteiger mit germanischem Akzent, die frischen Ziegenkäse, ungespritzte Aprikosen oder Honig anbieten. Sie gehören in dieser abgelegenen französischen Provinz so selbstverständlich dazu wie der Heimatpfleger des Okzitanischen, der am Markttag seine Gedichtbände verkauft, der englische Immobilienmakler und der marokkanische Kleiderhändler. Ganz anders dagegen fühlt sich das liebliche Departement des Gers im Nordwesten der Stadt an, das Schlaraffenland der Region, dessen Mittelpunkt die Stadt Auch mit ihrer stolzen Kathedrale ist. Hier besitzen viele gutbetuchte Hauptstädter Landsitze.

Ein Landgut zwischen Carcassonne und Cahors gehört neben Traumhäusern in der Toskana oder der Provence zu den Immobilienvisionen unter blauem Himmel. Doch im Vergleich zur Côte d’Azur und dem Hinterland der Provence sind die rosafarbenen Herrenhäuser mit ihren pastellblauen Fensterläden, die trutzigen Bauernhöfe und Taubenhäuser aus Flusskieseln hier immer noch erschwinglicher.

Toulouse wächst in die Region, der dritte und vierte Wohngürtel haben sich um die Stadt gelegt, und die Politik treibt die Modernisierung der Infrastruktur, die Restaurierung der Altstadt und den Umbau des Bahnhofsviertels seit fünfzehn Jahren gezielt voran. Zurzeit entsteht rund um den Bahnhof Matabiau ein neues, 135 Hektar großes Viertel mit Wohnhäusern, Büros und Geschäften: Im Jahr 2022 soll hier der von Daniel Libeskind konzipierte „Tour Occitanie“ fertig sein, ein mit Grünbändern bewachsener 150 Meter hoher Turm mit 40 Stockwerken, als neues Wahrzeichen der Stadt.

Wichtiger Arbeitgeber der Region ist der Flugzeugbauer Airbus, der seinen Hauptsitz in Toulouse hat. Im Bannkreis des Konzerns in Blagnac im Nordwesten der Stadt leben heute 21000 Flugzeugbauer aus 100 Nationen, darunter rund 1000 Deutsche mit ihren Familien. Auf den Straßen der umliegenden Gemeinden hört man neben Französisch oft den unverwechselbaren Hamburger oder Münchner Tonfall. Die Deutsche Schule in Colomiers besuchen 400 Kinder vom Kindergarten bis zur Abiturklasse. „In den letzten acht Jahren hat sich die Zahl der Schüler von 260 auf 400 vergrößert“, sagt die Leiterin Susanne Self-Prédhumeau. Durch erweiterten Deutsch- und Französischunterricht und einer um das Englische hochentwickelten Dreisprachigkeit hat die Schule in Toulouse nun ein starkes Profil, das mehr und mehr Franzosen anspricht.

Die Bauwut sehen sie gelassen

Als Vater von drei Kindern sieht der Pressechef der Airbus-Zivilflugsparte, Stefan Schaffrath, Toulouse als idealen Lebensort für zwei Generationen. Nicht nur bei Airbus herrsche eine grenzüberschreitenden Mentalität, auch die Kinder lebten auf dem europäischen Schulcampus und in der Nachbarschaft selbstverständlich in drei Sprachen. „Diese Weltoffenheit zu sehen macht jede Menge Spaß. Und das nahe Umland mit Mittelmeer, Skifahren in Andorra und Weltklasse-Jazzkonzerten in Marciac ist ein echter Traum“, schwärmt er. Schulleiterin Susanne Self-Prédhumeau wird nach acht Entsendungsjahren im Sommer nach Deutschland zurückkehren, „mit zwei weinenden Augen“, wie sie sagt. Toulouse sei eine großartige, dynamische und junge Stadt. Einziger Wermutstropfen: In einer Stadt, in der so viel gebaut wird, hält die Infrastruktur nicht immer Schritt. „Viele leiden darunter, dass sie morgens lange im Stau stehen, die neue Metro und Tram fahren ja nicht ins Umland. Manche Familien nehmen einstündige Fahrten zu unserer Schule auf sich.“

Wohnen kann man Toulouse wunderschön – und ziemlich schrecklich. In jedem Kaff der Umgebung gibt es neben Boulangerie und Friseur mindestens eine Immobilienboutique, die in ihren Fenstern charmante Steinruinen, perfekt renovierte Bauernhäuser, Mühlen mit Potential, raffinierte Ställe oder „Maisons d’architecte“ anbietet. Diese sogenannten Architektenhäuser sind meist scheußliche Bausünden aus den siebziger Jahren. Auch die französische „Villa“ ist kein Prachtbau auf dem Land, sondern oft ein schweinchenfarbener Würfel mit einem sterilen Minigarten in den Vororten Pibrac, Daux und Lévignac. Alternativen dazu sind die komfortablen Fertighäuser in einem der großflächigen Vororte wie Tournefeuille und Colomiers nahe der Internationalen Schule. Beliebt sind zudem „Résidences“, Wohnanlagen mit Sicherheitszäunen, Videoüberwachung und gemeinsamem Schwimmbad.

Die alteingesessenen Toulousains sehen den nicht nachlassenden Zuzug der neuen Bevölkerung und die Bauwut gelassen. Denn sie können sicher sein, dass ihre Immobilien im Wert steigen. Und so mancher arme Salatbauer ist in den vergangenen zwanzig Jahren durch den Verkauf seines Bodens zum Millionär geworden.

Die Kaufpreise für Toulouser Häuser sind nach Angaben der „Notaires de France“ in den vergangenen Jahren trotz der Wirtschaftskrise in Frankreich um 9 Prozent gestiegen, die Steigerungsrate beim Verkauf von Wohnungen lag jedoch nur bei 0,4 Prozent. Betrachtet man alle Transaktionen von Herbst 2016 bis Herbst 2017, so verzeichneten die Notare als durchschnittlichen Kaufpreis eines Hauses 330.000 Euro, der einer Wohnung lag bei 2580 Euro je Quadratmeter.

4000 bis 5200 Euro je Quadratmeter

In Toulouse selbst kauften überwiegend Franzosen, bei Häusern auf dem Land komme die Klientel zu einem Drittel aus dem Ausland, berichtet Anne de la Sauzay, Chefin der Immobilienagentur Agence Mercure. Vor allem Engländer, Belgier und Niederländer investieren gern in die alten Steine des Südwestens. In Toulouse verkauft Madame de la Sauzay viele Objekte an Führungskräfte internationaler Unternehmen. „Unsere Klientel hat ein Budget um die 600.000 Euro“, sagt sie. „Im Moment verkaufen wir gute Wohnungen in der Innenstadt für 4000 bis 5200 Euro je Quadratmeter, bei Häusern rechnet man zwischen 3500 bis 4800 Euro.“ Gehobene Mietobjekte sind für Quadratmeterpreise zwischen 11 Euro bis 16 Euro zu haben.

Hoch sind die Preise in der pittoresken – aber noch nicht tot renovierten – Innenstadt, besonders im Quartier St. Etienne, das als Toulouser Pendant zum Pariser Marais-Viertel gilt: ein denkmalgeschütztes Ensemble von ehemaligen Prachtbauten in von Mauern umgebenen Innenhöfen, die von alten Familien, Lebenskünstlern, Antiquitätenhändlern und Musikern bewohnt werden. Das Viertel entstand im 15. Jahrhundert, als der Handel mit der Naturfarbe Pastell die Toulouser Kaufleute wohlhabend machte; die Pastellpflanze wurde im nahen Lauragais und in der Gegend von Albi angebaut, sie ergab das beste Blau für das Färben von Stoffen in dieser Zeit.

Krach und Hitze im Fortissimo

Wenn man nur eine Dreizimmerwohnung oder ein bescheidenes Haus mieten möchte, hält der südeuropäische Wohnungsmarkt selbst für denjenigen einige Überraschungen bereit, der gelernt hat, bei lyrisch-romantischen Immobilienangeboten zwischen den Zeilen zu lesen: So kann sich ein „Duplex mit Charme“ unweit des Kapitols als abgewrackte Bleibe herausstellen, in deren Decke der Vermieter ein Loch gehauen und eine Hühnerleiter aus Bananenkisten zum Dachboden gebaut hat. Manch romantisches Hinterhaus im Innenhof mit zerzauster Palme besitzt nur Stehklo und Stromnetz von 1920 mit handtellergroßen Steckdosen – oder die elegante Immobiliendame erklärt potentiellen Mietern ungerührt, sie könnten die von ihnen monierten Löcher in der verstaubten roten Samttapete des Apartments ja mit Toastbrotkugeln stopfen und Filzstift übermalen.

Und so berückend der Charme der Toulouser Altstadt für die Augen ist – im Alltag kann das Leben in der Großstadt, die auf dem Breitengrad von Nizza liegt, eine unerwartete Herausforderung werden. Viele Neuankömmlinge, die unbedingt in den filmschönen Altbauten wohnen möchten, rechnen nicht mit zwei Dingen im Fortissimo: Krach und Hitze. In den engen, mäandernden Gassen der Altstadt vermischen sich an vielen Orten die Lebensgeräusche der Hausbewohner auf Hof- und Straßenseite zu einer kakophonischen Geräuschkulisse, die so pittoresk ist wie die Nachbarn selbst. Dazu knattern Tag und Nacht Motorräder durch die engen Gassen, und die 100.000 Studenten sind auch nicht immer stumm.

Da die meisten Altstadthäuser keine Klimaanlagen besitzen, werden nach Sonnenuntergang die Fenster aufgerissen, was bleibt auch anderes übrig. Wenn dann die Temperatur noch steil auf 40 Grad steigt, kommt der Punkt, an dem auch friedliche Zeitgenossen ihre Nachbarn gerne ermorden möchten, aber zum Glück zu schlapp von der Hitze dafür sind. Wohl dem, der ein „Maison de charme“ auf dem Land sein eigen nennt. Und sei es eins mit viel Potential.

Quelle: F.A.S.
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