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Jenseits von Claude Monets Garten

von CHRISTA HASSELHORST
Der Jardin d’Agapanthe in Grigneuseville ist Privatparadies, grünes Labor und Showroom in einem. Foto: Antoine Mazy

01.11.2018 · Es muss nicht immer das Paradies des Malers in Giverny sein. Die Normandie bezaubert mit vielen Gartenanlagen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Jede Anlage lockt mit ihrer eigenen Geschichte.

G ärten in der Normandie? Da denken viele sofort an Claude Monet! Natürlich, des Malers selbstgeschaffenes Paradies in Giverny ist der alles überstrahlende grüne Fixstern der Region. Aber, pardon, diesen vielfach gelobten Garten lassen wir links liegen. Denn die Normandie ist in Sachen Gärten eine Schatzkammer mit weit über hundert Kleinoden, von denen viele auf individuelle Weise bezaubern und eine Expedition wert sind.

Ein perfektes Hors d‘œuvre als Einstieg in die Gartenwelt jenseits von Giverny liegt nahe der Stadt Rouen. Im winzigen Dörfchen Petit-Couronne steht das Geburts- und Wohnhaus des Dichters Pierre Corneille, das seit 1921 ein Museum ist. Wie im Bilderbuch umgibt das normannische Fachwerkhaus ein klassischer Bauerngarten: Symmetrische, mit Buchsbaum gerahmte Beete, Rosenbögen, Obstbäume, alte Gemüsesorten wie die mit der Artischocke verwandte mannshohe Kardone, Heilkräuter und bunte Bauernblumen sind dort üppig vereint.

Im Jardin Agapanthe gedeiht ein Mikrokosmos von überquellender Pflanzenvielfalt, in dem Teiche und kleine Wasserläufe wichtige Elemente sind. Foto: Gilles et Joelle Le Scanff-Mayer

Kunstvolle Obstspaliere sind mit silbergrauen Italienischen Immortellen (Helichrysum italicum) unterpflanzt. Besser bekannt sind sie als Currykraut – und danach riecht es auch intensiv. Nicht originalgetreu, aber „sieht doch hübsch aus“, sagt Gärtner Harold Defrance grinsend, der seit zehn Jahren dieses Kleinod komplett biologisch führt.

Foto: Gilles et Joelle Le Scanff-Mayer

Wer Corneille, den Ehrensohn des Fachwerkhauses, nicht kennt: Neben Molière und Racine ist er der bekannteste Dramatiker der französischen Klassik. Corneille war verwandt mit den Besitzern von Schloss Bois-Guilbert im gleichnamigen Ort, circa 40 Kilometer nordöstlich von Rouen entfernt. Im weitläufigen Landschaftspark gibt es dort wundervolle Bäume und statt Blumen moderne Skulpturen. Schloss und Park sind seit 400 Jahren im Besitz der Familie de Pas.


„Der Park ist ein großes Haus mit vielen Zimmern, jedes einem Element der Natur gewidmet“
JEAN-MARC DE PAS

Vor mehr als 30 Jahren wollte von sieben Geschwistern nur Jean-Marc das Erbe antreten; schon als kleiner Junge verzauberte ihn der alte Wald des Parks. Der Landschaftsarchitekt und Bildhauer transformiert seitdem sieben Hektar Grün in eine Symbiose von Kunst und Natur. Der Park ist für ihn „ein großes Haus mit vielen Zimmern, jedes einem Element der Natur gewidmet“. Wer Entspannung und Kontemplation sucht, der sollte sich einen Spaziergang durch dieses außergewöhnliche Terrain gönnen.

Foto: Gilles et Joelle Le Scanff-Mayer
Foto: Antoine Mazy
Gartenarchitekt Alexandre Thomas hat hier seine Favoriten untergebracht wie Koniferen, mehrstämmige Pinien, ausgefallene Kiefernarten, Sumpf-Zypresse sowie Eibe und Buchs in Formschnitt. Foto: Gilles et Joelle Le Scanff-Mayer

Das Grundgerüst mit knorrigen alten Bäumen steht seit Jahrhunderten und wird ergänzt durch 7000 neue Bäume, ist aber kein Arboretum, betont de Pas. So schuf er ein Labyrinth aus Buchs, in dessen Mitte ein magischer leerer Kreis ist. Schaut der Besucher von dort gen Himmel, ist er umgeben von flirrenden Birkenkronen, die das Labyrinth außen umrunden.

In der Tiefe des Parks überraschen ein Teich mit Insel, ein Garten der „Fünf Kontinente“, danach durchwandert man ein großes Quadrat voll kerzengerader schattiger Alleen Amerikanischer Eichen. Stets wechseln sich in diesem stillen Reich mit vielen Grün-Nuancen helle Lichtungen mit fast mystisch düster-dichten Partien ab. Skulpturen zahlreicher Künstler fügen sich auf organische Weise ein. Mehrfach bieten sich Panoramablicke in die flache weite Landschaft ringsum.


„Schon mit drei Jahren spielte ich darin Gärtner“
ALEXANDRE THOMAS

Größer als zum nächsten Garten kann der Kontrast kaum sein. Der um sein Elternhaus angelegte Jardin Agapanthe in Grigneuseville ist Privatparadies, grünes Labor und Showroom von Alexandre Thomas. „Schon mit drei Jahren spielte ich darin Gärtner“, erinnert sich der Gartenarchitekt. Heute gedeiht hier ein Mikrokosmos von überquellender Pflanzenvielfalt, ein dichter Dschungel in einem mäandernden Labyrinth, in dem Teiche und kleine Wasserläufe wichtige Elemente sind.

Unglaublich, was man auf kaum einem Hektar unterbringen kann und wie sich dieses Patchwork doch harmonisch zusammenfügt. Alles, was Thomas an Pflanzen liebt – und das ist eine Menge –, hat er hier versammelt. Je markanter der Habitus, desto besser. Seine Favoriten sind Koniferen, mehrstämmige Pinien, ausgefallene Kiefernarten wie die Weymouths-Kiefer, zu Skulpturen aufgeastete Sicheltannen (Cryptomeria), und sein Hauptdarsteller ist die Sumpf-Zypresse (Taxodium) dank sensationeller Herbstfärbung.

Ein dichter Dschungel in einem mäandernden Labyrinth Foto: Antoine Mazy

Eibe und Buchs in Formschnitt von Kegel, Pyramide, Kugel und Spirale setzen klassische Akzente, mittendrin raschelt ein Bambuswäldchen, und Baumfarne erheben sich neben Gräsern. Die Blüten der dazwischen getupften Stauden sind weiß, violett, purpur oder hellblau – allen voran die Agapanthen, die dem Park seinen Namen geben.

Silhouette, Form, Farbe, Textur, und alles möglichst ganzjährig erlebbar: Das sind die Zutaten, mit denen Thomas seine grüne Symphonie – mehr Jazz als Klassik – komponierte. Auf engen kurvigen Wegen, vorbei an künstlich angelegten Hügelchen und Mulden, hat der Pflanzenfreak einen zeitgenössischen Garten zwischen Eklektik, Exotik und Avantgarde kreiert, der in keine gängige Stilschublade passt. Das Kühnste: Kein einziger Grashalm keimt hier. Alles sprießt auf Lehmboden, der von hellem, feinem Sand bedeckt ist. Ein Verfremdungseffekt, der gelingt.

M anische Sammelleidenschaft und ein ausgeprägter Sinn für Schönheit kennzeichnen auch den nächsten Ort hoch im Norden Frankreichs, der für Gartenenthusiasten wie Botaniker längst eine Pilgerstätte ist: „Le Vasterival“ in Sainte-Marguerite-sur-Mer an der Kanalküste, nahe Dieppe. Man riecht salzige Meeresbrise, und das milde Klima mit einer Durchschnittstemperatur von 10,7 Grad Celsius beeinflusst dieses extravagante Eden.

Der Garten wurde um das Elternhaus von Alexandre Thomas herum angelegt. Foto: D. Willery/ Jardin le Vasterival

Das grüne Vermächtnis der 2009 mit 94 Jahren verstorbenen Prinzessin Greta Sturdza ist so beeindruckend wie deren Biographie. In Norwegen aufgewachsen, heiratete sie den rumänisch-moldawischen Prinzen Sturdza. Nach der Flucht aus Rumänien gestaltete sie von 1955 an das Anwesen in der Normandie. Das Credo der gärtnernden Prinzessin:


„Das ganze Jahr über möchte ich von jedem Punkt des Gartens aus, in welche Richtung auch immer, etwas Schönes sehen!“
PRINZESSIN GRETA STURDZA

Wald voller Magie: Prinzessin Sturdza hat mit „Le Vasterial“ ein faszinierendes, dreidimensionales Gemälde geschaffen. Foto: D. Willery/ Jardin le Vasterival

Dies ist der Amateurin, die für ihr Paradies brannte, bravourös gelungen. Auf zwölf Hektar erschuf sie in einem halben Jahrhundert ein faszinierendes, dreidimensionales lebendes Gemälde. Im oberen Rhododendron-Hain gedeihen Sorten mit ausgefallenem Laub und Habitus. Die Prinzessin unterstrich mit beherztem Schnitt ins „Innere“ der Gehölze deren Transparenz und natürliche Silhouette. Fast 500 Arten und Sorten Rhododendren fügen sich zu einem lichten Wald voller Magie, der durch Kamelien und Prachtglocken (Enkianthus campanulatus) ergänzt wird.

Andernorts bezaubert ein Wald Japanischer Ahorne, dazu Blüten-Hartriegel und prachtvolle Hortensien in großen Wällen. Geschickt nutzte die leidenschaftliche Pflanzenliebhaberin den Genius loci und bepflanzte, oft aus Samen gezogen, die Flanken eines steil abfallenden Tales, das von einem Bach durchzogen wird. Heute überwältigt das Ergebnis aus Zedern, Sumpfzypressen, stattlichen Magnolien, Stechpalmen und Zierkirschen, das den Ursprung der Anlage bildet.

Farbenspiele im Jardin le Vasterival Foto: D. Willery/ Jardin le Vasterival
Foto: D. Willery/ Jardin le Vasterival
Foto: D. Willery/ Jardin le Vasterival

Organisch fügen sich große amorphe Beete ein, die zur Mitte mit höheren Sträuchern gestaffelt und nach Farben bepflanzt sind. In der orangen Pflanzung leuchtet das Purpurglöckchen ’Caramel‘ mit dem Hartriegel ’Winter Beauty‘ um die Wette, im roten Beet glänzen Christrosen und die Hortensie ’Merville Sunrise‘. Der Bachlauf wird begleitet von großblättrigen Wasserrandpflanzen wie gigantischem Mammutblatt (Gunnera manicata) und Schaublatt (Rodgersia), die dem Tal eine dschungelartige Aura geben.

Das große Ganze im Blick und dennoch das Händchen für’s Detail, diese geniale Gabe der Schöpferin zeigt sich überall. So berühmt wie ihr Garten war auch ihre couragierte Strenge bis ins hohe Alter. Wehe, ein Gartenbesucher verhielt sich unbotmäßig, da drohte sie, bewaffnet mit Heckenschere und Harke, Handgreifliches an. Mit Engagement setzt Schwiegertochter Irene heute das Erbe fort, es ist dank professioneller Gärtner in bestem Zustand – und das alles in Permakulturpflege.

Hommage an England: Der Schlosspark Acquigny Foto: Sawina Oehlke

Auf dem Rückweg von der Normandie nach Deutschland gibt es noch eine Hommage an England zu bestaunen, denn natürlich hat die Mode des Englischen Landschaftsgartens auch die Franzosen beeinflusst. Der verwunschene, 16 Hektar große Park des Schlosses in Aquigny ist ein frühes, anmutiges Beispiel mit sprudelnder Kaskade, geschlängeltem Bach und gewundenen Wegen und seit seiner Entstehung kurz vor der Französischen Revolution unverändert.

Auf exotische Bäume aus fünf Erdteilen und ihren Küchengarten samt Prunkstück eines Pfirsich-Spaliers mit 30 Ästen ist Besitzerin Madame D’Esneval sichtlich stolz. Ebenso bemerkenswert ist ihre Sammlung von Citrus-Pflanzen, die aufgereiht als betäubend duftende Allee in Kübeln entlang einer kleinen romantischen Orangerie stehen. Das ist ein Dessert zum Abschied, das man sich gönnen sollte.

Diese Reise wurde ermöglicht durch Atout France in Kooperation mit dem normannischen Tourismusverband.

Quelle: F.A.S.