Städtebau der Zukunft

Gläserne Menschen in Filterblasen

Von Judith Lembke
 - 22:48
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Vielleicht werden wir uns in Zukunft die Städte mit Maschinen teilen und mit dem Toaster plaudern. Quartiere werden in Wolkenkratzern gestapelt, und nachts bleibt es dunkel, weil die Straßenbeleuchtung gehackt wurde. Oder es wird alles ganz anders. Fünf Visionen für die Stadt von übermorgen.

Der spekulative Architekt

Die Stadt der Zukunft richtet sich nicht mehr nach den Bedürfnissen der Menschen, sondern nach denen von Maschinen. Auf den Straßen sind keine Fußgänger, Rad- und Autofahrer mehr unterwegs, sondern fahrerlose Autos, Drohnen und automatisierte Müllwagen. Der gestalterische Maßstab ist dann nicht mehr das menschliche Auge, sondern die Kameralinse oder der Sensor. Das ganze Stadtbild wird sich verändern, wenn das Material für eine Hausfassade nicht mehr nach ästhetischen Kriterien ausgewählt wird, sondern um von einer Kamera erkannt zu werden. Man muss sich die Stadt der Zukunft wie ein Greenscreen-Studio beim Film vorstellen: Das ist auch nicht komplett in Grün gestrichen, um dem menschlichen Betrachter zu gefallen, sondern weil es für eine Kamera am besten funktioniert.

Auch die Architektur wird sich wandeln. Wenn in Gebäuden nicht mehr Menschen arbeiten, sondern riesige Rechenmaschinen, brauchen sie auch keine Fenster mehr. Maschinen benötigen kein Tageslicht. Licht und Schatten bekommen eine andere Bedeutung. Setze ich mich der digitalen Sonne aus, bin ich absolut vernetzt, der digitale Schatten bietet Rückzug aus dieser totalen Vernetzung. In den Städten der Zukunft werden auch noch Menschen leben, weil sie das Bedürfnis nach Gemeinschaft haben.

Ich glaube nicht, dass auf einmal alle aufs Land ziehen. Allerdings werden wir unseren Alltag selbstverständlich mit intelligenten Maschinen teilen. Anstatt mit meinem Mitbewohner plaudern wir dann am Morgen mit unserem Toaster über das Wetter. Auch der Herd und der Kühlschrank stillen dann unser Bedürfnis nach Kommunikation. Übermorgen wird die Stadt von den großen Internetkonzernen dominiert, ihre Datensammelwut wird allgemein akzeptiert sein. Heute bestimmen die Stadtbewohner beziehungsweise ihre gewählten Vertreter, was im öffentlichen Raum passiert. Und in Zukunft? Wahrscheinlich ein Milliardär im Kapuzenpullover.

Liam Young ist Architekt, Filmemacher und Sciencefiction-Autor.

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Der Psychologe

Wohnen bleibt die wichtigste Facette des Lebens in der Stadt. Ihr Gesicht wandelt sich, aber das Erleben und Verhalten des Menschen wird sich nicht grundsätzlich ändern. Für die psychische Gesundheit ist die offene Bauweise, die viele Architekten bevorzugen, nicht die beste. Eine wichtige Funktion von Wohnungen ist es, die Privatheit zu schützen. Die eigenen vier Wände ermöglichen es Menschen, sich aus der Gemeinschaft zurückzuziehen, die sozialen Rollen abzulegen und ihre Gefühle frei auszuleben. Das ist psychohygienisch bedeutsam. Um Rückzugsmöglichkeiten zu bieten, ist es deshalb auch wichtig, dass jede Wohnung mindestens einen Raum mehr haben sollte als Bewohner.

Eine vierköpfige Familie benötigt also eine Fünfzimmerwohnung. Wenn es immer heißt, dass die Stadtbewohner der Zukunft vor allem in Microappartements wohnen, ist das aus psychologischer Sicht keine gute Entwicklung. Ähnlich verhält es sich mit dem Individualverkehr: Während seine Einschränkung aus Umwelt- und Verkehrsgründen sinnvoll ist, ist die psychologische Sicht eine andere. Aufgrund der zunehmenden Verdichtung wird das Auto noch mehr als heute für viele Menschen das letzte Refugium, in dem sie weitgehend ungestört ihren Gedanken nachhängen können.

In den wachsenden Städten werden wegen des Platzmangels Hochhäuser dominieren. An sich spricht nichts gegen das Leben in der Vertikale, allerdings müssen die Wolkenkratzer der Zukunft im Gegensatz zu denen der Vergangenheit in kleinere Einheiten untergliedert werden, die soziale Kontakte unter den Bewohnern ermöglichen und Gemeinschaftsleben fördern: Ich stelle mir das wie eine mittelalterliche Stadt mit ihrem gemischten Vierteln vor, nur dass die Quartiere nicht nebeneinander liegen, sondern übereinander gestapelt werden. Die Menschen werden einen Großteil ihres Lebens, von längeren Reisen einmal abgesehen, in einem hoch gestapelten Stadtquartier leben, dort wohnen und arbeiten sie, verbringen ihre Freizeit. Möglich wird das durch Fahrstühle, die nicht nur in die Höhe, sondern auch seitwärts fahren können.

Es ist vielfach belegt, dass Pflanzen in der Stadt eine positive biopsychologische Wirkung haben. Der Blick ins Grüne wirkt heilend. In grünen Stadtteilen fühlen sich Menschen nicht nur sicherer, es gibt auch faktisch weniger Kriminalität. Nicht nur Parks und öffentliche Plätze, sondern auch Dächer, Fassaden und Zwischengeschosse sollten bepflanzt werden.

Peter Richter ist Architekturpsychologe.

Der Wissenschaftler

Die Stadt von morgen wird vor allem durch eine veränderte Mobilität geprägt sein. Der Verkehr ist dann nicht nur elektrisch, sondern auch automatisch. Es wird keine individuelle Mobilität mehr geben, sondern gemeinschaftliche autonome Flotten. Das könnten zum Beispiel selbst fahrende Minibusse sein. Da mehr geteilt wird, brauchen wir nur noch 10 bis 15 Prozent der Fahrzeuge, die heute auf den Straßen fahren. Zudem werden nicht mehr so viele Fahrzeuge in den Innenstädten herumstehen, da sie außerhalb parken können und dann bei Bedarf herbeigerufen werden. Dieser Wandel gibt uns die Möglichkeiten, die Verkehrsflächen von heute morgen ganz anders zu verwenden, da wir nur noch etwa die Hälfte des Platzes brauchen. Allerdings fehlt es den Städten noch an Ideen, wie sie den gewonnenen Raum gut nutzen können.

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Vieles, was es früher schon in den Städten gab, wird auf andere Art zurückkehren. Die Städte werden sich reindustrialisieren. Da der Handel sich immer stärker ins Internet verlagert, werden Ladenflächen frei. Dort kann in 3D-Druckern zum Beispiel vor Ort das produziert werden, was im Internet in der Nachbarschaft bestellt wurde. Auch werden die Städte sich wieder stärker selbst mit Lebensmitteln versorgen und damit unabhängiger vom ländlichen Raum und globalen Logistikketten. Auf 3,6 Quadratmetern lassen sich mit modernen Anbaumethoden genügend Lebensmittel für einen Stadtbewohner anbauen. Dafür könnten die freigewordenen Parkplätze genutzt werden, aber auch ungenutzte Dachflächen. In der Innenstadt von Stuttgart könnten allein auf freiwerdenden Parkflächen zum Beispiel Lebensmittel für 30.000 bis 50.000 Menschen produziert werden.

Die Städte werden noch dichter. Die Trennung in Wohnen und Arbeiten wird aufgehoben, stattdessen gibt es ein Nebeneinander von Wohnen, Gewerbe und Co-Working-Spaces. Beim Wohnen werden wir uns noch stärker einschränken, mit weniger Platz auskommen müssen. Funktionen, die bisher in der Wohnung lagen, werden nach außen verlagert und mit anderen geteilt. Wer hin- und wieder Freunde zum Essen einlädt, braucht nicht ständig eine große Küche und einen großen Esstisch, sondern es reicht ein gemeinschaftlicher Raum, den man bei Bedarf nutzen kann. Meine Sorge ist, dass die Menschen in der Stadt von morgen noch mehr in Parallelgesellschaften leben, als sie es heute schon tun. Die stärkere Digitalisierung fördert das Leben in Filterblasen nicht nur im Internet, sondern auch im Alltag.

Steffen Braun forscht am Fraunhofer IAO in Stuttgart über die Stadt von morgen.

Die Aktivistin

Mit Blick auf die Zukunft der Städte machen mir drei Dinge Sorgen: Datenschutz, Ausgrenzung und Sicherheit. So wie „smarte“ Städte aktuell gestaltet werden, führt der Einsatz von intelligenten Datensammlern dazu, dass wir nicht nur im öffentlichen Raum, sondern auch in unseren eigenen vier Wänden permanent überwacht werden.

Das ist vor allem besorgniserregend, da in den Städten demokratische Teilhabe stattfindet, politische Gruppen sich treffen, Proteste organisiert werden. Wir müssen uns fragen, für welche Bevölkerungsgruppen die smarten Städte intelligent sein sollen. Funktionieren sie auch für die Schwächsten? Was passiert mit den Menschen, die keinen Zugang zur Technologie haben?

Smarte, also mit Sensoren und Kameras ausgestattete Städte werfen ganz neue Sicherheitsfragen auf. Wenn die Regierungen dabei versagen, sensible Daten zu schützen, taumeln wir in eine Smart-City-Ära, ohne auf die möglichen Konsequenzen vorbereitet zu sein: Was passiert, wenn die digitale städtische Infrastruktur gehackt wird? Dann könnten wir nachts zum Beispiel im Dunkeln sitzen, da die smarte Straßenbeleuchtung auf einen Schlag ausgeschaltet wurde.

Schon jetzt kann man erkennen, dass Smart Cities so gestaltet sind, dass sie die Bedürfnisse von Großkonzernen erfüllen und nicht die ihrer Bewohner. Während nach außen so getan wird, als seien intelligente Applikationen dafür geschaffen, das Leben zu vereinfachen und Ressourcen zu schonen, beobachten wir etwas anderes: Smart Cities ermöglichen dem Staat und Großkonzernen gleichermaßen, Daten zu sammeln und zu verkaufen. Es ist kein Zufall, dass Unternehmen wie IBM, Alphabet oder Oracle, die intelligente städtische Infrastruktur herstellen, gleichzeitig ihr Geld mit Daten verdienen.

Was für Folgen das hat, können wir schon heute sehen: In China benutzt die Regierung die gesammelten Daten, um Proteste zu verhindern. In den Vereinigten Staaten lässt sich Ausgrenzung beobachten: Während in New York die Benutzer von Apple-Smartphones einen sicheren öffentlichen Internetzugang haben, müssen die – meist ärmeren – Android-Nutzer mit dem unsicheren Zugang vorliebnehmen.

Anstatt alle Städte „smart“ zu machen, sollten die Bürgerrechte das wichtigste Kriterium sein, wenn wir über Urbanisierung nachdenken. Wir müssen auch die benachteiligten Stadtbewohner miteinbeziehen und diejenigen, die keinen Zugang zur Technik haben. Systematische Datensammlung sollte nicht die Antwort auf alle Herausforderungen der Zukunft sein. Und falls doch, dann müssen wir immerhin sicherstellen, dass die Stadtbewohner die Kontrolle über ihre Daten behalten.

Eva Blum-Dumontet ist Referentin für Smart Cities bei der Londoner Nichtregierungsorganisation „Privacy International“, die sich für den Datenschutz einsetzt.

Die Stadtplanerin

Die größte Herausforderung für Megastädte in Schwellenländern ist, viele planerische Probleme in kurzer Zeit zu lösen, ohne dadurch neue zu schaffen. Wir müssen vor allem verhindern, in der Stadtplanung visionär zu denken und uns dann in der Umsetzung in Kleinigkeiten zu verlieren. Im Moment ändert sich das Gesicht von Bombay radikal, überall wird neu gebaut. Dabei werden industrielle Flächen immer weiter zugunsten anderer Nutzungen verdrängt. Wir müssen achtgeben, dass diese Entwicklung nicht zu einer stärkeren Spaltung der Stadtgesellschaft führt. Meine Zukunftsvision ist die einer polyzentrischen Metropolregion. Jeder Bewohner muss Zugang zu Infrastruktur und die Chance auf einen Job haben. Wohnen und öffentlicher Nahverkehr müssen für den Großteil der Bevölkerung bezahlbar sein.

Das bauliche Erbe muss ebenso bewahrt bleiben wie die natürlichen Ressourcen, die Wälder, Wasservorräte, der Fischreichtum und die Landwirtschaft. Die indische Regierung hat ein „Smart City“-Programm aufgesetzt, dass konkrete Maßnahmen für hundert indische Städte bedeutet. Indem die städtische Infrastruktur und kommunalen Dienstleistungen „smart“ werden, erhoffen wir uns vor allem, dass sie kostengünstiger und weniger anfällig für Katastrophen werden.

Uma Adusumilli, Chef-Stadtplanerin der Metropolregion Bombay.

Quelle: F.A.S.
Judith Lembke
Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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