Zukunftsforscher

Das Geschäft der postmodernen Propheten

Von Jan Grossarth
 - 16:51

Matthias Horx steht vor seinem iBook und spricht zum Thema „Megatrend Frauen“. Bunte Linien schlängeln sich an der Tafel hinter ihm in Richtung Unendlichkeit. Eine Hand verweilt in der Hosentasche, die andere wippt durch die Luft. Seine Referate sind ein einträgliches Geschäft - wie auch für einige seiner Berufskollegen. Trend- und Zukunftsforscher versprechen geknechteten Büromenschen schon seit den neunziger Jahren etwa das baldige Kommen einer neuen Arbeitswelt mit „agilen, offenen Netzwerken“ statt der alten Hierarchien. Obwohl die armen Büromenschen all dies schon seit 15 Jahren hören, werden heute noch immer solche Hoffnungen geschürt.

Kleiner Berufskreis

Mehr als 100 Vorträge hält Horx in manchem Jahr. „Mein Geschäftsmodell ist, dass ich einfach dableibe“, sagt er. Konkurrenz fürchte er nicht, die Nachfrage sei groß. So treten auch seine Berufskollegen wie Kjell Nordström aus Schweden - angesichts dessen „eulenhafter“ Gestalt die „Süddeutsche Zeitung“ fragte, ob man eigentlich noch mehr nach Guru aussehen könne - auf Makler-, Banken- und Ärztekongressen auf. Oder Horst Opaschowski mit seinem unverwechselbaren Schnauzbart. Mehrere Amerikaner sind mit von der Partie. Im weiteren Sinne zählen auch Trendforschungsagenturen wie „Z Punkt“ aus Köln zum kleinen Berufskreis der Zukunftsforscher.

Es ist ein Leichtes, sich über diese Zunft lustig zu machen. Bücher ließen sich mit ihren unfreiwillig komischen Zitaten füllen - allein von den unzähligen Reden über Trends und Megatrends, die von ihnen im Internet zu sehen sind. „Und dann haben wir diese Kindheitserinnerungen an Hühner, Katzen, Hunde, die immer noch unsere Romantik durchziehen“, sagt Horx in einem Vortrag über die Urbanisierung. „Ist Europa zum Untergang verdammt?“, fragt er im nächsten und antwortet darauf: „Es muss nicht sein, weil nach den Gesetzen der Logik und der Systemtheorie können wir auch nach oben gehen“ - wenn wir nur mehr Kooperation, Diversität, Netzwerke, und so weiter.

Eine formale Ausbildung gibt es nicht

„Journalisten hassen mich“, sagt Horx. Gern zitierten sie ihn und seine Kollegen mit deren blödesten Sätzen und nicht mit den vernünftigen. „Es geht um die Deutungsmacht“, meint der Altvordere unter den Trendspähern. Sind Zukunftsforscher vielleicht nicht seriös? Horx dreht den Spieß um und nennt die Journalisten „Schamanen“. Vielleicht sind sich beide Berufsgruppen nicht unähnlich. Auch Horx, der berühmteste deutsche Zukunftsforscher, fing als Journalist an. Der Soziologe schrieb Reportagen über die alternative Welt der achtziger Jahre, etwa über eine esoterisch anmutende Saunawelt in Frankfurt: „Der Reisende wundert sich: Eine Moschee? Ein moderner Puff?“ Als Redakteur wurde es ihm zu eng. Seit fast 20 Jahren arbeitet er nun als Prophet, seit 2007 ist er auch Dozent an der Zeppelin-Universität Friedrichshafen, wo er „Früherkennung“ lehrt. Doch eine formale Ausbildung für Zukunftsforscher gibt es nicht; dafür muss man ein Universalgenie sein, oder ein Hochstapler.

Die Verkündung von Optimismus scheint ein wichtiger Erfolgsfaktor der Futuristen zu sein. Es gibt immer eine Lösung, zweifellos. Das unterscheidet sie von den alten Propheten. Die drohten auch schon mal mit Tod und Verderbnis, Horx aber macht Mut. Er selbst, der vor fast 30 Jahren ein „theokratisch organisiertes Regiment der Grünen“ hatte kommen sehen, das ein Land schaffen werde voller Windkraft und Solarzellen, nennt sich einen „politischen Futuristen“. Er macht als guter Holistiker eigentlich alles, zuletzt eine Zukunftsstudie Südtirol. Neulich habe eine arabische Bodybuilding-Studiokette von ihm wissen wollen, welche Geräte in 20 Jahren in Nahost angewandt würden, sagt er lachend. Horx gründete schon 1998 sein Zukunftsinstitut im Taunus, das heute rund 35 Mitarbeiter beschäftigt und Unternehmen berät.

„Teilweise brutalste Wissenschaft“

Die Futuristen sind postmoderne Sinnstifter, verkünden also nicht wie die Sinnstifter alter Zeiten geschlossene Wahrheiten. „Die Zukunft ist kein Rätsel, sondern ein Geheimnis“, sagt Horx. Und trotzdem: „Das ist teilweise brutalste Wissenschaft, das geht bis ins Mathematische.“ Relevante wissenschaftliche Veröffentlichungen hat er nicht vorzuweisen. Seine Kreativität belegen Dutzende Bücher: vom Science-Fiction-Roman bis zum „Megatrend-Prinzip“.

Horx selbst nennt sie „Werke“. Bescheidenheit ist in dieser Branche keine Zier. Der Futurist präsentiert im Internet sein wunderbar-holziges Wohnhaus - und die Werke seines Sohnes, Schüler und „Comiczeichner“. Die Bücher des Vaters heißen alle ähnlich, in den Titeln kommen die Wörter „Zukunft“, „morgen“ oder „Optimismus“ vor. Konkurrent Opaschowski hat ähnlich viele geschrieben, etwa „Das Moses-Prinzip: Die 10 Gebote des 21. Jahrhunderts“ oder eine „Einführung in die Freizeitwissenschaft“.

Neben freiberuflichen Zukunftsforschern gibt es auch festangestellte „Futuristen“, so wie etwa Brian David Johnson von Intel. Anders als der Ansatz der empirischen Marktforscher lautet ihre Aufgabe, neben Informationen auch den Instinkt einzusetzen zur „Mustererkennung“ ( William Gibson). Das scheint ein wertvolles Alleinstellungsmerkmal zu sein in einer Welt voller Spezialisten. Untereinander haben sich Zukunftsforscher aber nicht viel zu sagen. Einige Mal trafen sie sich in der Schweiz. Aber die Versuche, die Branche zu organisieren, hätten im „heillosen Chaos“ geendet, erinnert sich ein Teilnehmer: „Alle redeten aneinander vorbei.“ Wenn zu viele Menschen zusammenkommen, deren Beruf es ist, Klarheit in die komplexe Welt zu bringen, ist das Ergebnis anscheinend ein Durcheinander.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Grossarth, Jan (jagr.)
Jan Grossarth
Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.
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