Abgasversuche

War das den Ärger wirklich wert?

Von Michael Brendler
 - 10:35

Durch eine dicke Stahltür geht es in den engen Raum. Der Boden besteht aus Metallplatten, vom Gitter an der Decke scheint das kalte Licht der Neonröhren. Vier große Tische, ein Stuhl. Die Zeit vertreiben können sich die Probanden nur mit einem Stapel bayerischer Heimatbücher. Damit der Puls unten bleibt, heißt es. Rund zehn Euro die Stunde gibt es für jeden, der bereit ist, hier wissenschaftliches Versuchskaninchen zu spielen.

Wir befinden uns in einem Nebengebäude des Universitätsklinikums Großhadern in München. Ursprünglich hatte hier jener Versuch stattfinden sollen, der in Deutschland gerade für helle Aufregung sorgt. An zwei Dutzend Freiwilligen sollte getestet werden, ob und wie sich niedrige Konzentrationen von Stickstoffdioxid auf die Gesundheit auswirken. Dass der Versuch dann schließlich in Aachen landete, erklärt Dennis Nowak, Direktor der Arbeits- und Umweltmedizin des Klinikums der Universität München, sei nur dem Zufall zu verdanken und dem Umstand, dass die eigene Versuchskammer damals renovierungsbedürftig gewesen sei. Die Kollegen von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule sprangen ein – und haben dafür nun den ganzen Ärger am Hals.

Derartige Versuche sind keine Seltenheit

Im Auftrag der Automobilindustrie hätten bedenkenlose Forscher die Gesundheit junger Menschen aufs Spiel gesetzt, hieß es in den vergangenen Tagen. Und sich dabei kaufen und für die Interessen von VW, Daimler und BMW einspannen lassen. Von unverantwortlichen Menschenversuchen ist die Rede. Derartige Tests sind allerdings in der Umwelt- und Arbeitsmedizin keine Seltenheit. In München hat man durch die Klimaanlage der Kammer beispielsweise schon Duftstoffe eingeleitet, um zu prüfen, ob Probanden dabei Hautausschläge entwickeln. Asthmatiker haben hier schon auf der Suche nach dem Auslöser ihrer Berufskrankheit Isocyanate eingeatmet. Vor ein paar Monaten ratterten hier pausenlos zwei Drucker. Die Frage lautete, wie die Versuchspersonen auf den dabei erzeugten Feinstaub reagieren würden.

„Expositionsversuche“ nennt der Fachmann derartige Studien, bei denen es darum geht, wie der Mensch auf Schadstoffe oder Allergene reagiert. Dennis Nowak versteht die Aufregung nicht. Aber der Schreck über den Umgang mit den Aachener Kollegen steckt der ganzen Forschergemeinde sichtlich in den Knochen. „Ohne solche Probanden-Untersuchungen wären wir in der Umweltmedizin völlig aufgeschmissen“, sagt Barbara Hoffmann, Leiterin der Umweltepidemiologie an der Universität Düsseldorf. In der Realität, auf den Straßen, in den Fabriken, vor dem Kamin, habe man es immer mit einem verwirrenden Gemisch von Hunderten von Luftschadstoffen auf einmal zu tun. Deren mögliche Wirkungen beeinflussen und überlagern sich.

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Ist wirklich das Stickstoffdioxid schuld an den Problemen von Asthmakranken? Oder steckt der Feinstaub dahinter? Oder sind es beide zusammen? Um solche Fragen geht es. Und dazu müsse man die Wirkung der Stoffe eben getrennt voneinander untersuchen, sagt Barbara Hoffmann. Das funktioniert nur unter Laborbedingungen. Dazu werden Freiwillige wie in München hinter dicke Stahlwände gesetzt und Stickoxid, Feinstaub oder Ozon in exakt festgelegten Konzentrationen in den Raum geleitet. In Hannover, erzählt Dennis Nowak etwas neidisch, seien die Kollegen sogar in der Lage, Pollen durch die Decke rieseln zu lassen.

Nach zwei, drei Stunden folgen die Untersuchungen. Blut, Entzündungswerte, Funktion der Lunge – insgesamt acht verschiedene Tests ließen zum Beispiel die Versuchspersonen in Aachen über sich ergehen. Werden die Bronchien hypersensibel? Vermehren sich die Abwehrzellen? Aus solchen messbaren Vorstufen krankhafter Reaktionen kann man darauf schließen, was noch größere Dosen im Körper anrichten könnten.

Ist das ethisch noch vertretbar?

Auf der Suche nach versteckten Feinstaubbelastungen des Alltags hat Barbara Hoffmann in solchen Kammern schon Würstchen grillen und Brot toasten lassen. Es gibt aber auch weniger harmlos klingende Versuche: An der Universität Umeå nebelt der schwedische Lungenarzt Thomas Sandström beispielsweise Asthmakranke mit Dieselabgasen ein und bringt sie anschließend in Kontakt mit Allergenen. Kann es noch ethisch vertretbar sein, wenn Menschen ihre bereits angegriffene Gesundheit im Dienste der Forschung aufs Spiel setzen?

Joerg Hasford, Vorsitzender des Arbeitskreises Medizinischer Ethikkommissionen, hat dazu eine klare Haltung: „Die entscheidenden Fragen sind: Muss man damit rechnen, dass bei den Versuchspersonen irreversible Schäden auftreten? Und ist die Versuchsperson über mögliche Risiken vollumfänglich aufgeklärt worden?“ Leichte Symptome und auffällige Blutwerte seien durchaus hinnehmbar, solange sie sich schnell und vollständig zurückbildeten. Diesen Kriterien hat Sandströms Studie wohl standgehalten.

Auch was die angeblichen Menschenversuche in Aachen angeht, hätte Hasford, ehemals Professor für Biometrie an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, was das Risiko für die Probanden angeht, „kein Problem gesehen“. 1,5 Teilchen NO2 pro Millionen Luftmoleküle mussten die Versuchspersonen über drei Stunden hinweg einatmen. Bis 2002 galten in deutschen Betrieben noch fünf ppm (parts per million) über den ganzen Tag, die ganze Woche und vierzig Jahre hinweg als völlig unbedenklich. Zudem sei in Aachen immer ein Arzt vor Ort gewesen, sagt der Münchner Dennis Nowak, „ich würde selbst meine eigenen Kinder da reinsetzen“. Im Gegensatz zu Medikamententests ist in solchen Studien die Zustimmung einer Ethikkommission ohnehin nicht vorgeschrieben. Wer Freiwillige in Kammern mit Schadstoffen konfrontiert, muss sich nur – wie in Aachen geschehen – von einem solchen Gremium aus unabhängigen Experten beraten lassen. Sollte der Betreffende den Rat ignorieren, riskiert er allerdings im Fall, dass etwas schiefgeht, Kopf und Kragen.

Die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft ist traditionell eng

Ob eine Studie ethisch fragwürdig ist oder nicht, entscheidet sich allerdings nicht nur daran, ob die Probanden sie unbeschadet überstehen. Versuche, bei denen der Körper einer Person mit Schadstoffen traktiert wird, sagt Hasford, sollten wenigstens neue und für Medizin oder Wissenschaft wichtige Antworten liefern. Auch die Unabhängigkeit von externen Geldgebern spiele natürlich eine Rolle.

In dieser Hinsicht hagelte es ebenfalls Kritik an der Aachener Studie. 220.000 Euro hatte die umstrittene Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor (EUGT) auf das Drittmittelkonto von Thomas Kraus, dem Direktor des Aachener Instituts für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizinstudien, überwiesen. Als Finanzier der EUGT hatte die deutsche Automobilindustrie damit die Untersuchung fast vollständig gesponsert. In der Arbeitsmedizin ist das nichts Ungewöhnliches, die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft ist traditionell eng, das liegt schon in der Natur der Sache. Für die Industrie sind die Fachleute zudem ideale Partner, weil sie nicht nach gefährlichen Krankheitssymptomen fahnden, sondern in der Regel nur nach jenem Wert, an dem der Körper auf einen Schadstoff nur zu reagieren beginnt. Unangenehmes hatten Daimler, Bosch, VW und BMW deshalb eigentlich nie zu befürchten.

Die Vorgeschichte der Finanzierung wirft Fragen auf

Irritierend ist allerdings die Vorgeschichte der Finanzierung. Für potentiell gesundheitsschädliche Arbeitsstoffe wie Stickstoffdioxid definiert eine Kommission der Deutschen Forschungsgemeinschaft sogenannte maximale Arbeitsplatz-Konzentrationen (MAK). Diese legen die Höhe der Dosis fest, der man ein Berufsleben lang ohne gesundheitliche Beeinträchtigungen täglich ausgesetzt sein darf. Bis 2002 galten beim Stickstoffdioxid wie gesagt fünf ppm für Bergarbeiter und Lkw-Fahrer als unbedenklich. Dann aber stellte sich heraus, dass der Körper schon auf niedrigere Konzentrationen reagiert. Der Grenzwert wurde ausgesetzt. Erst sieben Jahre später rangen sich die 36 Experten zu einer neuen Festlegung durch. 0,5 ppm dürfen seitdem im Tagesdurchschnitt nicht mehr überschritten werden.

In einem neun Seiten langen Dokument wurde seinerzeit ausführlich begründet, warum man diese neue Grenze für wissenschaftlich belegt hält. Dort findet sich auch ein kurzer Satz, auf den sich nun die Autoren der Aachener Studie berufen: „Eine Recherche ergab keine neuen Probandenstudien mit kontrollierter Exposition gegenüber NO2.“ Durch diese Formulierung wäre schließlich zu neuen Expositionskammer-Experimenten aufgerufen worden.

Der Münchner Klinikdirektor Dennis Nowak erinnert sich, wie eines Tages Helmut Greim, der Leiter des wissenschaftlichen Beirats des EUGT, anklopfte: „Er kam auf uns zu und fragte: Wollen Sie hier nicht eine Studie machen, die EUGT würde das Geld dafür höchstwahrscheinlich zur Verfügung stellen.“ Der Kollege aus der Kommission, der den neuen MAK-Grenzwert festgelegt hatte, war damals gleichzeitig Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der EUGT, die auch andernorts Forschungsprojekte unterstützte, wenn sie mit Ergebnissen im Sinne der Autohersteller rechnen durfte. Ergebnisse zum Beispiel, die sich als Argument gegen härtere Umweltauflagen verwenden ließen.

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Nach breiter KritikAachener Uniklinik verteidigt Abgasversuche

2010 präsentierte Rudolf Jörres, der Leiter der experimentellen Umweltmedizin in Nowaks Institut, der EUGT ein erstes Konzept für eine neuerliche Studie. Zwei Jahre später wurde sie dann in Aachen durchgeführt. „Uns wurde weder bei Planung, Durchführung noch bei Auswertung in die Studie hereingeredet“, versichert Jörres. Ohne das Geld der Automobilindustrie, das gibt er allerdings unumwunden zu, hätte sie wahrscheinlich nie stattgefunden: „Ich hätte nicht zwei Wochen verschwendet, um einen sinnlosen Förderungsantrag zu schreiben und wäre auch nicht auf der Suche nach Geldgebern herumgetingelt.“

Bleibt die Frage, wie notwendig eine Studie war, für die offenbar niemand ohne Hintergedanken zahlen wollte? Zumal es 2002 schon einmal eine ganz ähnliche Arbeit gab. Damals nebelte der Umweltmediziner Mark Frampton von der Universität im amerikanischen Rochester 21 gesunde Probanden ebenfalls drei Stunden lang mit NO2 ein. Auch die verwendeten Konzentrationen waren mehr oder weniger identisch. Ergebnis: Frampton fand tatsächlich erste Anzeichen für eine Entzündung und eine Überempfindlichkeit der Atemwege, „allerdings waren sie gering und wahrscheinlich für gesunde Menschen unerheblich“, schränkt er ein. In Aachen wurde dieser Versuch mehr oder weniger wiederholt.

„Es ging um den wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn“, verteidigt Jörres die Arbeit. Mit alltagstauglicheren Geräten und einer besseren Analytik habe man die Ergebnisse der Kollegen und den neuen Grenzwert noch einmal überprüfen wollen. „Wir hatten sogar fest damit gerechnet, Auffälligkeiten zu finden.“ Schließlich war die Höchstkonzentration von 1,5 ppm gerade darauf ausgelegt, erste Körperreaktionen zu erzeugen. Mit einer solchen Positivprobe belegen auch andere Wissenschaftler den korrekten Aufbau ihres Versuchs. Rudolf Jörres, Thomas Kraus und ihre Mitautoren fanden zur eigenen Enttäuschung nichts. Im Gegensatz zu den Experimenten anderer Kollegen schienen ihre Versuchspersonen auf das Stickstoffdioxid nicht zu reagieren – was den Interessen der Automobilindustrie natürlich entgegenkam. Allerdings, so schreiben die Autoren, könne man nicht ausschließen, dass eine chronische Exposition sich anders auswirken würde. Mit anderen Worten: der Gesundheit der Patienten schaden. „Die Berichterstattung über unsere Studie hat für mich, für das Institut, womöglich für das ganze Fach einen Riesenschaden angerichtet“, klagt Kraus. War der geringe wissenschaftliche Erkenntnisgewinn wirklich diesen Preis wert?

Quelle: F.A.S.
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