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Dem Schlinger an den Kragen

Von Jörg Albrecht
 - 10:48

Für den kommenden Winter habe ich mir vorgenommen, den Knöterich zu beseitigen. Er hat bereits einen Apfelbaum unter sich begraben und ihn nach und nach erstickt; jetzt hält er Ausschau nach neuen Opfern. Gegen das Gewirr kommt man kaum an, das dürre Zeug lässt sich nicht so einfach in den Schredder stopfen, brennen will es auch nicht.

Eine kurze Recherche ergab, dass ich mit dem Problem nicht allein bin.

Aber es herrscht auch viel Verwirrung. „Knöterich“ ist der Sammelname für eine Familie von Gewächsen mit mehr als tausend Arten. Dazu gehören nützliche Vertreter wie der Rhabarber, aber auch lästige Unkräuter wie der Alpen-Ampfer. Zur Plage wird am ehesten die Gattung der Flügelknöteriche, und da ist es wahrscheinlich der Schlingknöterich Fallopia baldschuanica, der sich im Garten breitmacht. Manche Baumschulen preisen ihn immer noch als anspruchslose Kletterpflanze an, die in kurzer Zeit Sichtschutz bietet oder hässliche Fassaden begrünt. Aber klettern kann dieser Knöterich gar nicht, er braucht etwas, das er umschlingen kann. Fünf, sechs Meter pro Saison schaffen seine Triebe locker, sie verholzen, und wenn man nicht aufpasst, ist ruck, zuck die Regenrinne dicht oder gleich das ganze Dach überwuchert.

Eine der schlimmsten invasiven Pflanzen überhaupt

Der Schlingknöterich gehört nicht zu den heimischen Gewächsen, entdeckt hat ihn der deutsch-russische Botaniker Eduard August von Regel 1883 im heutigen Tadschikistan. Von da hat es die Pflanze über Mitteleuropa und Nordamerika bis nach Neuseeland geschafft.

Noch steiler verlief die Karriere des Japanischen Staudenknöterichs Fallopia japonica. Der bayerische Arzt Philipp Franz Balthasar von Sieburg brachte ihn im Rahmen seiner Tätigkeit für die Niederländische Ostindiengesellschaft um 1820 herum aus Japan mit. Besonders in England stieß die Neuheit auf große Begeisterung. Der einflussreiche Gartenautor William Robinson lobte sie als „eine Pflanze mit höchsten Vorzügen“, sie sei „zweifellos eine der edelsten Rabattenstauden, die angebaut werden“. Er vergaß allerdings hinzuzufügen, dass sie auch eine der vermehrungsfreudigsten ist.

Der japanische Knöterich schiebt seine Rhizome in alle Richtungen, ausgraben lassen sie sich nur schwer, und selbst das kleinste abgebrochene Stück schlägt wieder aus. Durch Gartenabfälle und ausgehobene Erde hat dieser Neophyt in weniger als hundert Jahren halb Großbritannien erobert; nicht nur dort gilt „Japanese knotweed“ als eine der schlimmsten invasiven Pflanzen überhaupt. Dazu nächste Woche mehr.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Albrecht Jörg (echt)
Jörg Albrecht
Verantwortlich für das Ressorts „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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