Alles im grünen Bereich

Der verdammte Glatthafer

Von Jörg Albrecht
 - 19:04

Zum zweiten Mal in diesem Jahr die Wiese gemäht. Und wieder war es eine Viecherei. Durch das anhaltend feuchtwarme Wetter war sie in die Höhe geschossen. Aber leider nur zum Teil. Es setzen sich unter solchen Bedingungen nicht die hübschen kleinen Blumen durch, die der Laie vor Augen hat, wenn er an das Stichwort Wiese denkt. Sondern ausgesprochene Rüpel wie der Glatthafer.

Mit Wuchshöhen bis ein Meter fünfzig ist der Gewöhnliche Glatthafer (Arrhenatherum elatius) eines der größten heimischen Süßgräser. Er wurzelt tief und bildet oberirdisch Horste, in denen man unweigerlich steckenbleibt, wenn die Sense oder der Mäher oder was auch immer hineinfährt. Unsere Vorfahren mussten sich noch nicht mit dem störrischen Gras herumschlagen. Auf dem Vormarsch ist der Glatthafer erst, seit in der Landwirtschaft großzügig mit Dünger umgegangen wird. Den schluckt er weg wie nichts und verdrängt dadurch kleinere, weniger konkurrenzstarke Pflanzen.

Selbst mit ähnlich robusten Wettbewerbern wird er fertig, wie der berühmte Hohenheimer Grundwasserversuch gezeigt hat. Der Geobotaniker Heinz Ellenberg führte ihn in den fünfziger Jahren mit verschiedenen Grasarten durch, darunter Wiesenfuchsschwanz, Glatthafer und Aufrechte Trespe. Wenn man sie für sich allein aussäte, bevorzugte jedes dieser Gräser mittelfeuchten Boden. Pflanzte man sie aber zusammen, wurde der Wiesenfuchsschwanz in den feuchten Bereich des Beetes und die Trespe in den trockenen Bereich verdrängt. Einzig und allein der Glatthafer schaffte es, seinen Lieblingsplatz zu verteidigen, womit der biologische Lehrsatz begründet wurde, dass die physiologische Präferenz nicht unbedingt mit dem ökologischen Optimum zusammenfällt.

Und das Gras kann sich sogar erinnern

Zäh, wie er ist, kommt der Glatthafer selbst mit Trockenheit zurecht. Offenbar kommt ihm dabei sein Gedächtnis zugute. Die beiden Forscherinnen Anke Jentsch von der Universität Bayreuth und Julia Walter vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig konnten das vor einiger Zeit in einem Experiment zeigen. Sie zogen das Gras in Töpfen und gossen nur die einen, während die anderen zwei Wochen lang gar kein Wasser erhielten. Dann schnitten sie alle Pflanzen kurz und ließen sie wieder austreiben, ehe es erneut eine Dürreperiode, dieses Mal aber für beide Gruppen gab. Der Hafer, der das schon kannte, überstand sie deutlich besser als seine verwöhnten Genossen.

Bei mir hat es der Glatthafer anscheinend gut. Alle Versuche, ihn durch zweifache Mahd und den Abtransport des Schnittgutes auszuhungern, zeigen nur bescheidenen Erfolg. So einfach ist es nicht, eine Fettwiese in eine Magerwiese zu verwandeln. In jüngster Zeit ist noch eine Beobachtung hinzugekommen: Einige Nachbarn, anscheinend aufgerüttelt durch Berichte über das große Vogel- und Insektensterben, sind dazu übergegangen, manche Teile ihres Rasens nicht mehr raspelkurz zu halten, sondern ihnen zwischendurch ein paar Wochen Pause zu gönnen. Und siehe da: Es kommen Wiesenmargeriten und manch andere Blüten zum Vorschein. Mehr als bei mir jedenfalls. Was die Frage aufwirft, wie häufig so eine verdammte Wiese wirklich gemäht werden sollte. Man kann dazu tief in die Fachliteratur einsteigen. Und landet bei der Erkenntnis: Es kommt ganz darauf an.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Albrecht Jörg (echt)
Jörg Albrecht
Verantwortlich für das Ressorts „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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