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Alles im grünen Bereich

Die Tricks der Züchter

Von Jörg Albrecht
 - 09:22
Alles im grünen Bereich: Die Tricks der Züchter Bild: Charlotte Wagner, F.A.S.

Vergangene Woche war die Rede von der blauen Dahlie. Einstweilen existiert sie nur als Titel eines Filmklassikers von 1946. Im Jahr darauf wurde in Los Angeles die Leiche einer jungen Frau gefunden, die auf grausamste Weise verstümmelt war. Die Medien nannten sie wegen ihrer Haarfarbe und in Anspielung auf den Film die „Schwarze Dahlie“. Ihr Mörder wurde nie gefunden. Der Fall blieb so mysteriös, dass ihn Brian de Palma sechs Jahrzehnte später verfilmte. Als Requisit diente eine Dahlie, die mit Hilfe schwarzer Tinte umgefärbt wurde.

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Das wäre eigentlich nicht nötig gewesen. Denn unter rund zwanzigtausend bekannten Dahliensorten gibt es eine Handvoll, die tatsächlich als schwarz angepriesen werden, beispielsweise ’Karma Choc‘ oder ’Arabian Night‘. Bei näherer Betrachtung würde man sie allerdings eher als tiefviolett einstufen. Wie diese ungewöhnlich dunkle Farbe zustande kommt, haben vor einigen Jahren

Forscher der Technischen Universität Wien herausgefunden. Weiße und gelbe Dahlien produzieren ausschließlich Flavone, rötliche Dahlien zusätzlich Anthocyane. Beide Farbstoffe gehen aus denselben Zwischenprodukten des Stoffwechsels hervor. Im Falle der schwarzen Dahlien hemmt ein bestimmtes Enzym die Bildung der hellen Flavone, wodurch die dunkle Anthocyanfärbung umso stärker hervortritt.

Bisher kommt immer nur violett zustande

Pflanzenzüchter halten immer Ausschau nach Tricks, mit denen sich ausgefallene Blütenfarben erzeugen lassen. Seit ewigen Zeit im Gespräch ist zum Beispiel die blaue Rose. Die australische Firma Florigene rühmt sich, sie hervorgebracht zu haben, indem sie den üblichen Weg der Farbstoffbildung in der Rose blockierte und durch Gene aus Stiefmütterchen und blauer Iris ersetzte, wodurch die Pflanze prinzipiell imstande ist, den artfremden Farbstoff Delphinidin zu produzieren. Weil aber der pH-Wert, unter dem eine Rose gedeihen kann, zu sauer ist, kommt doch nur wieder ein violetter Farbton zustande. Ähnlich sieht es mit den knapp zwei Dutzend gentechnisch veränderten blauen Nelken (’Moondust‘) aus, die das Unternehmen in Südamerika anbaut und nach erteilter Zulassung auch als Schnittblumen in die Europäische Union einführen darf.

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Es geht aber auch ohne Genehmigung. Der finnische Pflanzengenetiker Teemu Teeri, der selbst an veränderten Gerbera forscht, entdeckte an einer Bahnhofsstation in Helsinki zufällig einen Kübel mit auffällig lachsfarben blühenden Petunien. Weil ihn das an einen frühen Freisetzungsversuch erinnerte, der vor dreißig Jahren am Kölner Max-Planck-Institut für Pflanzenzüchtung durchgeführt worden war, ließ er die Pflanzen testen. Sie waren eindeutig in derselben Weise mit einem Gen manipuliert worden, das ursprünglich aus Mais stammt. Von wem, ließ sich nicht mehr herausfinden.

Die zuständigen Aufsichtsgremien wurden informiert, und es stellte sich heraus, dass die Gen-Petunien klandestin einen weltweiten Siegeszug angetreten hatten. Bis heute sind Fremdgene in mehr als fünfzig Petuniensorten gefunden worden, darunter so populären wie ’African Sunset‘ oder ’Amore mio‘. Sie müssen nun von den Anbietern vernichtet werden. Was der Privatgärtner damit anstellt, bleibt seine Sache.

Quelle: F.A.S.
Jörg Albrecht
Verantwortlich für das Ressorts „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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