Alles im grünen Bereich

So bleibt der Rasen Sieger

Von Jörg Albrecht
 - 12:31

Ende Oktober kommt für den Gärtner die Zeit, Bilanz zu ziehen. Äpfel gab es in diesem Jahr gar keine, auch der Kirschbaum hat ungnädig reagiert auf die Spätfröste kurz nach Ostern. Die Dahlienknollen, ein Geschenk der Patentante, haben sich Zeit gelassen und bis heute nicht geblüht. Die Rosen dagegen haben das Wetter offenbar gemocht, kaum eine Blattlaus ließ sich blicken. Doch am besten von allen hat sich der Rasen gemacht.

Ich habe lange herumprobiert, wie ich mein Stück Zierrasen vom Klee befreien kann. Das ist ein freches Kraut, das seinen Bedarf an Stickstoff selbst deckt, indem es ihn mit Hilfe von Knöllchenbakterien aus der Luft fixiert. Erst dachte ich, möglichst tiefes Mähen würde helfen. Das hat nur den Gräsern geschadet, der Klee wuchs ihnen munter über den Kopf. Dann habe ich das Gegenteil versucht, und der Klee hat die Gelegenheit sofort beim Schopf gepackt, um zu blühen und Samen zu produzieren. Schließlich war ich fast so weit, die chemische Keule hervorzuholen. Ein bewährtes Mittel in solchen Fällen ist Dicamba, 3,6-Dichlor-2-Methoxybenzoesäure. Es wirkt als Wachstumsbeschleuniger, zweikeimblättrige Pflanzen lässt es derart in die Höhe schießen, dass sie daran zugrunde gehen; die einkeimblättrigen Gräser überleben das. Dicamba ist in den meisten Unkrautvernichtern für Rasenflächen enthalten, häufig ergänzt durch 2,4-Dichlorphenoxyessigsäure, kurz 2,4-D, das auf ähnliche Weise wirkt. Dann las ich, dass die Amerikaner das Zeug während des Vietnamkriegs als Entlaubungsmittel eingesetzt haben, und der Pazifist in mir sagte laut und deutlich: Lass die Finger davon.

Fort ist der Klee nicht. Aber sichtbar eingeschüchtert

Wenn man dem Gegner nicht anders beikommen kann, muss man ihn mit seinen eigenen Waffen schlagen. Ich beschloss, dem Klee eine Extraportion Stickstoff zu verpassen. Hornspäne eignen sich hervorragend dafür, sie riechen nur etwas streng. Anfang März, kaum hatte alles zu wachsen begonnen, verteilte ich fünf Kilo davon. Hornspäne zersetzen sich langsam, aber ein Gärtner übt sich ohnehin in Geduld. Alle zwei Monate legte ich nach. Mit einem Dünger, der neben Stickstoff auch Phosphat und Magnesium brachte, noch mal mit Hornspänen, mit einer sogenannten Rasenkur, die vor allem Eisen und andere Spurenelemente liefern sollte; zum Schluss gab es einen Dünger mit wenig Stickstoff und viel Kalium.

Was soll ich sagen? Unterm Strich hat es funktioniert. Der Klee ist nicht fort, aber sichtbar eingeschüchtert. Die Gräser, gemästet wie nie, haben ihn überrundet. Ein bis zweimal die Woche musste ich mähen. Das hält selbst jetzt noch an. Obwohl es langsam an der Zeit wäre, dass der Rasen mal Pause macht. Um glücklich über den Winter zu kommen, sollte er seinen Stoffwechsel besser herunterfahren und möglichst viele Kohlenhydrate speichern, die in den Zellen als Frostschutzmittel dienen. Dazu wäre es hilfreich, wenn die Temperaturen allmählich sinken würden und nicht urplötzlich in den Keller fallen.

Zum Thema „Winterstress bei Rasengräsern“ hat die Scandinavian Turfgrass and Environment Research Foundation zehn Merkblätter hervorgebracht, die wirklich ins Detail gehen. Wer keinen Golfplatz betreibt, muss nicht alle Tipps beherzigen. Der wichtigste lautet kurz und knapp: Niemals bei Kahlfrost den Rasen betreten.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Albrecht Jörg (echt)
Jörg Albrecht
Verantwortlich für das Ressorts „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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