Alles im grünen Bereich

Was ist nun mit der Myrte?

Von Jörg Albrecht
 - 11:26

Myrte statt Buchsbaum, hatte ich vergangene Woche geschrieben. Man kann sie in der Tat gut in Form schneiden, sie sieht dem Buchs ähnlich und hat bislang keinen bösen Zünsler zum Feind, sondern allenfalls Schildläuse und Weiße Fliege, die man aber mit systemischen Mitteln ganz gut in den Griff bekommen kann. Heikel ist die Myrte nur, was das Wässern betrifft. Steht sie zu trocken, wirft sie die Blätter ab, steht sie zu feucht, passiert dasselbe. Kalk mag sie ebenfalls nicht, deshalb sollte mit Regenwasser gegossen werden, das ins Saure tendiert.

Fühlt sich die Myrte wohl, setzt sie kleine weiße Blüten an. Die reifen, meist blauen Beeren dienten vor der Einführung des Pfeffers nach Europa als Gewürz, woran der Name der Wurstsorte Mortadella erinnert, der sich aus Myrtatella herleitet. Auf Sardinien werden die Beeren heute noch verwendet, um einen Likör zuzubereiten; die Blätter enthalten, ähnlich wie die Rinde von Weiden, Salicylsäure, weshalb die Myrte seit alters her gegen Schmerzen und Fieber verordnet wurde.

Die sonstigen Eigenschaften des immergrünen Strauches sind geradezu mythisch. Als das Volk Israel in babylonischer Gefangenschaft schmort, wird ihm prophezeit, dass es an einen Ort gelangen wird, wo statt Dornen Zypressen aufgehen werden und statt Brennnesseln Myrten (Jesaja 55, 13). Im klassischen Altertum war die Myrte der Aphrodite beziehungsweise Venus geweiht, der Göttin der Schönheit und der Liebe, folgerichtig wurden auch irdische Bräute damit geschmückt. Der Brauch hat sich in der frühen Neuzeit über die Alpen hinweg nach Nordeuropa ausgebreitet. Als Kate Middleton 2011 in der Westminster Abbey den Thronfolger William heiratete, steckte in ihrem Brautstrauß ein Zweig von jenem Strauch, den Queen Victoria einst aus einem Ableger jener Pflanze gezogen hatte, von der sich ein Zweig auch in ihrem Brautschmuck fand.

Das Mittelmeergewächs kann Kälte überhaupt nicht leiden

In Deutschland hat das ebenfalls Tradition. Im Schau- und Sichtungsgarten Hermannshof in Weinheim an der Badischen Bergstraße können Besucher eine 138 Jahre alte, sechs Meter hohe Myrte bewundern, die von der Deutschen Dendrologischen Gesellschaft zum „Champion Tree 2017“ gewählt wurde. Sie wurde aus dem Brautkranz der Gattin des Unternehmers Hermann Freudenberg gezogen, der das Anwesen ursprünglich als Sommersitz gekauft hatte.

Die Hermannshofer Myrte ist zweifellos eine beeindruckende Erscheinung, aber eine singuläre. Eigens für sie wird jedes Jahr im Herbst ein temporäres Gewächshaus errichtet, das den im Freien wachsenden Baumstrauch vor dem Frost schützen soll. Denn eines darf man bei aller Liebe nicht vergessen: Myrtis communis ist ein Mittelmeergewächs, das nur sehr begrenzt frosthart ist. Am Comer See mag es noch über den Winter kommen, hierzulande hat es angesichts von Kahlfrösten und plötzlichen Kälteeinbrüchen keine Chance. Vielleicht ändert sich das mit dem Klimawandel, aber bis dahin werden Gartenfreunde die Myrte im Kübel pflanzen und ähnlich wie den Oleander mit dem Beginn der kalten Jahreszeit ins Haus holen müssen.

Und damit scheint auch die Idee hinfällig, eine Buchsbaumhecke durch eine Myrtenhecke ersetzen zu wollen. Für ein temporäres Arrangement samt Lorbeer und Orangenbäumchen reicht es. Für einen echten Buchsersatz nicht.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Albrecht Jörg (echt)
Jörg Albrecht
Verantwortlich für das Ressorts „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenKate Middleton