Alles im grünen Bereich

Willkommen, Runzelbruder

Von Jörg Albrecht
 - 10:44

Wenn man einen Feind hat, sollte man ihn studieren, bevor man ihn bekämpft. Es wäre beispielsweise gut zu wissen, welches Moos sich im Rasen breitmacht, ehe Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Mit einiger Wahrscheinlichkeit wird es sich um Rhytidiadelphus squarrosus handeln, den Sparrigen Runzelbruder. Warum er „sparrig“ genannt wird, erschließt sich, wenn man ihn genauer betrachtet – die einzelnen, von oval nach spitz zulaufenden Blättchen stehen fast waagerecht vom Stämmchen ab.

Der Runzelbruder kommt vor allem auf kurz gehaltenen Weiden, Golfplätzen und Zierrasen vor. Er ist ein zäher Bursche und treuer Begleiter des Gärtners, es lässt sich kaum noch sagen, was sein natürlicher Standort wäre. Ganz untypisch für ein Moos, akzeptiert er sowohl nährstoffarme wie gut gedüngte Böden und macht sich auch wenig daraus, ob sie sauer oder basisch sind. Durch Gaben von Kalk, wie meist empfohlen, wird man ihn also kaum vertreiben. Ich bilde mir ein, dass er kümmert, wenn ich Teile meiner Wiese in die Höhe wachsen lasse und nur noch zweimal im Jahr mähe. Vermehren lässt er sich dagegen mühelos, indem man ganze Büschel aufnimmt, zerrupft und irgendwo hinstreut, wo es nicht allzu trocken ist. Durch Sporen pflanzt er sich angeblich nur selten fort.

Statt zu verkümmern, wächst es umso dichter

Im Gegensatz zum Runzelbruder fruchtet das Krückenförmige Kurzbüchsenmoos (Brachythecium rutabulum), das man ebenfalls im Rasen findet, gern und häufig. Auf diese Weise hat es sich praktisch über den gesamten Erdball verbreitet. Wenn man den Rasen düngt, um es loszuwerden, wie immer und überall geraten wird, zeigt sich das nährstoffliebende Kurzbüchsenmoos ausgesprochen dankbar und wächst nur umso dichter.

Runzelbruder und Büchsenmoos kann man morphologisch leicht auseinanderhalten . Es handelt sich bei ihnen, ähnlich wie beim Gänseblümchen, um sogenannte synanthrope Arten, die sich an den menschlichen Siedlungsbereich angepasst haben und aus diesem kaum noch verbannt werden können. Anders verhält sich das mit dem Goldenen Frauenhaarmoos (Polytrichum commune), das in japanischen Moosgärten so beeindruckende Bestände bildet. Hierzulande gedeiht es in sumpfigen Wäldern und kann bis zu einem halben Meter hoch werden. Die Alchemisten haben mit dem Frauenhaarmoos allerhand Zauber getrieben, auch soll man daraus im Mittelalter Schiffstaue geflochten haben. Es gibt einige kleinere Polytrichum-Arten wie P. perigoniale, P. formosum oder P. piliferum, die sich nach Ansicht des hier schon mehrfach zitierten Botanikers Jan-Peter Frahm besser für den Garten eignen.

Im Internet findet man gelegentlich Rezepte, in denen zu lesen ist, man solle den Untergrund, auf dem man Moose ansiedeln will, mit aufgelöstem Pferdedung, Bier, Joghurt oder Buttermilch bestreichen; nach Ansicht des Fachmanns Frahm ist das Quatsch. Auch die Anzucht aus Sporen empfiehlt er nur in Ausnahmefällen und rät stattdessen zur vegetativen Vermehrung. Gießen sollte man mit Bedacht und nach Möglichkeit mit Regenwasser, weil die meisten Moose eben doch einen niedrigen pH-Wert zu schätzen wissen. Darüber hinaus hat Jan-Peter Frahm bei der Entwicklung von Moosmatten mitgewirkt, die inzwischen kommerziell vertrieben werden. Mehr dazu nächste Woche.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Albrecht Jörg (echt)
Jörg Albrecht
Verantwortlich für das Ressorts „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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