Alles im grünen Bereich

Mit Hesse ans Werk

Von Jörg Albrecht
 - 10:25

Unlängst vertrat ich die These, dass Gärtnern und Schreiben nicht gut zusammengehen. Kaum ein Schriftsteller von Rang hätte sich jemals ernsthaft im Garten betätigt. Es gibt jedoch eine Ausnahme: Hermann Hesse. Der Spiegel widmete ihm vor sechzig Jahren sogar ein Titelbild, auf dem der Nobelpreisträger unter einem Strohhut schrullig in die Gegend schaute; der dazugehörige, nicht eben schmeichelhafte Artikel versuchte den Beweis zu führen, dass Hesse sich durch seinen Rückzug ins gärtnerische Privatidyll in einen engstirnigen Kleingeist verwandelt habe.

Man mag zu Hesses Werk stehen, wie man will – er hat tatsächlich einiges zum Thema Garten veröffentlicht. Es sei etwas von Schöpferlust dabei, wenn man ein Stückchen Erde ganz nach seinem Kopf und Willen gestalte, schrieb er 1908. Da hatte er sich und seiner Familie gerade ein Haus in Gaienhofen am Bodensee bauen lassen und sah voller Ungeduld der ersten Ernte entgegen. Besonders zielstrebig scheint er aber nicht vorgegangen zu sein, denn er war zu dieser Zeit unablässig auf Reisen, zu seinem Verleger nach München, auf den Monte Verità, um sich nackt in einer Höhle zu kasteien, schließlich nach Indien, wo er auf höhere Weisheiten hoffte. Ums Gemüse hat sich derweil höchstwahrscheinlich seine zunehmend unglückliche Frau Mia gekümmert.

Hesse, der Träumer

Schon fünf Jahre nach dem Einzug ins neue Haus wird es samt Garten wieder aufgegeben. Hesse gerät in den Trubel von Krieg und Nachkriegszeit, er kommt erst wieder zur Ruhe, nachdem er sich mit seiner dritten Frau Ninon 1931 in der Casa Rossa oberhalb von Montagnola niedergelassen hat. Dort hat er einen schönen Blick auf den Luganersee und erstmals wieder einen Garten zu bewirtschaften, einen elftausend Quadratmeter großen Steilhang, den er von einer Gartenbaufirma terrassieren lässt. Den dazugehörigen Weinberg wäre er gern wieder losgeworden, so aber muss ihm ein Tagelöhner zur Hand gehen.

Was Hesse selbst im Garten suchte und fand, hat er in einem Gedicht beschrieben, das wie Vergils „Bucolica“ in Hexametern daherkommt. „Morgens so gegen sieben verlass ich die Stube, Korb und Häckchen nehm ich und trete, der Sonne entgegen, meinen Morgenweg an.“ Der ihn hangabwärts führt, hier und da im Vorbeigehen ein Unkraut zupfend, „denn so will’s das Gefühl: man halte sauber den Garten“, bis er bei den Tomaten anlangt („meine, sag ich, denn ich bin’s, der sie gepflanzt hat und hütet, so wie andre Gemüse der Frau unterstehn“). Sie werden gebührend bewundert und bei Bedarf hochgebunden, dann geht es endlich ans eigentliche Werk des Tages. Hesse nennt es „Erdebrennen“: Mit Zeug und Kraut wird stundenlang gezündelt, bis alles zu Asche geworden ist. „Diese dann, peinlich gesiebt, bedeutet den Stein mir der Weisen, ist mir Ertrag und köstliche Frucht der verköhlerten Stunden, die ich in kleinem Kessel wegtrage und sparsam im Garten verteile.“

Nun denn. Der Schriftsteller Karlheinz Deschner kam in seiner Streitschrift „Kitsch, Konvention und Kunst“ zu dem Urteil, dass Hesse so vernichtend viele niveaulose Verse veröffentlicht habe, sei eine bedauerliche Disziplinlosigkeit. Aus Gärtnersicht kann man nur sagen: Hesse war ein Träumer. Das sind nicht immer die Schlechtesten.

Quelle: F.A.S.
Jörg Albrecht
Verantwortlich für das Ressorts „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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